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Jüdisches Bildungsinstitut:Es geht um die "Reparatur der Welt"

Herkunft, Muttersprache und Religion sind egal: Das Projekt "Youthbridge" will junge Menschen zusammenbringen.

(Foto: Catherina Hess)

Seit zehn Jahren engagiert sich die "Europäische Janusz Korczak Akademie" gegen Antisemitismus und Rassismus. Mit kleinen Schritten versucht die Münchner Einrichtung viel zu erreichen.

Ich wollte nicht mehr sprachlos sein", sagt sie. Sprachlos angesichts von Rassismus oder Antisemitismus, mit dem sie oder Menschen aus ihrem Umfeld im Alltag konfrontiert werden. Die Realschülerin ist 16 Jahre alt, um ihren Hals trägt sie ein Kettchen mit dem Magen David, dem Davidstern. Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Nein, sagt sie, sprachlos werde sie in Zukunft nicht mehr sein, nicht bei Anfeindungen und auch sonst nicht. Das habe sie in den vergangenen eineinhalb Jahren gelernt - im Projekt "Youthbridge".

Die "Jugendbrücke" ist ein Angebot der "Europäischen Janusz Korczak Akademie", die am Dienstag ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat. Die Akademie wurde im Mai 2009 von einem kleinen Kreis jüdischer Pädagogen und Eventmanager als offene jüdische Bildungseinrichtung in München gegründet. Ziel war es, "ein freies jüdisches Bildungsinstitut ins Leben zu rufen, das unabhängig von den administrativen Verpflichtungen der klassischen Gemeindearbeit sowie in einem stärker interreligiösen Rahmen operieren sollte, als dies innerhalb der jüdischen Gemeinde möglich gewesen wäre".

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Das Youthbridge-Programm, das bereits von 80 Absolventen - "unsere Multiplikatoren", wie Akademie-Gründerin und Präsidentin Eva Haller sagt - durchlaufen wurde, zeigt exemplarisch, wie das Bildungswerk arbeitet. Im Mittelpunkt stehen die Werte des polnischen Pädagogen Janusz Korczak (1878/79-1942), der in Warschau bis 1942 ein nach den von ihm selbst aufgestellten Grundsätzen der "Pädagogik der Achtung" geführtes Waisenhaus betrieb und der die ihm anvertrauten Kinder bis in die Gaskammer des Vernichtungslagers Treblinka begleitete.

"Brücken bauen" ist eines dieser Ziele - die Jugendbrücke soll junge Münchner unabhängig von ihrer Herkunft, Muttersprache und Religion zusammenbringen. Die zwischen 15 und 23 Jahre alten Youthbridge-Teilnehmer kommen aus allen Schularten, manche studieren, einige sind in der Ausbildung. Ihre Familien stammen aus Deutschland und vielen anderen Ländern. Manche von ihnen sind jüdisch, andere Christen oder Muslime. Mehrsprachig sind sie alle aufgewachsen. "Jeder von ihnen erkennt, welchen Schatz er in sich hat", sagt Eva Heller, die selbst 1948 in Rumänien geboren wurde. "Mit dem Programm arbeiten wir bewusst gegen Antisemitismus und Radikalisierung."

Dieses Engagement der Akademie und ihrer in München mehr als einem Dutzend hauptamtlichen Mitarbeiter sowie der vielen Ehrenamtlichen würdigten am Dienstag Redner beim "Fest der Werte" auf der Praterinsel. "Mitten in die Stadt, mitten in die Gesellschaft", sagte Landtagsvizepräsident Karl Freller, gehöre das jüdische Leben. Thomas Gruber aus der Staatskanzlei warnte: "Antisemitismus, Hate Speech und Populismus müssen uns aufhorchen lassen." Die Akademie, die sich dem zentralen Anliegen ihres Namenspatrons verschrieben habe, der "Reparatur der Welt" durch Bildung und Erziehung, leiste wichtige Arbeit. Und, so Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, die Akademie zwinge keine Weltsicht und keine fertigen Meinungen auf.

Wie aber fühlt sich die Arbeit in so einem gesellschaftlichen "Reparaturbetrieb" an, die wohl nie an ein Ende kommt? "Es sind kleine Schritte", sagt Eva Haller, "aber ich weiß, dass wir sehr viel erreichen". Zum Beispiel mit Medienworkshops zu den Themen Judentum, jüdische Geschichte, Antisemitismus und Rassismus. Die Münchner Einrichtung hat 2013 das erste jüdische Medienkompetenzzentrum Deutschlands gegründet. Speziell aus jüdischer Perspektive ging es dabei unter anderem um die Frage: "Wie können wir den zahlreichen antisemitischen Kampagnen in den sozialen Netzwerken begegnen und diesen mit einer wirkungsvollen Gegenstrategie antworten?" Auch interkulturelles Training für Schulklassen bietet die Janusz-Korczak-Akademie an. Und Workshops, die Jugendgruppen helfen, demokratische Werte zu stärken.

Ein Angebot trägt den Titel "Rent a Jew - Mieten Sie einen Juden". Damit will die Bildungseinrichtung Klischeebildung über in Deutschland lebende Juden entgegentreten. Juden mit verschiedensten biografischen Hintergründen sollen bei Besuchen in Schulen, Volkshochschulen, Universitäten oder Kirchengemeinden dem Judentum ein Gesicht geben und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bleibenden Eindruck hinterlassen manche Angebote der Akademie auch gerade deshalb, weil religiöse und ethnische Unterschiede keine Rolle spielen. Haller erzählt von Begegnungen beim Weltfrauentag, aus denen Freundschaften wurden. Eine Muslima und eine Jesidin, die Freundinnen werden - bei einer Veranstaltung einer jüdischen Akademie? "Ja", sagt Eva Haller und man sieht ihr die Freude an, "da sind wir der Kitt."

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