SZ-Serie: Wie das Wasser die Stadt prägt:"Spätestens nach zehn Minuten wird es sehr kritisch"

Übung Wasserrettung der Berufsfeuerwehr, 2021

Bei einer Übung besprechen die Ausbilder Fritz Held (links) und Christian Prexl den Einsatz mit einem Sicherungstaucher.

(Foto: Robert Haas)

Wenn Menschen im Wasser in Not geraten, kommen Rettungstaucher der Berufsfeuerwehr zum Einsatz. In einem Fluss wie der Isar birgt das selbst für die gut ausgebildeten Helfer Gefahren.

Von Linus Freymark

Jetzt muss es schnell gehen! Der Taucher wirft sich auf sein Brett, dass das Wasser nur so spritzt. Seine Arme pflügen durchs Wasser, mit kräftigen Zügen schwimmt er zu der hilflos im Wasser treibenden Person. Dort angekommen steigt er vom Brett, dreht es um die eigene Achse, sodass der Schaft des Stand-Up-Paddles nach oben zeigt. Er greift die Arme des Mannes, und dann zieht er ihn so auf das Board, dass es sich wieder um sich selbst dreht und er den Mann auf seinem Brett in Richtung Ufer bugsieren kann.

"Das war reibungslos!" Ausbilder Christian Prexl ist zufrieden. Schon seit ein paar Tagen ist er mit den angehenden Rettungstauchern der Münchner Berufsfeuerwehr am Regattaparksee in Oberschleißheim und übt mit ihnen, wie man verunglückte Personen aus dem Wasser rettet. Meistens ist das nicht so einfach wie bei der Übung gerade, in der der Taucher seinen nur wenige Meter vom Ufer treibenden Kollegen aus dem See zog. Oft sind die Menschen viel weiter entfernt oder müssen erst noch gefunden werden. Denn in vielen Fällen, in denen die Feuerwehrleute jemanden aus dem Wasser retten, haben Spaziergänger oder andere Schwimmer herrenlose Kleidungsstücke am Ufer entdeckt und die Rettungskräfte alarmiert. Die verunglückten Schwimmer sind dann oft schon untergegangen.

Die Feuerwehr hat für die Suche eine besondere Taktik: Mit Schlauchbooten, die einen Taucher unter Wasser an einer Leine hinter sich herziehen, suchen sie den See in Planquadraten ab. Viel Zeit haben sie dabei nicht. "Spätestens nach zehn Minuten wird es sehr kritisch", erklärt Fritz Held, der zusammen mit Christian Prexl den Lehrgang am Regattaparksee leitet. Je nach Wassertemperatur kann es noch schneller eng werden, je kälter das Wasser, desto kürzer überlebt der Organismus. Bei der Übung dauert die gesamte Rettungsaktion nur knapp 30 Sekunden - allerdings, sagt Prexl, sei das auch wirklich ein vergleichsweise leichtes Szenario gewesen.

Die Wasserrettung der Berufsfeuerwehr ist auf mehreren Säulen aufgebaut. Jeder Feuerwehrmann hat eine Grundausbildung zum Rettungsschwimmer, um im Ernstfall die Erstversorgung zu übernehmen, wenn die Taucher noch nicht am Einsatzort sind. Dafür ist in jedem Löschzug mindestens ein Fahrzeug mit einem sogenannten Wasserrettungssack ausgestattet, mit dem man Personen aus dem Wasser ziehen kann. Für die schwierigeren Fälle gibt es in München dann die rund 100 Taucher, von denen einige wie Ausbilder Prexl noch eine weitere Qualifikation haben: sie können sich auch vom Rettungshubschrauber aus ins Wasser begeben und dadurch Leben retten.

Übung Wasserrettung der Berufsfeuerwehr, 2021

Auf einem Board paddelt ein Rettungstaucher bei einer Übung zu einer im Wasser treibenden Person.

