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Corona-Regeln in der Kulturbranche:Aufregung um geheime Beschlussvorlage

Strandkorb Open Air

Sommer, Sonne, Strandkorbkonzerte? Alles in der Schwebe.

(Foto: Strandkorb Open Air)

Unter Kulturveranstaltern kursiert ein Papier zu verschärften Regeln des Infektionsschutzgesetzes, das viele aus der Branche fassungslos macht.

Von Michael Zirnstein

"Weltfremd", "gesellschaftlich nicht durchsetzbar", "absurd" - noch bevor die sogenannte Bundesnotbremse zur Eindämmung der Corona-Pandemie am Mittwoch beschlossen wird, schlagen Münchner Veranstalter schon Alarm. Unter Intendanten, Festivalleitern und Agenturen kursiert eine geheime Beschlussvorlage zu den verschärften Regeln des Infektionsschutzgesetzes, die die Mitglieder des Verbands der Münchner Kulturveranstalter (VdMK) als valide einstufen. Die Vorlage macht viele in der Branche "fassungslos", wie Patrick Oginski berichtet.

Was ihn und die anderen vier VdMK-Vorstandsmitglieder so erzürnt, sind die Vorgaben zur Kultur (zu der die Gesetzesplaner auch Zoos zählen): Demnach müsste bei mehr als 100 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern ausnahmslos alles geschlossen bleiben. Bei einem Inzidenzwert zwischen 50 und 100 dürften Gedenkstätten, Zoos, Museen und Galerien "mit Terminbuchung" betreten werden; Theater, Konzert- und Opernhäuser und Kinos ausschließlich mit einem Corona-Test, allerdings auch erst, wenn die Inzidenz länger als 14 Tage unter 100 liegt.

Sinke der Wert weiter, nämlich unter 50 (wann immer das sein mag), dürften Museen (und Zoos) generell geöffnet sein; Theater, Kinos und Konzerthäuser allerdings müssten dann noch 14 Tage lang mit dem Aufsperren warten (wie viele Gäste reindürfen, ist nicht bekannt); "Freizeitveranstaltungen im Außenbereich", worunter der VdMK Open-Air-Konzerte versteht, wären erst 28 Tage nach einer Inzidenz von 50 gestattet, und dann auch nur mit "max. 50 Zuschauern".

Durch alle Lockdown-Täler hindurch haben die Veranstalter feste Vorgaben für ihre Programmplanung gefordert - aber so feste nun auch wieder nicht. Wer realistisch ist, erkennt, dass die Bundesregierung mit solchen Regeln Kultur in den nächsten zwei, drei Monaten kaum möglich bis unmöglich macht, solange bis die meisten Bürger geimpft sind. "Das ist doch keine Perspektive, das ist demotivierend", sagt David Süß, Harry-Klein-Club-Mitinhaber und Stadtrat der Grünen.

Noch nicht einmal beschlossen, greift die Bundesnotbremse hart zu. Oginski zum Beispiel hat deswegen zwei Konzertreihen seiner Agentur Südpol abgesagt. So wollte er im Weißensee-Park bei der Outdoor-Lounge "Haralds Kollektivgarten" eine Bühne für lokale Bands und bekannte Gruppen von außerhalb aufstellen. "Dafür müsste ich 25 000 Euro in die Hand nehmen, damit die gescheit dasteht, das ist mir jetzt zu heiß", sagt er. Er hatte auch bereits Künstler seiner Agentur an eine Reihe großer "Strandkorb-Festivals" in Rosenheim, Augsburg und Cham vermittelt.

Der Veranstalter hätte bereits Hunderttausende Euro für die Paarsitze ausgegeben und hätte - nach dem erfolgreichen Vorbild von Mönchengladbach im Vorsommer - die Freiluftgelände mit cleverer Zuschauerführung "zum Hochsicherheitstrakt" gemacht. Allein, es würde nichts nützen, laut Notbremsen-Plan wären solche Festivals verboten. Selbst bei einem Konzert im Münchner Olympiastadion dürften dann nur 50 Zuschauer hinein.

Das fiele meilenweit hinter das Versprechen des bayerischen Kunstministers Bernd Sibler zurück, bei einer Öffnung die Zuschauerzahlen an der Größe der Spielstätten und den dortigen Hygienebedingungen auszurichten. "Der Stand der Wissenschaft, dass man sich in Konzertsälen und Theatern mit guten Hygienekonzepten nicht ansteckt, wird völlig ignoriert, da fallen wir gleich rückwärts um", sagt die Kulturmanagerin Anna Kleeblatt aus dem VdMK-Vorstand, "in diesem neuen Szenario wird niemand ein Risiko eingehen, der nicht staatlich subventioniert ist."

Ein zweiter "Sommer in der Stadt" ist in Planung

VdMK-Geschäftsstellenleiter David Boppert sieht die Kultur wieder einmal am meisten von allen Branchen gegängelt, sowohl verglichen mit der Außengastronomie, die immerhin 14 Tage nach einer Inzidenz unter 100 loslegen dürfe, mehr aber noch mit Blick auf den Einzelhandel, der Gäste eben gemessen an der Größe der jeweiligen Verkaufsfläche einlassen dürfe. "Dabei hat die Kultur die besten Konzepte eingereicht", sagt er und schimpft: "Das ist doch Willkür!"

Vorstandskollege Dierk Beyer zieht "die erschütternde Erkenntnis" aus dem geheimen Dokument, dass der Gesetzgeber, also die schwarz-rote Regierung in Berlin, alles auf null zurücksetzt. Er hatte im Sommer 2020 im Außenbereich der Nachtgalerie und im Nussbaumpark Kultur-Treffpunkte angeboten. "Wir hatten gehofft, auf der Basis und den Erfahrungen aufbauen zu können." Jetzt müsse er abwarten, ob er solche beaufsichtigten Feierorte überhaupt wieder aufmachen könne.

"Jugendliche und junge Erwachsene werden wieder vergessen, deren Kulturleben findet im Sommer vor allem draußen statt", sagt David Süß und sieht Konflikte drohen: "Die werden sich andere Ventile suchen." Schon deshalb plane der VdMK weiter, in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat, für einen zweiten "Sommer in der Stadt". "Aber was kann man schon machen für 50 Leute?" Sponsorengelder anzuwerben würde da viel schwieriger und geplante Veranstaltungen gegen Eintritt sehr teuer werden, sagt Süß voraus: "Das wird ganz traurig."

© SZ vom 20.04.2021/wean, van
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