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Gynäkologie in München:Immer weniger Ärzte nehmen Schwangerschaftsabbrüche vor

Schwangerschaftsabbruch

Das Foto zeigt einen sieben Wochen alten Fötus in einer Fruchtblase. Die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte mit Erlaubnis zum Schwangerschaftsabbruch ist leicht rückläufig.

(Foto: Peter Endig/dpa)

Mehr als 63 Prozent aller registrierten Abbrüche in Bayern finden in München statt. Noch herrscht zwar kein Mangel, doch die Möglichkeiten der Stadt, einem Engpass entgegenzuwirken, sind begrenzt.

Von Ekaterina Kel

In München gibt es immer weniger Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Noch sind es genug, noch herrscht kein Mangel, fragt sich nur: wie lange noch? Ein Gynäkologe aus dem Münchner Westen, der unerkannt bleiben möchte, erzählt: Er ist jetzt 60 Jahre alt, die Rente ist nicht weit. Und eine Nachfolge, die die Abbrüche weitermacht, wenn er weg ist, gibt es bis jetzt nicht.

Sein Fall ist exemplarisch. Schon 2019 hieß es vom Gesundheitsreferat, damals noch unter Stephanie Jacobs: "Die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte mit Erlaubnis ist leicht rückläufig." Zurzeit gibt es laut RGU 39 Ärzte in München, die eine Erlaubnis haben, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Deutlich mehr als die Hälfte davon ist über 60 Jahre, ein paar gar über 70 Jahre alt. Ob es genug junge Gynäkologen gibt, die ihnen nachfolgen, ist fraglich. Die Schieflage zeichnet sich bereits ab: In den vergangenen zehn Jahren sind 20 Ärzte aus dieser Liste weggefallen. Im selben Zeitraum wurden aber nur sechs neue Anträge auf Erteilung einer Erlaubnis gestellt. Da die Eingriffe zu einem Schwangerschaftsabbruch in den allermeisten Fällen ambulant verlaufen, spielen Kliniken eine untergeordnete Rolle, zumal einige davon Abbrüche nur bei Vorlage einer medizinischen Indikation vornehmen.

"Es ist erwartbar, dass wir auf eine Unterversorgung zusteuern", sagt Nicole Lassal, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Sie befürchtet, dass Frauen durch eventuelle Engpässe noch mehr unter Druck geraten - wobei sie ohnehin in einer psychischen Ausnahmesituation sind. Denn wer eine ungewollte Schwangerschaft beenden will, kann nicht lange zögern: Für den Eingriff dürfen seit der Befruchtung nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sein. Lange auf einen Termin warten kommt hier also nicht infrage. Lassal sagt: "Es geht um das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren eigenen Körper. Daran sollte nicht gerüttelt werden."

Das Problem hat eine bayernweite Dimension: Mehr als 63 Prozent aller registrierten Abbrüche in Bayern finden in der Landeshauptstadt statt, das hat das Gesundheitsreferat (RGU) erhoben. Zu ihm kämen sogar um die 80 Prozent aus dem Umland, schätzt der Gynäkologe im Münchner Westen. Er möchte seinen Kollegen auf dem Land helfen, für die ein solcher Eingriff in einem bayerischen Dorf undenkbar sei, sagt er: "Da steht sonst der Pfarrer am nächsten Tag vor der Tür." Also macht er weiter. Mit etwa 1000 Eingriffen jährlich, wie er es selbst angibt, bestreitet der Gynäkologe einen großen Teil der anfallenden Eingriffe. Im Jahr 2018 wurden in der Stadt insgesamt 7252 Schwangerschaftsabbrüche registriert, die überwiegende Mehrheit bei niedergelassenen Ärzten.

Noch ist die Versorgung gut, das bestätigen mehrere Stellen in der Stadt, die sich damit befassen. Doch die Frage bleibt: Wird es in fünf oder zehn Jahren auch noch genug Ärzte in der Stadt geben, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen?

