Kunst gegen den Krieg:"Es ist wie ein Albtraum, aus dem ich nicht mehr aufwache"

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Kunst gegen den Krieg: Der Ausbruch des Krieges ließ Kyrylo Zhornovyi, 25, verstummen. Monatelang gelang ihm kein einziger Pinselstrich. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass es relevant ist, irgendetwas zu malen", sagt er.

Der Ausbruch des Krieges ließ Kyrylo Zhornovyi, 25, verstummen. Monatelang gelang ihm kein einziger Pinselstrich. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass es relevant ist, irgendetwas zu malen", sagt er.

(Foto: Robert Haas)

Der junge Künstler Kyrylo Zhornovyi kam 2015 aus der Ukraine nach München. Weit weg von seiner Heimat versucht er, mit einer Ausstellung der Hilflosigkeit entgegenzuwirken, die er seit Ausbruch des Krieges verspürt.

Von Clara Löffler

Zweimal ist in diesem Jahr die Welt für Kyrylo Zhornovyi zusammengebrochen. Das erste Mal war am 24. Februar, dem Tag, an dem der Krieg in der Ukraine begann. Und ein weiteres Mal vor etwa drei Wochen. Als der 25-Jährige die Nachricht erhielt, dass sein Vater als Soldat in diesem Krieg gefallen war. Mehr als 1500 Kilometer von München entfernt, wo der junge Ukrainer lebt. Sprechen kann er darüber noch nicht.

Kyrylos Geschichte handelt nicht von Trauer. Es ist eine Geschichte über Wut. Wut auf Russland, Wut auf Wladimir Putin, Wut auf die Ungerechtigkeit in dieser Welt. Und es ist vor allem eine Geschichte über Tapferkeit. Mut, den es braucht, um sich trotz alledem nicht unter der Decke zu verstecken, sondern gegen das Gefühl der Hilflosigkeit anzukämpfen. Nur wenige Tage, nachdem Kyrylo von seinem Verlust erfahren hatte, lud er einen Aufruf auf Instagram hoch: Er suche ukrainische Kunstschaffende in Bayern. Für eine Ausstellung. Sofort hieß es. Kyrylo, der selbst Künstler ist, hatte es eilig.

Dabei entstand die Idee für eine Ausstellung bereits vor Beginn des Krieges. "Viele Deutsche haben noch immer ein altes Weltbild aus Zeiten der Sowjetunion, dass Russen und Ukrainer dasselbe Volk sind. Sie wissen fast nichts über die Ukraine und ihre moderne Kunst, die sich von den sowjetischen Formen abgespalten hat", sagt Kyrylo. Gerade jetzt sei es wichtig, die Menschen hierzulande an diese vielfältige Kultur zu erinnern, deren Existenz ebenso auf dem Spiel steht. "Die Aufmerksamkeit hat stark nachgelassen. Auf Social Media haben die Menschen am Anfang viel zur Ukraine gepostet, jetzt werden sie langsam müde vom Krieg."

Kyrylo kann das zum Teil nachvollziehen, ihnen fehlt der direkte Bezug zu den Betroffenen - auch das will er durch seine Ausstellung ändern. Nicht nur Einblick in die ukrainische Kunst will er geben, sondern auch in das Leben der Menschen dahinter.

Es wirkt fast surreal, Kyrylo an einem sonnigen Septemberabend in einem Café an der Münchner Freiheit sitzen zu sehen, zwischen all den lachenden Paaren, den Berufstätigen, die eifrig in die Tastaturen ihrer Laptops tippen, während andere auf demselben Kontinent um ihr Leben kämpfen.

