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Dok-Fest in München:Streaming verleiht Flügel

Der Film "Unfit", der auf dem Festival gezeigt wurde, nähert sich der Psyche des US-Präsidenten.

(Foto: Dok-Fest München)

Das digitale Dok-Fest hat mehr Zuschauer erreicht, als die Filmschau gewöhnlich hatte. Die Bilanz ist positiv, die Technik war weitgehend stabil, und sogar die Kinos profitieren. Die Zukunft könnte nun etwas Neues bringen: ein "hybrides Festival" .

Sie tanzte sich ihre Vergangenheit von der Seele, hinein in eine digitale Zukunft. Die ungarische Holocaust-Überlebende Éva Fahidi war eine der zentralen Figuren des zu Ende gegangenen Münchner Dokumentarfilmfestivals, das erstmals als Online-Edition stattfand. Im Beitrag von Réka Szabó, "The Euphoria Of Being", studiert die 90-Jährige mit der Tänzerin Emese Cuhorka eine Performance ein, die auf ihrer Autobiografie fußt. Der Film, der zum Auftakt des Dok-Fest präsentiert wurde, ist berührend und zärtlich. Als Fahidi bei der Eröffnung, die mit wenigen Menschen im Deutschen Theater aufgezeichnet wurde, per Video zugeschaltet wurde, konnte sie nicht ahnen, dass das sinnliche Frauenporträt den Zuschauern besser gefallen würde als jeder andere der 121 Filme der kommenden Wochen.

Bei der letzten Veranstaltung am vergangenen Wochenende lächelte die Ungarin erneut in die Kamera. Sie hatte nun Grund und Gewissheit: Ihr Film wurde mit dem Publikumspreis des Festivals ausgezeichnet. Diese Auszeichnung sei ihr am wichtigsten, sagte sie beseelt, "in Deutschland, vor deutschem Publikum".

Beseelt zeigte sich auch der Festivalleiter Daniel Sponsel. Was von ihm im März als Experiment angekündigt worden war, darf nun als Erfolg verbucht werden: Mehr als 75 000 Zuschauer haben nach offiziellen Angaben die Filme aus 42 Ländern sowie die Branchen- und Kinder-Veranstaltungen von "Dok-Forum" und "Dok-Education" verfolgt. Die Zahlen seien überwältigend, kommentierte Sponsel am Montag. In den vergangenen Jahren waren die Besucherzahlen stetig gestiegen, 2019 kamen mehr als 52 000, damals noch in die Kinos der Stadt. Vergleiche anzustellen, ist müßig. Einerseits, weil die Online-Edition sieben Tage länger dauerte und die Filme von jedem Rechner in Deutschland aus geschaut werden konnten. Andererseits, weil die wahre Zuschauerzahl deutlich höher liegen dürfte. Denn wer kann schon ohne Spionage-Software sagen, wie viele Personen tatsächlich vor den Bildschirmen saßen?

Fakt ist, das digitale Dok-Fest hat mehr Zuschauer erreicht, als das reguläre Festival je hatte. Interessant auch diese Statistik: Mehr als die Hälfte des Publikums sei nicht aus Bayern, heißt es in der Dok-Fest-Bilanz. Durch die freie Verfügbarkeit konnte theoretisch rund um die Uhr gestreamt werden. So erzählte Sponsel bei der Verleihung des Publikumspreises von einer Freundin aus Frankfurt, die 55 Filme geguckt hätte, eine beeindruckende Zahl, in Kinos kaum denkbar. Eine Frau aus Berlin, die per Telefon zugeschaltet wurde, habe 39 Beiträge gesehen, sie sei schlichtweg begeistert von dem Festival, das sie vorher nicht kannte. Lob im Netz gibt es zuhauf, die Kritik hält sich in Grenzen. Die Öffnung über die Stadtgrenzen hinaus ist de facto gelungen. Auch das Ziel, von dem Digitalministerin Judith Gerlach bei der Eröffnung sprach, nämlich dem Dokumentarfilm ein neues Publikum zu erschließen, dürfte erfüllt worden sein.

Gerlach mag auch ein weiterer Trend gefallen: Die 35. Ausgabe war auch eine weibliche Ausgabe. Das ist zum einen an den Filmen in der Publikums-Top-Ten zu erkennen (jeder Zuschauer konnte virtuellen Applaus spenden): "The Euphoria Of Being", "Walchensee Forever" und "Maiden" überzeugen allesamt durch facettenreiche weibliche Protagonistinnen. Andererseits lag die Quote der Regisseurinnen in diesem Jahr bei 46,5 Prozent. Daniel Sponsel freute sich: "Wir nähern uns der Parität." Bei den Wettbewerbspreisen namens "Viktor" gab es mehr Gewinnerinnen als Gewinner. Weina Zhao und Judith Benedikt wurden für ihren multikulturellen Heimatfilm "Weiyena" in der Kategorie "Dok-deutsch" ausgezeichnet, Sandra Beerends gewann mit "They Call Me Babu" in der Reihe "Dok-Horizonte". Der mit 10 000 Euro höchstdotierte Preis für den besten internationalen Dokumentarfilm ging indes an den rumänischen Reporter Radu Ciorniciuc für sein Familiendrama "Acasa, My Home".

Stabil und für eine Premiere überraschend gut war die Technik. Bei den virtuellen Filmgesprächen - mehr als reale Gespräche in 2019 - mischten sich hier und da Überraschungsgäste mit ein, das meiste gab es zum Nachgucken im Netz. Dass bei der einen oder anderen Veranstaltung der Ton hing, das Bild ruckelte, oder Zugangs-Mails verspätet ankamen - geschenkt. Ebenso wenig ließ es sich offenbar vermeiden, dass einige Filme auf einen Zeitraum oder eine Zuschauerzahl begrenzt wurden. Wohl aus Vermarktungsgründen.

Ein "Festival-Feeling", das Daniel Sponsel so wichtig war, konnte im Netz nur schwer aufkommen - Social-Media-Talk hin, Zuschauer-Chat her. "Die Präsenz im Kino hat total gefehlt", sagt denn auch der Festivalchef. Immerhin: 51 Prozent der Tickets wurden mit dem freiwilligen Solidaritäts-Euro für die Dok-Fest-Partnerkinos verkauft. Mehr als 15 000 Euro kommen laut Veranstalter bei den derzeit geschlossenen Kinos an, darunter Neues Maxim, City und Rio. Im nächsten Jahr werde man wieder im Kino stattfinden, versprach Sponsel bei der Preisverleihung. Gleichzeitig sagte er, sichtlich beeindruckt von der Zahl 75 000: "Wir werten das alles gut aus." Beiläufig erwähnte er den Begriff "hybrides Festival". Ob real und digital oder nur real, das wird sich zeigen. Der Termin indes steht schon fest: 5. bis 16. Mai 2021. So denn nichts dazwischenkommt.

© SZ vom 26.5.2020/fema

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