Auch die Stadtpolitik hat sich mit dieser Frage befasst. Seit 2018 hat die Fraktion der Grünen vier Anträge in den Gesundheitsausschuss eingebracht und gefordert, dass die Stadt dem "drohenden Versorgungsengpass" entgegensteuern müsse. Es sei ein "sehr emotionales Thema", sagt Anja Berger, Grünen-Stadträtin und Initiatorin der Anträge, aber es sei über die Stadtgrenzen hinaus wichtig sicherzustellen, dass auch in Zukunft genug Ärzte in München Abbrüche vornehmen. Man müsse mit den Frauen solidarisch sein, "die bei einer ungewollten Schwangerschaft leider die Leidtragenden sind", fordert auch Barbara Likus (SPD), stellvertretende Sprecherin im Gesundheitsausschuss.

In der ersten Sitzung des Ausschusses unter der neuen Leiterin des Referats, Beatrix Zurek (SPD), wurde das Thema nun ausführlich diskutiert. Man kam zu dem Schluss, im kommenden Jahr wieder die niedergelassenen Ärzten befragen zu wollen, um die Entwicklung der Versorgungssituation besser einschätzen zu können. Doch wie hilft das beim Problem, neue Ärzte zu gewinnen? Dazu gibt es vorrangig eine symbolische Geste. Beschlossen wurde nämlich auch, dass der Oberbürgermeister in einem Brief an den Freistaat die Ausbildung adressieren muss. "Das Wissen zur Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen muss in der medizinischen Ausbildung mit aufgenommen werden", heißt es in dem Beschluss. Eine Forderung, die das Potenzial hat zu verhallen. Denn über den Verlauf der Ausbildung entscheidet letztlich die Ärztekammer. Als dritte Maßnahme regt die Politik einen Runden Tisch an, um die Kooperation zwischen der München Klinik und den Praxen zu verbessern.

Den Gynäkologen aus dem Münchner Westen stimmt das nicht unbedingt hoffnungsfroh. Solche Appelle habe es schon mehrmals gegeben, sagt er, aber die scheiterten immer daran, dass man den Ärzten nicht grundsätzlich vorschreiben kann, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Es sei eine freiwillige Entscheidung eines jeden Arztes.

CSU-Politiker: Frage des Ärzte-Nachwuchses werde sich schon "automatisch regeln"

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der CSU-Fraktion im Rathaus, Hans Theiss, der selbst Arzt ist, äußert Kritik. Der Beschluss mische sich "extrem stark in die fachärztliche Ausbildung ein", sagt er. Natürlich sei es wichtig, gut ausgebildete Ärzte für diese Art von Eingriffen zu haben. Aber vorzuschreiben, wie viele Abtreibungen ein Gynäkologe durchgeführt haben muss, um seinen Facharzt zu machen - "das kann nicht unser Ernst sein". Man dürfe niemanden dazu zwingen. Berger und Likus zeigen sich jedoch zufrieden mit dem Ergebnis. Zumal das Thema zum ersten Mal nach zwei Jahren zu einem Beschluss des Gesundheitsausschusses kam - der ehemaligen Referatschefin habe das Thema nicht wirklich am Herzen gelegen, sagt Berger. Es sei "erst mal ein Signal", räumt auch Likus ein. Aber es gehe darum, überhaupt die Hand zu heben.

Was tut man aber gegen den Mangel, der sich schon aus den vorhandenen Erhebungen des Gesundheitsreferates abzeichnet? CSU-Politiker Theiss sieht da kein sonderlich großes Problem auf die Stadt zukommen. "Ich glaube nicht, dass es in München einen Mangel geben wird", sagt er. Die Frage des Ärzte-Nachwuchses werde sich schon "automatisch regeln."

Anders dagegen äußert sich der Gynäkologe aus dem Münchner Westen. Schon im kommenden Jahr würden es wieder weniger sein, sagt er. Der Arzt hat eine Erklärung dafür, warum sich offenbar nicht genug junge Gynäkologen dazu entschließen, Abbrüche vornehmen. Aus seiner Sicht lohne sich der Aufwand für die Nachfolger einfach nicht. "Das Hauptproblem ist, dass die Preise für das Risiko, das wir eingehen, zu niedrig sind", sagt er. Ein Abbruch koste bei ihm je nach Art - ob medikamentös oder operativ - zwischen 225 und 470 Euro.

