Corona-Impfung:Münchens Spritzen sind zu dick

Impfstart  im Alfons-Hoffmann-Haus der Münchenstift, Agnes-Bernauer-Str. 185, Laim

Hier wird eine Person in München-Laim gegen Coronavirus geimpft.

(Foto: Florian Peljak)

Aus einer Biontech-Ampulle lassen sich sechs Impfdosen aufziehen, wenn man ausreichend feine Kanülen benutzt. Doch genau die fehlen in München bisher.

Von Ekaterina Kel

Das Impfen in der Stadt geht nur zäh voran, solange das Vakzin Mangelware ist. Während die Lieferungen weiterhin auf sich warten lassen, könnte an anderer Stelle Abhilfe geschaffen werden: Mit den richtigen Spritzen lassen sich nämlich aus einer Impfampulle sechs statt sonst nur fünf Dosen aufziehen. So lässt sich der Impfprozess um einiges beschleunigen, mit derselben Ampullenanzahl können 20 Prozent mehr Menschen geimpft werden. Dieses Prozedere ist von der europäischen Arzneimittelagentur bereits am 8. Januar für den Impfstoff von Biontech und Pfizer genehmigt worden. Trotzdem zogen die mobilen Impfteams der Stadt bis zum Wochenende nur fünf Dosen aus einem Fläschchen. Der Grund klingt banal: Der Stadt fehlten dafür die nötigen Spezialspritzen.

Die benötigten Spritzen sind sehr fein und fassen nur einen Milliliter Flüssigkeit. Die Füllmenge kann damit viel präziser abgemessen werden. Für eine Dosis müssen genau 0,3 Milliliter abgemessen werden, nur feine Spritzen erlauben eine präzise Nutzung des vorhandenen Impfstoffes. Dank spezieller Spritzen und Kanülen bleibt möglichst wenig zurück, das sogenannte Totvolumen ist sehr gering.

Die Stadt operiert jedoch weiterhin mit Zwei-Milliliter-Spritzen. Damit lässt sich die Dosis weniger exakt bemessen und es bleibt mehr zurück. Oder, wie der Münchner Kinderarzt Thomas Fendel es ausdrückt: "So werden Impfungen vergeudet, die man eigentlich verimpfen könnte." Fendel ist Geschäftsführer von Paednetz München, einem Zusammenschluss der Münchner Kinder- und Jugendarztpraxen. Vor etwas mehr als einer Woche berieten sich die Kinderärzte der Stadt über die langsame Impfkampagne. Dabei seien sie vom zuständigen Impfarzt darauf hingewiesen worden, dass die richtigen Spritzen fehlten, berichtet Fendel. "Es ist unglaublich, dass die Spritzen nicht besorgt wurden, obwohl der Impfstoff so ein wertvolles Gut ist", sagt auch sein Kollege Philipp Schoof, Münchner Sprecher des Bayerischen Kinder- und Jugendärzteverbands.

"Es ist mal wieder typisch: Die Bürokratie bremst den Prozess unnötig ab"

Im Gesundheitsreferat (GSR) der Stadt hat man das Problem erkannt. Bereits am 7. Januar habe man die erste zentrale Lieferung dieser speziellen Ein-Milliliter-Spritzen erwartet, heißt es. Allerdings sei sie bis vergangenen Freitagabend noch nicht angekommen. Am 13. Januar habe das bayerische Gesundheitsministerium eine eigenständige Beschaffung freigegeben. Daraufhin habe das GSR "umgehend" und "bei verschiedenen Lieferanten" die nötigen Ein-Milliliter-Spritzen angefragt. Immerhin etwas: "Bisher konnten 2000 Spritzen geliefert werden, die vergangenen Mittwoch eintrafen und nach ärztlicher Prüfung jetzt eingesetzt werden", schrieb das GSR auf Anfrage am vergangenen Freitagnachmittag.

Eine zusätzliche Lieferung erwarte man außerdem vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Anfang Februar. Wie viel und wann genau, sei noch nicht klar. Inzwischen hat auch das Gesundheitsministerium auf eigene Faust etwa 3,8 Millionen kleine Spritzen beschafft. Sie würden "bald ausgeliefert" werden, heißt es auf Anfrage. Als Zwischenlösung habe man spezielle Kanülen für die Zwei-Milliliter-Spritzen besorgt, die das Totvolumen verringern können.

Für Fendel und Schoof ist es unbegreiflich, warum die Beschaffung so lange dauert. "Es ist mal wieder typisch: Die Bürokratie bremst den Prozess unnötig ab", so Schoof. Die Kinderärzte der Stadt haben sich deshalb kurzerhand zusammengetan und nach eigenen Angaben am 22. Januar 6500 Ein-Milliliter-Spritzen bestellt. Schon am nächsten Tag haben sie diese mit den dazugehörigen Nadeln ans Impfzentrum in Riem gespendet. Bis sie zum Einsatz kamen, dauerte es allerdings noch eine Woche: Nach einer Prüfung und einer ärztlichen Freigabe "werden die Spritzen jetzt von den mobilen Impfteams eingesetzt", hieß es am Freitag vom GSR. Man gehe davon aus, von nun an regelmäßig sechs statt nur fünf Impfdosen pro Ampulle entnehmen zu können. Aus Schoofs Sicht wird es dafür auch höchste Zeit: "Jede Verzögerung kostet jeden Tag Menschenleben."

Zurzeit impft die Stadt etwa 1400 Münchner pro Tag. Darunter sind Erst- sowie Zweitimpfungen, die meisten finden in Pflegeheimen statt, ein kleinerer Teil wird Beschäftigten in medizinischen Einrichtungen oder bei Rettungsdiensten verabreicht. Bislang hat die Stadt nach eigenen Angaben rund 24 200 Impfdosen erhalten. Rund 9200 Impfdosen wurden an Münchner Kliniken abgegeben.

© SZ vom 01.02.2021/sonn, van
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