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Lohengrins:Gut, dass es Vorstadtwirtschaften gibt

Das Lohengrins an der Cosimastraße hat einen recht hübschen Garten, in dem man die gutbürgerliche Kost genießen kann.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Lohengrins spielt das Bayerische die Hauptrolle, man bekommt gediegene Hausmannskost zu erschwinglichen Preisen. Hungrig muss niemand nach Hause gehen.

Von Johanna N. Hummel

Über die Frage, was eine Vorstadtwirtschaft ist, muss man nicht lang diskutieren, das Landgericht München I hat sie mit leichter Hand beantwortet: Eine Vorstadtwirtschaft ist eine Gaststätte mit solider Küche und einer gewissen Tradition; sie muss nicht in einer Vorstadt liegen, die Stadt selbst ist genauso akzeptabel, weil ja fast alle Stadtteile früher vor der Stadt lagen. Wenn trotz dieser recht weit gefassten Interpretation Vorstadtwirtschaften vergleichsweise dünn gesät sind, dann liegt das an den Gastro-Moden, zu denen Hausmannskost bisher eher nicht gehörte, was sich übrigens mit den Corona-Folgen ändert - bodenständiges Essen boomt.

Das Lohengrins an der Cosima-, Ecke Lohengrinstraße ist eine typische Vorstadtwirtschaft. Seit Jahrzehnten gibt es in dem schlichten Haus ein Lokal, die heutigen Pächter Josef Schlenc, Christian und Andreas Ertl, die noch zwei weitere Gasthäuser in der Gegend führen, haben es 2006 übernommen und die Gaststube mit Vertäfelungen, Holztischen, viel Zierrat und etwas Karminrot an den Wänden ausstaffiert. Umgeben ist das Restaurant von einem hübschen Garten, in dem wir angenehm saßen. Unspektakulär das Ganze, doch der Laden brummt. Als es noch keine Corona-Regeln gab, störte sich niemand daran, wenn Kinder durch die Stube tobten. Ein Vorstadtwirtshaus halt, in dem man sich trifft, in das man aus der Nachbarschaft zum Essen geht, Alte, Junge, Familien.

Die gutbürgerliche Küche mit ein paar internationalen Einsprengseln wird gepflegt, also gediegene Hausmannskost. Es gibt eine Mittags-, Tages-, Wochen- und eine Standardkarte, von einer Getränke- und Weinkarte ganz abgesehen, wobei die rätselhafte Kartenschwemme allerlei Wiederholungen enthält und keine Rückschlüsse auf die Zahl der Gerichte erlaubt, die bleibt im vernünftigen Rahmen. Die Getränkekarte ist überraschend detailliert, ausgeschenkt wird Franziskaner- und Spatenbier (die Halbe Helles vom Fass 4,20 Euro). Bei den offenen Weinen boten der Grüne Veltliner und der Grauburgunder wenig Überraschung, ordentlich waren ein Lugana aus der Lombardei und ein Primitivo aus Apulien (0,2 Liter 6,50 bis 7,50).

Nun haben die Wirte die Zeit des Lockdowns zum Nachdenken genutzt, mit dem Ergebnis, dass einige Gerichte etwas teurer geworden sind. Erschwinglich bleibt das Lohengrins dennoch, ein Tässchen Tagessuppe zum Beispiel kostet 2,50 Euro, und die Tomatensuppe war schön fruchtig. Die Meerrettichsuppe mit vielen Lachsschnipseln in einer dickbauchigen Terrine schmeckte allerdings nicht nur nach Meerrettich, sondern auch nach Mehl (5,90). Eine feine Sache war das Brezenknödel-Carpaccio, die hauchdünnen Knödelscheiben lagen in einer würzigen Vinaigrette, bedeckt mit Salat und heißen, gebratenen Schwammerln (8,90). Überhaupt spielt das Bayerische eine Hauptrolle, und in Spezialitätenwochen brachte die Küche, ohne lange über "nose to tail" zu dozieren, auch allerlei Innereien auf den Tisch.

Am Schweinsbraten gab es überhaupt nichts zu meckern: zwei dicke, butterweiche Scheiben, ein Stück resche Kruste darauf, ein großer, lockerer Kartoffelknödel, umgeben von einer intensiven, leichten Dunkelbiersauce, die, wie es sich gehört, ohne ein Bindemittel auskam. Auf dergleichen Hilfen verzichtet der Koch meistens, ob bei den schön sauren Kalbsnieren mit feinem Kartoffel-Lauchpüree oder bei der leicht säuerlichen Schalottensauce zur etwas trockenen Kalbsleber. Nur beim braven Viertel Ente gab die Küche dem Wassertier zu viel der Ehre, es schwamm in einem dünnen Saucensee (13,50 bis 18,50).

Kochsünden blieben die Ausnahme. Gut und üppig war das mit Bergkäse und Speck gefüllte Schweinsschnitzel mit gerösteten Knödeln. Der zarte Tafelspitz lag in einer kräftigen Brühe und war mit frischem, schön scharfem Meerrettich dekoriert. Viele Zwiebeln, geschmolzen und geröstet, hatte der Koch in und über die Allgäuer Käsespätzle verteilt, der Käse, gerade die richtige Menge, war sanft zerflossen, nichts kleisterte er zu. Einen kleinen gemischten Salat mit angenehmer Vinaigrette gab es dazu, wobei ein "kleiner" Salat, der zum Beispiel auch zur Ofenkartoffel mit Kräuterquark serviert wurde, locker für zwei gereicht hätte. Nur am Kräuterquark sparte die Küche (8,30 bis 15,90).

So testet die SZ bei der Kostprobe

Die Kostprobe gibt es als Format für Restaurantkritiken seit 1975 in der Süddeutschen Zeitung. Die Autorinnen und Autoren haben sich ehernen Regeln verpflichtet: Sie testen ein Restaurant frühestens 100 Tage nach Eröffnung (damit sich das Küchenteam bis dahin einspielen kann), essen dort mehrmals (denn jeder Koch und jede Köchin kann mal einen schlechten Tag haben), geben sich nicht als Tester zu erkennen und schreiben unter Pseudonym (um unerkannt und unabhängig bleiben zu können). Und die Rechnung? Die bezahlt natürlich die SZ selbst.

Hungrig muss im Lohengrins niemand aufstehen, und eine der schnellen, freundlichen Bedienungen zuckte zurück, als wir einmal Vorspeise und Hauptgericht bestellen wollten. Das sei ziemlich viel, warnte sie, "nehmen Sie doch bei der Hauptspeise nur eine halbe Portion". Sie hatte recht, und die halbe Portion war fast so groß wie anderswo eine normale.

Sich zu den Desserts vorzuarbeiten, war daher nicht einfach, wobei wir auf eines nicht hätten verzichten mögen, auf heiße Himbeeren mit Vanilleeis (5,90). Feine Restaurants bieten sie kaum noch an, weil so was Zopfiges, Unkreatives nicht in die Zeit passt. Mag sein, aber sie schmeckten wunderbar, nach Kindheit und nach erstem Opernbesuch. Wie gut, dass es Vorstadtwirtschaften gibt.

Adresse: Cosimastraße 97, München, 089/95927424, Öffnungszeiten: täglich 11 bis 24 Uhr, warme Küche 11.30 bis 21.30 Uhr, info@lohengrins.de

© SZ vom 30.07.2020/vewo

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