Architektur München hat alles nur geerbt

Gute Stadtplanung ist eine wissende Balance aus Bewahrung und Veränderung: der vor vier Jahren eröffnete Anbau des Lenbachhauses und im Hintergrund die Propyläen am Königsplatz.

(Foto: Johannes Simon)

Die Architektur hier war einmal mutig und innovativ, manchmal auch irre. Heute ist sie das kaum noch. Denn die Stadt berauscht sich zu sehr an dieser Vergangenheit.

Von Gerhard Matzig

Ganz links im ersten Obergeschoss hängt sich die Bayernfahne in den Wind, rechts davon ist es die papageienbunte Fahne Brasiliens - und das dort oben sieht aus wie das weißrote Gewürfel der Kroaten. Dazwischen: Unterwäsche und Blumen. Am Klingelschild die Namen Ojo, Rahimi oder Jelavic. Wären da nicht die Bayern-Rauten, man käme niemals auf die Idee, dass sich dieses Wohnhaus in München befindet. In einer Stadt, der so etwas wie weltoffene Dynamik so fremd ist, wie es dem Oktoberfest ein paar Gäste aus München sind.

Aber das ist bereits der erste Irrtum, denn tatsächlich gehört München schon lange zu den Metropolen mit hohem Ausländeranteil. Berlin, gerüchteweise eine Weltstadt, ist dagegen geradezu ein preußisches Einheimischen-Dorado, die Schwaben mal ausgenommen. Der zweite Irrtum aber besteht in der Annahme, es gäbe in der Mia-san-mia-Hauptstadt nur Beharrung und keine Dynamik. Kein Tempo und keinen Drive. Keine Visionen und keinen Utopismus. Keinen Mut zur Veränderung. Stimmt eben auch nicht. Jedenfalls nicht so ganz.

Man steht ja gerade vor einer Utopie, die in nur zwölf Monaten zur Realität wurde. Man steht vor einem Bau, den man dem amtierenden Oberbürgermeister und dieser depressiv verstimmten Damit-München-München-bleibt-Rhetorik niemals zugetraut hätte. Verblüfft und hoffnungsfroh steht man daher vor dem von Dieter Reiter initiierten, architektonisch ambitionierten Hybrid-Riegel am Dantebad, einerseits Verkehrs-, andererseits Wohnraum, der in seinem früheren Leben ein toter Parkplatz war.

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Nach nur zwölf Monaten war der Parkplatz mit 100 geförderten, daher günstigen Wohneinheiten überbaut: unten die Blechkisten auf Rädern, darüber ein Leben für Menschen in einem klug konzipierten Holz-Systembau. Es ist das Wunder von München. Geplant hat es Florian Nagler. Der staunt immer noch darüber, wie schnell das alles ging: "Weihnachten 2015 standen wir das erste Mal auf dem Parkplatz, Weihnachten 2016 wurden die ersten Wohnungen übergeben." Wer um die Trägheit des immer komplexer werdenden Bauens weiß, der kommt aus dem Staunen über diesen Geschwindigkeitsrausch nicht heraus.

Das ist Bauen mit dem Warp-Antrieb, also eigentlich Science-Fiction. Es ist ein Beweis für die Existenz architektonischer Tatkraft, politischer Entschlossenheit und unternehmerischen Engagements ausgerechnet dort, wo man diesen Dreiklang der Stadtentwicklung am wenigsten vermutet hätte: in München. Nagler muss deshalb lachen, wenn er erzählt, dass das Bauwerk nach nur zwölf Monaten fertig war, aber die restlichen Pflasterarbeiten "noch einmal vier Monate gedauert haben". Münchens Dynamik: etwas zwischen Warp-Futurismus und Pflasterstein-Elend.

An sich ist das kein Fehler, denn die Geschichte der Stadt ist schon immer eine Abfolge von retardierenden Momenten und kühnem Ausschreiten. Gute Stadtplanung ist eine wissende Balance aus Bewahrung und Veränderung. Zuletzt aber konnte man in München fast nur verzweifeln am Dornröschenschlaf der Stadt.

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Die Stickoxid-Pest, die sich auf der Stadtautobahn wie mit Hilfe einer Kreissäge durch den Englischen Garten fräst und damit eine Landschaftsarchitektur von Weltrang ruiniert: Wie viele Jahrzehnte benötigt man, um einen Tunnel zu realisieren? Oder die unendliche Konzertsaal-Geschichte, die neben dem zu kleinen Berliner Großflughafen zu den Lachern der Nation gehört - und hoffentlich bald ein gutes Ende findet.

Oder der Hauptbahnhof: Ganze Generationen lebten bislang mit einem im halbseitigen Schlaganfall erstarrten Da-reden-wir-noch-mal-drüber-Monument. Erst jetzt geht da etwas voran. Oder der Großteil der neuen Stadtteile: Ramscharchitektur wie aus dem Schlussverkauf - nach Jahren des Bedenkentragens. Vom Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, der sich nach den Olympischen Spielen zu oft schlafen gelegt hat, ist zu schweigen - um nicht in Tränen auszubrechen. München kommt einem vor wie die Hauptstadt der Behauptung ("Radlstadt") und die Metropole der Mutlosigkeit.