Nach Ausbruch des Krieges malte Kyrylo nicht mehr. Stattdessen arbeitete er als Übersetzer für Geflüchtete, sortierte in Lagern Hilfsgüter

Kyrylo trägt ein rosa Karohemd. Auch er beschreibt das Gefühl, das er mit dem Krieg verbindet, als surreal. Er kann immer noch nicht ganz begreifen, was seit mehr als 200 Tagen in seinem Heimatland vor sich geht. "Es ist wie ein Albtraum, aus dem ich nicht mehr aufwache", sagt er. Kyrylo ist ein zurückhaltender, fast schüchterner junger Mann. Am Anfang redet er wenig, schaut immer wieder auf den Boden zu seiner Linken. Es fällt ihm schwer, Blickkontakt zu halten. Die Ereignisse dieses Jahres müssen sein Urvertrauen schwer erschüttert haben. Doch je länger das Gespräch andauert, desto mehr blüht er auf, bis er sich kaum noch unterbrechen lässt. Was bleibt, sind der gefasste Tonfall und der ernste Blick, der sein sonst so jugendliches Gesicht schlagartig älter erscheinen lässt.

Kunst gegen den Krieg: Die Werke von Kyrylo Zhornovyi sind farbintensiv und surrealistisch, beschäftigen sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen und nehmen Bezug auf das Unbewusste und Unsichtbare.

Die Werke von Kyrylo Zhornovyi sind farbintensiv und surrealistisch, beschäftigen sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen und nehmen Bezug auf das Unbewusste und Unsichtbare.

(Foto: Kyrylo Zhornovyi)

Seit sieben Jahren lebt der gebürtige Ukrainer in München. Für ein Architekturstudium verließ er sein Heimatland. Dort hatte er eine Kunstschule besucht, für das Malen blieb hier erst einmal keine Zeit mehr - bis zum Lockdown 2020, als er sein Hobby wieder aufnahm. Kyrylos Werke sind farbintensiv und surrealistisch, beschäftigen sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen und nehmen Bezug auf das Unbewusste und Unsichtbare. Der Ausbruch des Krieges ließ ihn verstummen. Monatelang gelang ihm kein einziger Pinselstrich. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass es relevant ist, irgendetwas zu malen." Stattdessen arbeitete Kyrylo als Übersetzer für Geflüchtete, sortierte in Lagern Hilfsgüter.

"Wenn ich schon nicht auf dem Schlachtfeld bin, dann will ich wenigstens auf andere Weise helfen"

Mittlerweile hat er die künstlerische Tätigkeit wieder aufgenommen und auch an einigen Ausstellungen teilgenommen, um Spenden zu sammeln. "Wenn ich schon nicht auf dem Schlachtfeld bin, dann will ich wenigstens auf andere Weise helfen", sagt er leise. Ein unterschwelliges Schuldgefühl schwingt in seiner Stimme mit. Weil er in diesem Café sitzen kann, während in der Ukraine Menschen um ihr Leben fürchten. Auch wenn er alles dafür tut, seine Landsleute zu unterstützen, lässt ihn dieses "Was wäre, wenn?"-Gefühl nicht mehr los.

Kyrylo hatte großes Glück. Wenige Tage vor dem 24. Februar wollte er in die Ukraine reisen, doch sein Flug wurde durch Zufall gestrichen. Wäre der junge Mann mit ukrainischem Pass tatsächlich eingereist, hätte er das Land nicht mehr verlassen dürfen. Kurz darauf floh stattdessen seine Mutter mit zwei Katzen im Gepäck nach München. Sie lebt seitdem bei Kyrylo und seinem Partner in einer Dreizimmerwohnung und schläft im Arbeitszimmer, in dem der Künstler vorher gemalt hat.

Kunst gegen den Krieg: Angelehnt an das Gemälde "Der Sohn des Menschen" von René Magritte zeigt dieses Werk von Kyrylo Zhornovyi Putin mit einer Granate anstelle eines Apfels vor dem Gesicht.

Angelehnt an das Gemälde "Der Sohn des Menschen" von René Magritte zeigt dieses Werk von Kyrylo Zhornovyi Putin mit einer Granate anstelle eines Apfels vor dem Gesicht.

