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Fußball in der Psychiatrie:"Man freut sich dann, wenn sich einer wieder derappelt hat"

Manfred ist auf dem Platz nicht der Schnellste, aber ein guter Taktierer.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Stefan Holzer hat vor 20 Jahren ein Fußball-Team für die Patienten der Psychiatrie in Haar gegründet. Nun läuft ein Dokumentarfilm über die ungewöhnliche Mannschaft im Kino.

Drei schnelle Pässe, dann ist der Ball im Tor. Manfreds Mannschaft hat ihn im Mittelfeld erobert. Pass zu Alex, dem Mittelstürmer. Der hat ihn weiter auf die rechte Seite gespielt, zu Manfred. Kurzer Blick, erneuter Querpass in die Mitte. Alex kommt herangestürmt und schiebt den Ball lässig in die rechte untere Ecke. Abklatschen. Lächeln. "Schön gespielt", sagt Manfred.

Ein Samstagabend im Hochsommer, kurz nach 18 Uhr. Die Bäume werfen bereits erste Schatten auf den Rasen, doch noch immer brennt die Sonne. Die ersten Spieler trotten über den Platz, die Hitze verleiht ihren Bewegungen eine gewisse Trägheit. Einige haben früher in einem Verein gespielt, so wie Andi, der Torwart. Bei anderen wirkt es so, als hätten sie zum ersten Mal einen Ball am Fuß. Und wieder andere spielen eigentlich schon ihr ganzes Leben Fußball, aber wollten nie im Verein spielen oder haben es nicht geschafft. Bis es zu spät war. Einer ist schizophren. Andere psychotisch. Und wieder andere depressiv, traumatisiert von einer Zeit, die sie selbst gar nicht erlebt haben. So wie Manfred.

Stefan Holzer kommt ein paar Minuten zu spät. Eilig bindet er sich die Schuhe. Dann läuft er auf den Platz, teilt Mannschaften ein, verteilt Leibchen. Zwischendurch umarmt er ein paar Spieler, klatscht mit ihnen ab. "Servus, Coach", grüßen sie ihn. Sie wissen: Ohne ihn gäbe es diese Mannschaft wohl nicht.

1997, mit Anfang 20, hat Holzer die Fußballmannschaft für Patienten der Psychiatrie in Haar gegründet. Holzer hat dort seinen Zivildienst gemacht, er hat gesehen, wie die Patienten alles bekommen haben, was sie zum Leben brauchen. Essen, Trinken, Therapie, Medikamente. Alles da. Aber will man so leben? "Zum Leben gehört doch so viel mehr dazu", sagt er. Jeder Mensch braucht Freunde, will irgendwo dazugehören. Also hat er rumgefragt, wer Lust auf Fußball hat. Das erste Mal spielen sie im Februar '97 auf einem Acker auf dem Klinikgelände. In der Mittagspause, in Gummistiefeln. Ohne Psychologen, ohne therapeutische Gespräche. Einfach so. Einfach Fußball.

Manche der Ärzte haben gelacht über ihn, den jungen Zivi. Seine Spieler haben gefragt: Wann spielen wir wieder? Also hat er weiter gemacht. Mehr als 20 Jahre. Er hat ein internationales Fußballturnier für Psychiatriemannschaften ins Leben gerufen. Er ist mit seiner Mannschaft nach England gereist, Italien, Österreich. Er hat Enttäuschungen erlebt. Rückschläge. Stress. Und Momente puren Glücks.

Manchmal zwickt es nach dem Spiel

Neun gegen neun spielen sie an diesem Samstag. Holzer, weißes Haching-Trikot, Rückennummer 21, Spielername Holzer, ist in die Innenverteidigung gegangen. Rechts neben ihm Wolfram, weiße Haare, leichter Bauchansatz, der über sich selbst lachen muss, als er erklärt, er habe nach dem Training oft Gelenkschmerzen. Trotzdem spielt er mit und schießt sogar ein Tor. Auch bei Manfred zwickt es nach dem Spiel immer öfter. Er ist jetzt 67, allzu viel laufen kann er beim Spielen nicht mehr. "Aber das Stellungsspiel funktioniert noch", sagt er. Den Ball annehmen, Haken schlagen, Doppelpässe, früher ging das alles schneller. Aber Manfred hat einen Sinn für das Spiel. Er erkennt Lücken, schickt seine Mitspieler in die Räume. Seine Kommandos führen manchmal zu Toren.

So wie früher, auf den Bolzplätzen und Hinterhöfen seines Viertels.

