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Typisch deutsch:Rosen am Tag der Trauer

Eingeschränkte Bestattungen in München während der Corona-Krise, 2020

Die Beerdingung war geordnet und wirkte äußerst gut geplant, schreibt unser Autor. Gewohnt ist er anderes.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Seine erste bayerische Beerdigung hat sich unser Autor anders vorgestellt. Er wundert sich über die festlichen Rituale und Gepflogenheiten, die hierzulande üblich sind.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Sie war eine Seele von einem Menschen, sie, die mir von Anfang an half, mich in Deutschland zurecht zu finden. Ihr Tod traf mich schwer. Tage später erlebte ich meine erste bayerische Beerdigung. Die Begleitung auf dem Weg zur letzten Ruhe. Als ich mit meiner Frau in die Kirche trat, sahen wir viele Rosen und hörten Musik. Die Menschen waren elegant, ja festlich gekleidet. Ich wechselte Blicke mit meiner Frau. Waren wir auf einer Hochzeit gelandet? Jedenfalls mussten wir uns in der Adresse geirrt haben.

Wir wollten schon fast kehrt machen, da erkannte ich einen Nachbarn der Verstorbenen. Also war das wirklich die Beerdigung? Irgendwie hatte ich automatisch weinende Frauen erwartet, die sich mit verschränkten Händen auf die Schultern schlagen, Haare ausreißen und traurige Lieder singen. So wie das im Orient Brauch ist. Hier war alles geordnet und wirkte äußerst gut geplant. Die Musik war feierlich und erinnerte mich daran, wie die Verstorbene einst an Weihnachten Entenbraten zubereitet hatte. Ich erinnerte mich an die schönen Momente mit ihr. Und auch daran, wie sie vom Krieg früher in Deutschland erzählte. Seltsam, dass - lange vor Corona - nur so wenige Menschen in der Kirche saßen. Nur knapp 200 waren da, obwohl sie eine bekannte Persönlichkeit in Kirchseeon war.

Wenn in Syrien eine Person stirbt, versammelt sich das ganze Dorf, und es kommen sofort die Verwandten von überall herbei. Bei einer gewöhnlichen syrischen Beerdigung kommen gut und gerne 1000 oder mehr Gäste. Der oder die Tote wird möglichst schnell beerdigt. Bei meiner deutschen Freundin dauerte es ganze drei Tage nach ihrem Tod. Die Vorbereitungen dauern einfach so lange. Als die Männer den Sarg in das Grab hinunter ließen, warfen die Leute Rosen hinab.

Die Eigenarten des Bayernlandes hören selbst mit dem Lebensende nicht auf. Rosen am Tag der Trauer, eine Blume für Verliebte und Vermählte. In Syrien waschen wir den Leichnam, wickeln ihn in ein Leintuch, legen den Körper in den Sarg und tragen ihn in die Moschee. Dort wird gebetet, ehe der Sarg zum Grab getragen wird. Dort laden wir den Leichnam aus - und tragen den leeren Sarg zurück zur Moschee. Er gehört der Moschee und ist wiederverwendbar.

In Deutschland wäre das wohl kaum denkbar, entsprechend kann eine Beerdigung teuer werden. In Syrien mussten die Leute in den Tagen des Krieges ihre Toten unter dem Schutt der kaputten Häuser beerdigen. Wir waren gezwungen, die Toten schnell zu verscharren, damit das Flugzeug nicht unsere Bewegungen registriert, noch mal zurückfliegt und uns auch bombardiert.

© SZ vom 25.09.2020/kafe

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