(Foto: Robert Haas)

Die Ausbildung zum Taucher bei der Berufsfeuerwehr dauert zwei Jahre, in denen es regelmäßige Lehrgänge gibt. Nach ersten Einheiten im Schwimmbad sowie Theorieunterricht trainieren die angehenden Taucher schnell in unwirtlicheren Umgebungen, vor allem in den Münchner Seen und der Isar. "Wir wollen die Jungs an ihre körperlichen Grenzen bringen", sagt Ausbilder Held. "Auch wenn das bei ihnen ziemlich schwierig ist." Denn die meisten Anwärter sind ziemlich fit, unter fast jedem Anzug zeichnen sich Muskelpakete ab. Und obwohl die Übungen anstrengend sind und die Taucher schwer atmend aus dem Wasser kommen, erinnert die Stimmung am Regattaparksee ein bisschen an ein Ferienlager: es wird viel gelacht, zum Mittagessen gibt es Pizza aus dem Pappkarton. Dennoch ist allen klar, dass sie hier für den Ernstfall üben. Und der kann schneller eintreten als gedacht.

So wie neulich am Lußsee: da rief eine Frau im Wasser um Hilfe, weil ihr Mann plötzlich untergegangen war. Dass der Mann gerettet werden konnte, lag auch an einem glücklichen Zufall - denn genau zur selben Zeit waren ein paar Taucher der Feuerwehr für eine Übung am See. So konnten zwei von ihnen direkt ins Wasser springen und den Mann retten. Dass Prexl und Held der Einsatz so gut in Erinnerung geblieben ist, liegt neben dem Zufall auch an der Reaktion des Mannes: Kurz nach der Rettung schickte er Pralinen an seine Retter. "Das ist dann schon schön", sagt Prexl.

Die meisten Einsätze an den Münchner Badeseen werden notwendig, weil Schwimmer sich selbst überschätzen und zu weit raus schwimmen. Held und Prexl empfehlen deshalb, sich eine Boje an die Badehose oder den Bikini zu schnallen, an der man sich im Notfall festhalten kann. Immer mehr Badende würden dies in den letzten Jahren tun, meint Held. "Das stört überhaupt nicht beim Schwimmen und kann im Zweifel lebensrettend sein." Bekomme man etwa einen Krampf im Wasser, sei der Rückweg ans rettende Ufer ohne Hilfsmittel "schwer handlebar". Doch auch an der Isar müssen die Taucher immer wieder Menschen retten. Während es an den Seen meist um Schwimmer gehe, seien es am Fluss vor allem Schlauchbootfahrer, die Hilfe brauchen. Oder jene, die es cool finden, auf eine Insel zu gehen, und beim Rückweg Angst vor dem Wasser kriegen. Prexl nerven diese Einsätze ein bisschen. Natürlich rette man die Leute gerne, sagt er, sonst sei er ja auch falsch bei der Berufsfeuerwehr. "Aber man fragt sich dann halt schon manchmal, ob das jetzt unbedingt sein musste."

Die Ausbildung zum Taucher bei der Berufsfeuerwehr dauert zwei Jahre.

Die Ausbildung zum Taucher bei der Berufsfeuerwehr dauert zwei Jahre.

(Foto: Feuerwehr München)

Und auch sonst gibt es einen Unterschied zwischen stehendem und fließendem Gewässer. "Fließendes Gewässer ist viel unberechenbarer", erklärt Prexl. "Die Unterwasserwelt verändert sich extrem schnell." Während sie die Seen von ihren Übungen her gut kennen, kann es an der Isar sein, dass auf einmal Äste oder Geröll angeschwemmt wird, das vor ein paar Tagen vielleicht noch nicht da war. Für die Taucher birgt das im Einsatz Gefahren.

In diesem Sommer, so erscheint es Prexl und Held, seien die Taucher bislang besonders häufig im Einsatz gewesen. Der viele Regen, dazu der Drang der Leute, nach dem Corona-Winter zum Baden zu fahren - das führt dazu, dass die Taucher immer wieder gebraucht werden. Deshalb sind Prexl und Held froh, dass ihre Taucher bald mit der Ausbildung fertig sind und mithelfen können, auch im Ernstfall Menschenleben zu retten.

© SZ vom 02.08.2021/wean
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