Manfred ist in Neuhausen-Nymphenburg aufgewachsen. Wann immer er Zeit hatte und die Mutter es erlaubt hat, ist er raus zum Fußballspielen gegangen. "Vor oder nach den Hausaufgaben, das war Verhandlungssache", erinnert er sich. Er macht Abitur, beginnt an der Kunstakademie zu studieren. Er kommt ganz gut durch die Semester, nebenbei spielt er Fußball. Ein Leben, wie es ewig hätte weitergehen können.

Regisseur Manuele Deho (links) hat einen Film über Stefan Holzers (rechts) ungewöhnliches Team gemacht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Trinkpause. Es steht unentschieden. Als das Spiel weitergeht, wird es ruppiger. Einmal gibt es Streit zwischen einem Spieler aus Manfreds Team und einem aus der gegnerischen Mannschaft, einmal pflaumen sich zwei Mitspieler im anderen Team gegenseitig an, beide Male ist der Anlass vollkommen nichtig. Vielleicht kochen die Aggressionen hier ein bisschen schneller hoch. Vielleicht ist dieser Eindruck aber auch nur der Versuch, das Besondere zu finden. Denn auf dem Sportplatz, in Sichtweite zur forensischen Abteilung des Klinikums, die durch einen Zaun vom Rest des Geländes getrennt ist und in der "die ganz harten Fälle" untergebracht sind, wie es ein Spieler ausdrückt, wird Fußball gespielt. Wie auf jedem Bolzplatz, in jedem Park.

Schwierigkeiten gibt es eher neben dem Platz. Auf den Fahrten zu Turnieren etwa.

Stefan Holzer ist mit dem Team einmal zu einem Turnier nach Österreich gefahren. Kurz vor Linz brüllt ihn plötzlich ein Mitfahrer an: "Lass mich aussteigen!" Holzer hat ihn aussteigen lassen. Bis heute weiß er nicht, ob das richtig oder falsch war. Der Mann war dann mehrere Jahre verschwunden, "der ist ziemlich abgestürzt", sagt Holzer. Ihm gehen solche Fälle nah, für ihn sind die Teamkollegen Mitspieler, keine Patienten. Viele erzählen ihm viel von sich, manche sprechen mit ihm über ihre Suizidgedanken.

Manchmal taucht ein Mitspieler einfach wieder auf

Aber auf einmal war der Mann, der unbedingt aussteigen wollte, wieder beim Training. Es kommt öfter vor, dass Spieler plötzlich abtauchen und irgendwann zurückkommen. Holzer macht das jedes Mal stolz: "Egal, was andere erzählen, in solchen Momenten merkst du, dass du was richtig gemacht hast." Manche kommen das erste Mal mit ungewaschenen Haaren und 15 Kilo Übergewicht, ein paar Wochen später würde man sehen, dass es ihnen deutlich besser geht, erzählt Manfred: "Man freut sich dann, wenn sich einer wieder derappelt hat."

Manfred hat den Halt von einem auf den anderen Tag verloren. Studium, Fußball - sein Leben ist nicht ewig so weitergegangen. Im vorletzten Semester wird er krank, eingeholt von Erlebnissen aus der Kindheit. Wegen des Vaters. Und wegen des Krieges, glaubt er heute. Was genau damals passiert ist, erzählt Manfred nicht. Aber er deutet an, dass es mit dem Vater zu tun hat, einem Kriegsheimkehrer, selbst seelisch schwer verletzt durch das Erlebte. Die Ärzte diagnostizieren Depressionen. Ängste. Eine posttraumatische Belastungsstörung. Er muss sein Studium abbrechen, beim Gedanken an den Alltag steigt blanke Panik in ihm auf. "Ich bin in die Psychiatrie geflüchtet", sagt er. Ein Jahr lang wird er in der Klinik in der Nußbaumstraße stationär behandelt, drei weitere in Haar. 20 Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile kann er ohne Medikamente leben, auch wenn die dunklen Gedanken immer noch da sind. "Aber ich habe gelernt, damit umzugehen." Die Religion hilft ihm. Und ein bisschen vielleicht der Fußball.

Stefan Holzer ist auch mal mit dem Team nach Italien gefahren, in die Nähe des Meers. Am Abend fährt er mit einem Spieler an den Strand. Der Mann blickt aufs Wasser. Dann sagt er zu Holzer: "Stefan, jetzt habe ich zum ersten Mal das Meer gesehen."

Manchmal denkt Stefan Holzer darüber nach, was wäre, wenn sein Leben jetzt, auf einen Schlag, vorbei wäre. Auf was er stolz wäre. Er denkt dann an seine Familie. An die Kinder. An seine Frau. An ihre Beziehung, an das, was sie gemeinsam aufgebaut haben. An seine Freunde. Und an die Mannschaft.

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