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München:Flaschenwürfe auf Polizei im Englischen Garten - 19 Beamte verletzt

Englischer Garten Randale

Im Englischen Garten bewarfen mehrere Personen am Samstagabend die Polizei mit Flaschen.

(Foto: oh)

Hunderte junger Menschen feiern am Samstagabend auf der Wiese vor dem Monopteros, als die Lage eskaliert. Auslöser der erschreckenden Jagdszenen ist allerdings kein Corona-Verstoß, sondern ein Sexualdelikt.

Von Martin Bernstein

Es sind wilde Bilder aus Münchens Englischem Garten, die derzeit im Netz ebenso wild diskutiert werden: Hunderte junge Leute rennen in der Abenddämmerung über die Karl-Theodor-Wiese am Monopteros, ein Hagel von Flaschen deckt Polizisten ein, die sich erst einmal zurückziehen, ehe sie die Wiese räumen und dabei auch ihre Schlagstöcke einsetzen. Als "Mafia", "Söders Schlägertrupps", gar als "Costapo" müssen sich Münchner Beamte auf Twitter beschimpfen lassen. Manch einer, der nur diese Filmchen kennt, wittert gar Bürgerkriegsstimmung. Und für Viele ist klar: "Hier entlädt sich die Wut über diese Corona Politik."

Dabei haben die Szenen aus dem Englischen Garten mit der Corona-Pandemie und der nächtlichen Ausgangssperre wenig bis nichts zu tun. Sie stehen vielmehr in einer unschönen Tradition, die Münchnerinnen und Münchner und auch die Polizei schon seit mehreren Jahren beklagen. Wenn der Sommer kommt, wird der Englische Garten zum Schauplatz nächtlicher Halbstarken-Randale. Oder, wie es ein Polizeisprecher am Sonntag formulierte, zum Treffpunkt eines "erlebnisorientierten Event-Publikums".

Nur vergangenes Jahr gab es eine Pause - die damals tatsächlich coronabedingt war. Auch am Samstagabend stand am Anfang der Jagdszenen am "Eisbach" (der in Wirklichkeit der Schwabinger Bach ist) nicht etwa ein Polizeieinsatz gegen Menschen, die gegen den Infektionsschutz verstießen. Sondern ein Sexualdelikt. Und daran anschließend eine Auseinandersetzung unter den angeblich dort "Feiernden". Ein 16-Jähriger aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck hatte eine 14 Jahre alte Münchnerin sexuell genötigt. Daraufhin gingen Jugendliche und junge Erwachsene aufeinander los.

Als Polizisten gegen 20.20 Uhr dazwischen gingen, löste das die Tumulte aus. Nach Angaben eines Polizeisprechers solidarisierten sich immer mehr Menschen - gegen die Polizei. 50 bis 100 Personen griffen schließlich die Beamten an. 19 Polizisten wurden nach einer ersten Übersicht verletzt, als mehr als 50 Flaschen und andere Gegenstände flogen. Sie erlitten Prellungen und Schnittwunden. Die Beamten, die nach den Erfahrungen vergangener Jahre bereits den ganzen Tag über Präsenz im Englischen Garten gezeigt hatten, hätten Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzen müssen, um die Situation unter Kontrolle zu bringen, hieß es.

Sechs Personen aus München im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, Schüler, Auszubildende und Arbeitssuchende, wurden festgenommen, sagte ein Sprecher der Polizei. Gegen sie wird unter anderem wegen Landfriedensbruchs, wegen gefährlicher Körperverletzung und wegen Angriffen auf Vollstreckungsbeamte ermittelt.

Auf den Videos und Bildern vom Einsatz ist zu sehen, dass viele der mehr als hundert eingesetzten Polizistinnen und Polizisten weder Helme noch martialische Schutzausrüstung trugen, sondern lediglich reflektierende Warnwesten über ihrer Einsatzkleidung. Die Filme zeigen aber auch, dass ein Großteil der Menschen die Wiese ohne Widerstand verließen.

Augenzeugen berichten indes von ihrer Ansicht nach überzogener Härte der Polizisten bei dem Einsatz. So sollen Polizisten willkürlich junge Leute, die am Rand standen und nicht unmittelbar beteiligt gewesen seien, körperlich angegangen haben. Viele junge Leute auf der Wiese hätten den Anlass des Polizeieinsatzes wohl gar nicht mitbekommen, vermutet ein Polizeisprecher. An einer Solidarisierung gegen die Beamten hinderte das manche freilich nicht, was Damian Kania, Sprecher des Präsidiums, angesichts der "gefährlichen Melange" für "verwerflich" hält. "Wussten die überhaupt, mit wem sie sich solidarisieren?" fragt er.

Vor genau zwei Wochen hatten zwei Einsätze der Polizei an derselben Stelle Schlagzeilen gemacht. Auch von diesen Vorfällen gibt es Videos und Bilder. Ein 15 Sekunden langer Film zeigt, wie etwa 300 jüngere Personen auf der Karl-Theodor-Wiese tanzen und herumspringen. "Auf die geltenden Infektionsschutzbestimmungen wurde dabei keine Rücksicht genommen", so die Polizei im Nachgang.

So schnell, wie der mutmaßliche Flashmob begonnen hatte, war er dann aber auch schon wieder vorbei. Zwei Stunden zuvor hatten die Polizei Meldungen über eine angebliche Massenschlägerei im Englischen Garten erreicht. Mehrere Streifen der Münchner Polizei und Rettungswägen wurden daraufhin zur Karl-Theodor-Wiese geschickt. Als die Einsatzkräfte ankamen, waren die Täter bereits verschwunden. Bei Eintreffen der Polizeibeamten hatte sich die Situation beruhigt und die Täter waren in unbekannte Richtungen geflohen. Es stellte sich heraus, dass zwei Angreifer auf drei junge Männer eingeprügelt und diese zum Teil schwer verletzt hatten. Einem 24-Jährigen aus dem Raum Augsburg wurde eine Weinflasche gegen den Kopf geschlagen; das Opfer erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.

Ähnliche Szenen hatte die Polizei auch schon 2018 und 2019 auf der Karl-Theodor-Wiese erlebt, als dort bis zu tausend Menschen lagerten, feierten und tranken. Von "Halbstarken-Gebaren" und "verbalen Rädelsführern, die einen auf dicke Hose machen", war damals die Rede. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei begannen meist mit Auseinandersetzungen innerhalb einzelner oder zwischen zwei Gruppen. Alkohol floss reichlich, es kam zu Provokationen, dann zu Schlägereien, schließlich zu Übergriffen gegen Rettungsdienst und Polizei. Erst flogen Beleidigungen, dann Flaschen. Die Polizisten riefen Verstärkung und mussten am Ende die Schlagstöcke einsetzen, um den harten Kern von etwa 200 Randalierern zu vertreiben. Das war im April 2018 - lange vor Corona.

Etwas freilich hat sich schon verändert. Der Hagel von Flaschen und Wurfgeschossen, der auf Polizisten einprasselte, die eigentlich ein Sexualstraftat und Körperverletzungsdelikte aufklären wollten, ist für Polizeisprecher Damian Kania eine bislang so noch nie dagewesene "neue Eskalationsstufe". Schockiert zeigte sich die Polizei auch über das Gelächter und die zum Teil begeisterten Kommentare, mit denen die Bilder von den lebensbedrohlichen Attacken auf Beamte unterlegt sind. So etwas, sagte Kania am Mittag, lasse ihn sprachlos zurück.

© SZ/mmo
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