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Antisemitismus:Hass darf nie normal werden

Kundgebung gegen Antisemitismus

Protestschild gegen Antisemitismus auf einer Demo.

(Foto: dpa)

Die neue bayerische Recherchestelle Rias sammelt seit zwei Monaten antisemitische Vorfälle und veröffentlicht sie jetzt auf Facebook. Und ja, so fürchterlich die Lektüre ist, sie ist nötig. Fürchterlich nötig.

Ist das denn wirklich nötig? Ist es nötig, dass eine Recherche- und Informationsstelle Fälle von Judenhass sammelt? Ist es nötig, antisemitische Sprüche zu dokumentieren, die wohl gerade noch unterhalb der Schwelle liegen, bei der Polizei und Staatsanwaltschaft einschreiten? Ist es nötig, im Wortlaut wiederzugeben, was Menschen von sich geben, deren bösartige Dummheit regelmäßig nur noch von ihrem menschenverachtenden Hass überboten wird? Die neue bayerische Recherchestelle Rias sammelt seit zwei Monaten solche Vorfälle und veröffentlicht sie jetzt auf Facebook. Und ja, so fürchterlich die Lektüre ist, sie ist nötig. Fürchterlich nötig.

Gerade in ihrer scheinbaren Banalität zeigen viele der dokumentierten Fälle, wohin ein "Das wird man doch noch sagen dürfen" führt. Es verschiebt Grenzen. Volksverhetzung vor der Synagoge, unter den Augen der Polizei, in der Fußgängerzone oder auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus, am helllichten Tag, im persönlichen Gespräch ... Antisemiten halten ihren Hass inzwischen wieder für so normal, dass sie ihn ungehemmt herausposaunen.

Antisemitismus In nur zwei Monaten 15 Fälle in München
Antisemitismus

In nur zwei Monaten 15 Fälle in München

Seit April gibt es eine Einrichtung, die alltäglichen Antisemitismus registriert. Dessen Auswirkungen sind für die Betroffenen oft gravierend - künftig soll dies auch auf einer Facebookseite dokumentiert werden.   Von Martin Bernstein

Polizei und Staatsanwaltschaft, Freistaat und Stadt haben das erkannt. Die neue Recherchestelle und die gemeinsame Initiative der Sicherheitsbehörden gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus sind wichtige Schritte. Signalwirkung können sie aber nur entfalten, wenn die Stadtgesellschaft Judenhass als Problem aller erkennt - und benennt. Auch wenn er in Verkleidung auftritt: als angebliche Israelkritik, als vermeintlich naive Frage nach historischen Wahrheiten, als Verschwörungstheorie, die das Schicksal der Welt von finsteren Mächten im Hintergrund geleitet sieht.

Wer Juden verbal mit Vernichtung droht, wer Hakenkreuze, SS-Runen oder den Hitlergruß zeigt, wer die Schoah leugnet, ist als Antisemit leicht zu erkennen. Die anderen sind nicht weniger gefährlich. Sie arbeiten mit Codes. Sie wollen ein Palästina "from the river to the sea" und meinen damit das Ende Israels. Sie faseln auf AfD-Treffen von geheimen Machteliten und sagen Soros oder Rothschild, wenn sie "die Juden" meinen. Sie sprechen von angeblichen Denkverboten und wollen doch nur die deutsche Schuld am millionenfachen Massenmord in Frage stellen. Antisemitismus hat viele Gesichter. Und oft kommt Judenhass ohne das Wort "Jude" aus. 15 Fälle in München binnen zwei Monaten sind bitter. Davon zu erfahren ist bitter nötig.