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Typisch deutsch:Historische Lektionen

Geschichte über die Bauabteilung der Schlösserverwaltung, Schloss Nymphenburg

Im Nymphenburger Schloss hat unser Autor viel über seine Heimat gelernt.

(Foto: Florian Peljak)

Oft ist unser Autor am Schloss Nymphenburg vorbeigelaufen. Dann ist er mit einem bayerischen Freund doch einmal ins Innere des Prachtbaus gegangen - und hat dort viel über seine Heimat gelernt.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Oft bin ich an diesem schönen Schloss vorbeigegangen und habe mich gefragt, wie es wohl im Inneren ausschaut? Es war schon immer mein Wunsch, dort einmal hineinzugehen und alles anzusehen. Dieser Wunsch ging in Erfüllung, als ein bayerischer Freund mich und meine Frau zu einem Besuch in das Schloss einlud. Während unseres Spaziergangs am Kanal neben den schönen grünen Wiesen, zwischen den Rosen und Statuen spürte ich die Wucht dieses Ortes.

Es ist eines der größten Schlösser in Europa. Als wir in den großen Empfangssaal kamen, mit den farbigen Deckenfresken, all den Kindern, Engeln und dem goldenen Schmuck an den Wänden, fühlte ich mich, als wäre ich durch ein Tor in die Vergangenheit eingetreten.

Auch in meiner Heimat gab es ein prächtiges Schloss, einst Sitz von mächtigen Königen. Der deutsche Archäologe Ernst Herzfeld kam im Jahre 1907 nach Rakka in das Schloss Qasr al-Banat. Er fotografierte und versuchte, das Gebäude zeitlich einzuordnen. Im Schloss Nymphenburg hat man das Glück, dass alle geschichtlichen Daten bekannt sind. Als ich den hölzernen Schreibtisch sah, stellte ich mir vor, wie König Ludwig in Lederhosen an einem Schreibtisch sitzt und schreibt. Andere Besucher wiederum interessieren sich mehr für den Schlafraum der Prinzessin oder bewundern den Geschmack der königlichen Damenwelt.

Im nächsten Raum staunte ich nicht schlecht: Bilder von 38 jungen Frauen, eine Schönheitengalerie mit Abbildungen von Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, die sich König Ludwig anfertigen ließ. Die Frisuren der Frauen erinnern an das Münchner Oktoberfest. Auf der Wiesn wird ja auch immer noch an eine königliche Hochzeit von einst erinnert, als Kronprinz Ludwig von Bayern im Oktober 1810 seine Verlobte Therese Charlotte Louise von Sachsen-Hildburghausen heiratete.

Bayern war einst eine prächtige Monarchie, das sieht man auch an den Wänden Nymphenburgs, wo Bilder weiterer Schlösser hängen: Landshut, Dachau, Schleißheim. Die heutige Regierungsform hat mit jener Zeit nichts mehr zu tun, in Bayern und in weiten Teilen Europas ist die Demokratie eingezogen. Und die Schlösser sind nur noch schmucke Relikte, die an alte Zeiten erinnern, als die Herrscher ihre Macht unter anderem durch Prunk ausdrückten.

Ein syrisches Sprichwort sagt: Wer keine Vergangenheit hat, der hat auch keine Gegenwart. Das Schloss Qasr al-Banat in Rakka hat Vergangenheit - aber trotzdem keine Gegenwart. Die syrische Regierung ließ das Schloss zerstören, der sogenannte Islamische Staat hat die Antiquitäten gestohlen.

In Nymphenburg ist alles erhalten. Der wunderschöne Garten ist ein guter Ort für Erinnerungsfotos. Schloss Nymphenburg ist ein stiller Lehrer für historische Lektionen. Und eine Hoffnung habe ich nach diesem Spaziergang: Vielleicht ist der Palast des totalitären syrischen Präsidenten Assad irgendwann auch nur noch eine Touristen-Attraktion.

© SZ vom 28.08.2020/lfr
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