Übung an der Floßlände:Wie die Wasserwacht im Eis eingebrochene Menschen rettet

Übung an der Floßlände: Was passiert, wenn eine Person einbricht? Das üben die Mitglieder der Wasserwacht.

Was passiert, wenn eine Person einbricht? Das üben die Mitglieder der Wasserwacht.

(Foto: Robert Haas)

Erst ein Knacken - dann bricht die Oberfläche: Die zugefrorenen Seen und Kanäle sind für viele Münchner verlockend, aber auch lebensgefährlich. Die Stadt warnt davor, das zu dünne Eis zu betreten. Und die Retter trainieren für den Ernstfall.

Von Heiner Effern

Das Eis sieht so verführerisch aus, mal ganz klar, mal milchig weiß. Die Temperaturen an diesem Samstagmittag sind an der Floßlände in Thalkirchen ohnehin so frostig, dass man am liebsten loslaufen würde, auf Kufen oder zur Not auch nur mit Schuhen. Doch das Idyll trügt, die so stabil aussehende Eisschicht auf dem Wasser beginnt zu knistern, als sich Julia Kaeß auf die Eisfläche hinauswagt. Dann ein Knacken, noch ein paar Schritte, und plötzlich gibt der Untergrund nach. Sie liegt im eisigen Wasser, jetzt muss es schnell gehen.

Am Ufer steht eine Gruppe in rot-blauen Neopren-Anzügen des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). Sofort wird ein sogenannter Wurfsack gezückt, der ein etwa 15 bis 20 Meter langes Sicherungsseil enthält. Dieses wird am Karabiner der Prallschutzweste von Michael Brambach eingeklickt, ein weiteres Seil wird an der silbernen Rettungsleiter befestigt.

Übung an der Floßlände: Kursleiterin Julia Kaeß und ihre Mitstreiter der Wasserwacht trainieren die Eisrettung an der Floßlände.

Kursleiterin Julia Kaeß und ihre Mitstreiter der Wasserwacht trainieren die Eisrettung an der Floßlände.

(Foto: Robert Haas)
Übung an der Floßlände: Ein Wink des Retters, und die Kollegen und Kolleginnen am Ufer ziehen die Leiter zurück.

Ein Wink des Retters, und die Kollegen und Kolleginnen am Ufer ziehen die Leiter zurück.

(Foto: Robert Haas)

Diese packt Brambach, und läuft aufs Eis. Als er sich der verunglückten Kollegin nähert, werden seine Schritte vorsichtig. Die Leiter führt er zwischen den Beinen mit, als das Eis immer dünner wird, legt er sich platt darauf und schiebt sich vorwärts heran. Julia Kaeß bekommt sie zu packen, ein kurzer Wink des Retters, und die Kollegen am Ufer beginnen zu ziehen.

Die Leiter gleitet zurück, zieht die Frau aus dem Wasser und über das dünne Eis auf sicheres Gebiet. Normalerweise würde die unterkühlte Person jetzt auf eine Rettungsdecke gelegt, mit weiteren Decken gewärmt, aber nicht zu sehr bewegt oder gar gerüttelt, damit das kalte Blut in den Gliedmaßen nicht ins Körperzentrum kommt und dort Schaden anrichtet. Julia Kaeß dagegen steht auf, lässt sich ihr Sicherungsseil abnehmen und sucht nun Freiwillige, die sich in der Eisrettung schulen lassen. Die Ausbilderin und Vorsitzende der Isarrettung, wie sich der BRK-Ortsverein München Mitte nennt, findet es wichtig, dass ihre Kolleginnen und Kollegen auch in diesem Bereich der Wasserrettung fit sind.

Was die Retter an der Floßlände gerade üben, ist für Zivilpersonen lebensgefährlich. Gerade jetzt, wenn sich an der Oberfläche von Seen und Tümpeln eine Eisfläche bildet, warnt das BRK ausdrücklich davor, ohne offizielle Freigabe der Stadt zugefrorene Wasserflächen zu betreten. Derzeit ist das Eis allerorts in München noch zu dünn, alle Seen sind gesperrt. Auch die Eisstockflächen auf dem Nymphenburger Kanal sind nicht in Betrieb. "An den Stellen, an denen die Sonne hinscheint, ist das Eis nicht dick genug", sagt Betreiber Herbert Fesl.

Trotzdem ignorieren viele Münchnerinnen und Münchner das Eislaufverbot. Kurz bevor die Gruppe des BRK vom Theorieteil der Eisrettung im Wachhaus an der Marienklause zum praktischen Training herüberkommt, bleibt ein Mitarbeiter der Stadt kurz mit seinem orangefarbenen Auto stehen. Er muss dafür sorgen, dass hier oder zum Beispiel am Hinterbrühler See niemand das Eis betritt und sich in Lebensgefahr begibt. Das nur scheinbar tragfähige Eis und die mangelnde Einsicht der Besucher haben ihn am Vortag gezwungen, die Polizei zu rufen. Auch am Nymphenburger Kanal soll die Polizei immer mal wieder vorbeifahren, um Menschen vom Eis zu scheuchen.

Übung an der Floßlände: Wer zu weit auf der Leiter nach vorne rutscht, gefährdet sich und die Rettung.

Wer zu weit auf der Leiter nach vorne rutscht, gefährdet sich und die Rettung.

(Foto: Robert Haas)

Julia Kaeß macht das Gegenteil, sie schickt ihre Leute raus. Immer im Wechsel, jeder soll mal die Position der Retterin oder des Retters einnehmen. Es wird auch korrigiert, als jemand im gefährlichen Bereich auf der Leiter kniet, statt sich flach hinzulegen, um das Gewicht auf der dünnen Eisfläche zu verteilen. Auch die Position auf der Leiter spielt eine Rolle, wer zu weit nach vorne rutscht, gefährdet sich und die Rettung. Die verunglückte Person soll sich zudem keinesfalls am Retter selbst festhalten, bei Panik könnte das den Tod von beiden bedeuten.

Bevor der Ernstfall trainiert wird, hat sich die Gruppe eine Passage weiter oben am Flusslauf mit dünnem Eis gesucht. Jeder soll mal das Gefühl bekommen, wie das Eis kracht und knarzt, wie es sich anfühlt, durchzubrechen. Und wie unberechenbar das Eis ist. An manchen Stellen müssen die Retter kräftig springen, um durchzusacken. Ein paar Meter weiter geht es dann sehr schnell. Wie schwierig es ist, gleich wieder herauszukommen, bemerkt Susanne Bach-Merkaj, die ihre Eisausbildung macht. Das Eis bricht beim Rückweg weg, sie muss sich ganz schön mühen, um aus dem sehr flachen Wasser herauszukommen.

Die goldene Regel kommt von den Ausbildern: "Immer den gleichen Weg zurück nehmen." Denn dort gab es eine letzte Stelle, die tragfähig war. Wenn das jemand nicht selbst schafft, bedeutet das, was Trainingsleiterin Kaeß ausruft, als die Kollegen üben. "Person in Rettung!" Um das zu vermeiden, sollte niemand aufs Eis gehen, bevor der Zutritt offiziell gestattet ist. Auch wenn es in diesen Tagen noch so einladend aussieht.

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