bedeckt München 24°

Stadtgestaltung:Der Mut beim Entwerfen, Genehmigen und Bauen fehlt

Aber sind die Kommission und die Münchner Architektur insgesamt wirklich solche Sanierungsfälle, wie es in der Debatte manchmal anklingt? Fragt man Fabian Ochs, den Architekten jenes verschachtelten Hauses an der Ridlerstraße, dann antwortet er: "Die Kritik war schon berechtigt. Der Entwurf war zu wild, zu unausgegoren."

Architektur-Spaziergänge Mehr Mut zur Architektur
Architekturspaziergang

Mehr Mut zur Architektur

Der Pasinger Wandel bringt Abrisse, Umbrüche und Neubauten mit sich. Vor allem aber erbringt er den Beweis dafür, dass der Kontrast von Alt und Neu spannend sein kann.   Von Martin Bernstein (Texte) und Alessandra Schellnegger (Fotos)

Im April stellte Ochs eine überarbeitete Version des Hauses vor, die auf Anraten der Kommission sogar zwei Stockwerke und damit sechs Meter höher ist. Dem stimmte die Runde dann zu. Ein Hingucker wird es also dennoch, nur eben dezenter. "Ich finde das jetzt auch deutlich besser", sagt Ochs. "Mit der Idee, höher zu bauen, sind wir bei der Stadt zunächst nicht weit gekommen, der Hinweis der Kommission hat uns geholfen." Aber Ochs merkt auch an, dass die Kommission "ganz oft mutiger sein könnte".

Erst fehlt der Mut beim Entwerfen, Genehmigen und Bauen, am Ende sieht alles gleich aus: Stadtbaurätin Merk kennt diese Kritik seit vielen Jahren. Und in Teilen kann sie sie auch nachvollziehen. "Wenn über 1000 Wohnungen hingebaut werden, empfindet man das natürlich als Fremdkörper. Und wenn das alles im gleichen Stil ist, dann ist eine gewisse Kritik berechtigt", sagt sie. Beispiele will sie nicht nennen, aber muss sie auch nicht: Die Schlagworte Hirschgarten, Arnulfpark und Messestadt Riem fallen in dem Kontext immer wieder.

Ein generelles Problem sieht Merk in der Umsetzung von Plänen. Oft entwirft ein Architekt ein Gebäude, gewinnt damit einen Wettbewerb oder findet Zustimmung in der Stadtgestaltungskommission. Und in der letzten Bauphase wechselt der Bauherr das Architekturbüro und beginnt, an der Fassade zu sparen. Am Ende bleibt zumindest im äußeren Erscheinungsbild vom gelobten Entwurf und dem damit verbundenen Versprechen nicht viel übrig. Das schadet dem Ruf der Architektur und der Gremien, die sich damit beschäftigen. "Wir kriegen dann immer zu hören: Ihr wart doch im Preisgericht", sagt Pretzl. Leider habe man in derlei Fällen keine Sanktionsmöglichkeiten gegenüber dem Bauherrn, sagt Merk.

"Aber", und das ist ihr wichtig zu betonen, "wir wissen, das viele moderne Architektur den Menschen gefällt". Das zeige sich etwa bei öffentlichen Führungen, die ihr Planungsreferat veranstaltet. Auch die Bayerische Architektenkammer warnt vor "Pauschalierungen, die nicht weiterhelfen", und verweist auf die 23 000 Teilnehmer bei ihren alljährlichen Architektouren.

Merk fällt da eine Alltagsbeobachtung ein, die sie immer wieder mache: "Wenn ich über den Marienplatz gehe, dann sehe ich ganz normale Münchner, die vor dem neuen Hugendubel-Haus stehen und sagen: ,Schaut schon ganz schön aus'." Der Entwurf für die neue Fassade war übrigens vor fünf Jahren Thema in der Stadtgestaltungskommission - und fand auf Anhieb einhellige Zustimmung.

Architektur in München München hat alles nur geerbt

Architektur

München hat alles nur geerbt

Die Architektur hier war einmal mutig und innovativ, manchmal auch irre. Heute ist sie das kaum noch. Denn die Stadt berauscht sich zu sehr an dieser Vergangenheit.   Von Gerhard Matzig