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Kinderbetreuung:Hilfe von der Teilzeit-Oma

Als die Schule wegen Corona zu war und Konrads Eltern arbeiten mussten, kam regelmäßig eine Helferin zu Besuch - und war einfach für ihn da.

(Foto: Stephan Rumpf)

Corona treibt viele Familien an ihre Grenzen. Um Eltern zu entlasten, vermittelt ein Projekt ehrenamtliche Frauen, die sich um die Kinder kümmern.

Von Franziska Gerlach

Die ältere Dame, die in diesem herausfordernden Corona-Frühjahr dreimal pro Woche ihren Sohn betreute, wenn Sandra Hédiard und ihr Mann arbeiten mussten, war keine Nachhilfelehrerin. Sie war auch kein Babysitter. "Sie war einfach da", sagt die Mutter von Konrad. Nur für ihn. Sie half Konrad beim Lernen, aß mit Konrad zu Mittag, spielte Mau-Mau oder plauderte mit ihm. Bei der älteren Dame handelte es sich um eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von "Zu Hause gesund werden - Häuslicher Betreuungsdienst für erkrankte und genesende Kinder". Und weil diese Frau den Achtjährigen, der nach den Sommerferien in die dritte Klasse kommt, obendrein in seinem gewohnten Umfeld betreute, bei ihm zu Hause, habe es von Anfang an gut funktioniert.

Sandra Hédiard klingt dankbar. Selbst jetzt noch, wo sich das Leben wieder einigermaßen normal anfühlt, ihr Sohn wieder in die Schule geht. Denn diese nette Frau habe ihre Familie entlastet in einer Phase, als die Maßnahmen gegen das Virus sie an ihre Grenzen gebracht hatten. Als es nicht mehr ging.

Seit mehr als 30 Jahren vermittelt "Zu Hause gesund werden" unter der Trägerschaft des 1894 in München gegründeten Vereins für Fraueninteressen, zu dem 13 weitere Einrichtungen gehören, nun schon Ehrenamtliche in Familien, damit kranke Kinder bis zu einem Alter von zwölf Jahren in ihren eigenen vier Wänden betreut werden können, während die Eltern arbeiten. Ein Anruf genügt - und das Team macht sich auf die Suche nach einer passenden Ehrenamtlichen. "Es war das erste Projekt dieser Art überhaupt in Deutschland. Und es ist weiterhin das größte", sagt Inga Fischer, seit zweieinhalb Jahren Einrichtungsleiterin des städtisch geförderten Angebots, das 1989 auf Initiative des Allgemeinen Sozialdienstes der Stadt München entstand. Weshalb man die Unterstützung in Anspruch nehmen wolle, müsse man nicht erklären. Voraussetzung sei allerdings, dass es sonst niemanden gibt, der auf das Kind aufpassen kann.

Die Einrichtungsleiterin sitzt in ihrem hellen Büro am Altheimer Eck am Schreibtisch, darauf ein Stapel bunter Flyer, die sie auch an Kitas und Kindergärten verteilt, um ihren Service bekannter zu machen. Derzeit engagieren sich 55 Frauen von Mitte 50 bis Anfang 80 bei "Zu Hause gesund werden", und wenn Inga Fischer von deren Arbeit berichtet, entsteht ganz automatisch das Bild der klassischen Oma, die Geschichten vorliest oder Handpuppen sprechen lässt und das Eis der anfänglichen Zurückhaltung mit resoluter Wärme zum Schmelzen bringt.

Für jedes betreute Kind erhalten die Ehrenamtlichen "eine Aufwandsentschädigung" von 6,50 Euro pro Stunde plus Fahrkosten; "massiv belasteten Familien" finanziert die Stadt den Einsatz. Wer sich bei "Zu Hause gesund werden" ehrenamtlich einbringen möchte, sollte selbstredend Freude am Umgang mit Kindern haben, aufgeschlossen und flexibel sein. Eine berufliche Qualifikation ist nicht erforderlich. Es gäbe allerdings Auswahlgespräche und die Frauen müssten ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und einen Erste-Hilfe-Kurs für Kinder absolvieren. Und sie sollten in der Lage sein, sich schnell in unterschiedlichen Wohnsituationen zurechtzufinden, "von der Villa in Bogenhausen bis hin zu Gemeinschaftsunterkünften oder Frauenhäusern", sagt Fischer, die Ehrenamtlichen waren schon überall.

Als das System kollabierte, waren die Omas da

Als Corona kam, kamen auf Fischer und ihr Team neue Herausforderungen zu: Denn natürlich galt es, die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen zu schützen, von denen die meisten allein ihres Alters wegen zur Risikogruppe zählen. Zugleich gab es viele Familien, die zwischen Home-Office und Homeschooling ins Straucheln gerieten, deren Nerven blank lagen, weil ihr großstädtisches Betreuungssystem ohne Kitas, Kindergärten oder Großeltern um die Ecke schlichtweg kollabierte.

Im Juni 2020 startete der "Corona-Notdienst": Statt um kranke Kinder kümmerten sich die Frauen nun um die gesunden Kinder "besonders belasteter Familien", wenn auch nicht ganz so zahlreich wie in Vor-Corona-Zeiten: 2019 verzeichnete "Zu Hause gesund werden" rund 1400 Einsätze, 2020 waren es etwa 600. Matheaufgaben statt Märchenstunde also, das veränderte auch die Aufgaben der Ehrenamtlichen, die nun oftmals über mehrere Wochen hinweg ein- und dieselbe Familie besuchten. "Da mussten sie lernen, sich abzugrenzen", erklärt Fischer. Damit sie etwaige Probleme in Schule oder Erziehung, mit denen man zwangsläufig konfrontiert wird, wenn man eine Familie regelmäßig besucht, nicht an sich heranlassen. Oder zumindest nicht zu nahe.

Seit einigen Wochen gibt es auch wieder Einsätze bei kranken Kindern, denn immer mehr Helferinnen sind inzwischen geimpft und die Infektionszahlen deutlich gesunken. Darunter befinden sich auch Fälle, bei denen die Eltern ihre Urlaubstage bereits aufgebraucht haben, weil sie im Lockdown ihre Kinder selbst betreuen mussten. "Momentan übernehmen wir beides - gesunde und kranke Kinder", sagt Fischer.

Auch Sandra Hédiard hat das Angebot schon genutzt, wenn ihr Sohn krank war. Zunächst sei sie skeptisch gewesen, ob das gutgehen könne - eine fremde Person, die von jetzt auf gleich ihren Sohn betreut. Doch obwohl Konrad damals erst zwei oder drei Jahre alt war, und obwohl sie damals - anders als in der Pandemie -, das Haus tatsächlich verlassen habe, machte sie gute Erfahrungen. Hédiard erklärt sich das mit dem "vertrauten Raum" und dem "Vertrauensvorschuss", den sie als Mutter der Ehrenamtlichen entgegengebracht habe. So etwas spürten Kinder. Im Übrigen habe sie während des Lockdowns etliche Gespräche mit anderen Familien geführt und sich über eine Sache gewundert: Alle waren am Limit, und alle hatten irgendwann den Punkt erreicht, an dem sie sich Essen liefern ließen oder Unterstützung beim Putzen suchten. "Nur bei den Kindern haben sich die wenigsten Hilfe geholt."

© SZ vom 12.07.2021/vewo
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