Für eine OP müsse er einen Saal, ein Narkose-Team, Material, Narkosemittel und einen Aufwachraum bereitstellen. Zudem müsse er 48 Stunden nach dem Eingriff erreichbar sein, falls es Komplikationen gibt. Beim medikamentösen Eingriff müsse die Patientin mindestens dreimal kommen und vier Stunden allein betreut werden. Hinzu komme ein medizinisch hohes Risiko, beispielsweise müsse man mit einer starken Nachblutung rechnen. Viele jüngere Kollegen sähen nicht ein, für so wenig Geld so viel Verantwortung zu übernehmen. "Das funktioniert rechnerisch nicht." Außerdem bemängelt der Gynäkologe, dass sich insgesamt immer weniger neue Fachärzte seiner Zunft für das Operieren interessierten.

Wieso nimmt er den Aufwand dann auf sich? Als er sein Fach gelernt habe, "gehörte das einfach dazu". Und so sieht er das bis heute. Außerdem operiere er ohnehin fast jeden Tag, beispielsweise bietet er auch Brustvergrößerungen an, die Abbrüche mache er dann halt zusätzlich im selben Saal. So spart er sich Raum-, Personal- und Materialkosten.

Frauen, die ihre Schwangerschaft beenden wollen, müssen zur sogenannten Schwangerschaftskonfliktberatung. Insgesamt gibt es in der Stadt sieben Beratungsstellen, eine davon ist städtisch, der Rest in freier Trägerschaft. Die Liste der Ärzte, die eine Zulassung für Abbrüche haben, bekommt von der Regierung von Oberbayern allerdings nur die städtische. Der Rest muss sich durchfragen und ihre eigene Listen erstellen.

63 Prozent

aller registrierten Schwangerschaftsabbrüche in Bayern finden in der Landeshauptstadt statt, das hat das Münchner Gesundheitsreferat erhoben. Viele Frauen kämen aus dem Umland, wo solche Eingriff in einem bayerischen Dorf undenkbar seien, berichtet ein im Münchner Westen praktizierender Gynäkologe: "Da steht sonst der Pfarrer am nächsten Tag vor der Tür."

Die Frau bekommt in der Beratung Einsicht in eine solche Liste. Wie öffentlich diese sein darf - darüber herrscht unter den Rathauspolitikern Uneinigkeit. Sabine Simon, Leiterin des evangelischen Beratungszentrums München, kennt die Auseinandersetzung. Im Beratungszentrum stellten sie immer sicher, dass die Frauen, die zu ihnen kommen, genug Adressen bekämen. Aber die Listen im Internet zu veröffentlichen, sei allein schon rechtlich nicht möglich. Öffentlich in Erscheinung treten wollen sowieso die wenigsten Ärzte, die solche Eingriffe vornehmen. In der öffentlichen Liste der Bundesärztekammer erscheinen nur vier Adressen. Es gehe um den Ruf, aber auch darum, beispielsweise Probleme mit dem Vermieter zu vermeiden, erklärt Simon.

Ein anderer Grund für die Geheimhaltung: die stetigen Proteste von Abtreibungsgegnern. Manchmal machen sie sogenannte Gehsteigberatungen und sprechen die Patientinnen vor der Praxis oder vor der Klinik an. Das belaste die Ärzte und die Patientinnen gleichermaßen, sagt Simon. Im schlimmsten Fall kündigt die Klinik den Vertrag mit dem Arzt. So geschehen Anfang dieses Jahres, wie das Gesundheitsreferat berichtet. Ein OP-Zentrum habe gar ein direktes Verbot von Abbrüchen ausgesprochen, heißt es. Beraterin Simon fasst zusammen: "Lebensrecht des Kindes und Selbstbestimmung der Frau, das ist einfach ein Dilemma. Letztlich ist das aber eine Frage, die jede Frau für sich lösen muss und auch kann."

© SZ vom 21.11.2020/kafe/van
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