(Foto: Kyrylo Zhornovyi)

Kyrylo ist mit seinen Utensilien ins Wohnzimmer umgezogen. Die Arbeit an seiner Kunst hilft ihm, mit der Situation umzugehen. "Erlebnisse auf die Leinwand zu bringen ist ähnlich, wie sich beim Psychotherapeuten auszusprechen. Dadurch verarbeitet man sie und versteht die eigenen Gefühle und Gedanken besser." Unter anderem ist dabei ein russlandkritisches Bild entstanden. Angelehnt an das Gemälde "Der Sohn des Menschen" von René Magritte zeigt es Putin mit einer Granate anstelle eines Apfels vor dem Gesicht. "Ich glaube, das Bild ist einfach aus einem tiefen, innerlichen Hass entstanden." Kyrylo lacht verbittert. Er unterstreicht damit die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges.

Dann und wann gelingt es aber auch, ihm ein aufrichtiges Lachen zu entlocken. Etwa wenn Kyrylo über die wenigen Glücksmomente in seinem momentanen Leben spricht, seine Katzen oder sein neues Kunstprojekt. Er hat begonnen, kleine Skulpturen anzufertigen, die Ausdruck von Emotionen sind. Das erste Gesicht der Serie ist grün, seine Augen geschlossen und der Mund zu einem Lächeln angedeutet. Es symbolisiert Hoffnung. "Wir sehen keine Zukunft direkt, aber wir hoffen auf eine bessere Zukunft", erklärt Kyrylo. Die nächste Skulptur soll Trauer ausdrücken. Der Künstler atmet schwer, bevor er hinzufügt: "Die Trauer der Frauen, die ihre Männer verloren haben." Man weiß sofort, dass er gerade an seine eigene Mutter denkt - auch wenn er es nicht ausspricht.

Die Kunst ist mit Ausbruch des Krieges erst einmal in den Hintergrund geraten

Neben Kyrylo werden 15 weitere Kunstschaffende ihre Werke bei der Ausstellung zeigen. Zwei Drittel stammen aus der Ukraine. Sie leben entweder noch dort oder sind ins europäische Ausland geflohen. Viele von ihnen können ihre Tätigkeit nicht wie gewohnt ausüben und leben am Existenzminimum. Die Kunst ist mit Ausbruch des Krieges erst einmal in den Hintergrund geraten. Kyrylo will den Kunstschaffenden dabei helfen, Sichtbarkeit zu erlangen und neue Netzwerke zu knüpfen. Unter anderem mit den fünf bayerischen Künstlerinnen und Künstlern, die er eingeladen hat. Alle Werke sollen im Anschluss verkauft oder versteigert werden und ein Teil ihren Urhebern selbst, der andere Teil ukrainischen Hilfsorganisationen zugutekommen. Vorausgesetzt, die Ausstellung kann am liebsten Ende November, Anfang Dezember stattfinden. Noch ist Kyrylo auf der Suche nach Fördergeldern.

"Colours of Freedom" hat er sein Vorhaben getauft, das Logo trägt die Farben der ukrainischen Flagge, blau und gelb, "die weltweit zum Symbol des Widerstands gegen Aggression und Diktatur geworden sind", wie Kyrylo in seinem Ausstellungskonzept schreibt. Im Gespräch zitiert er die ukrainische Schriftstellerin Irina Rastorgujewa mit ihrem Gastbeitrag in der FAZ: "Wenn Russlands Armee aufhört zu kämpfen, gibt es keinen Krieg in der Ukraine mehr. Wenn die ukrainische Armee aufhört zu kämpfen, gibt es keine Ukraine mehr." Dabei ist Kyrylo wichtig zu betonen, dass die ukrainischen Soldaten nicht nur ihr eigenes Land verteidigen, sondern die Sicherheit und Werte eines ganzen Kontinents.

Kurz nach dem Tod seines Vaters teilt Kyrylo einige Fotos von ihm auf Instagram. Darunter schreibt er: "Vergesst nicht, dass der Krieg in der Ukraine immer noch andauert, dass Ukrainer jeden Tag ihr Leben für die Freiheit Europas opfern. Hört auf unsere Stimmen, teilt unser Wort, spendet, was ihr könnt, um Russland zu stoppen."

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