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Mini-München:Bildung als Kinderspiel

Spielstadt Mini-München

Spielend Demokratie und Verantwortung lernen: Bei Mini-München dürfen sich Kinder ausprobieren.

(Foto: Sonja Marzoner)

Seit 40 Jahren begeistert Mini-München Kinder und übt Demokratie als Lebensweise ein. Mittlerweile ist das Konzept ein Exportschlager - für 200 Spielstädte weltweit.

Von Barbara Hordych

Damit hatte Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitter wohl nicht gerechnet: In einer Stadtratssitzung im Rathaus tauchten im Herbst 1985 Kinder auf, die sehr energisch und deutlich ihr Anliegen formulierten: Sie wünschten sich eine Fortsetzung der temporären Spielstadt Mini-München, eines 1979 erstmals durchgeführten Kunst- und Kulturprojekts, in dem die Kinder kostenlos mitspielen, studieren und arbeiten, Geld verdienen und ausgeben sowie ihre eigenen Vertreter wählen konnten. Und in dem sie offensichtlich gelernt hatten, für ihre Vorstellungen einzutreten.

"Dieses Spielprojekt hatten sie als so sinnstiftend erlebt, dass sie nach der Beendigung unbedingt eine Fortsetzung wünschten", erzählt Margit Maschek-Grüneisl. An diesem sonnigen Julinachmittag sitzt die pädagogische Mitarbeiterin von "Kultur und Spielraum" gemeinsam mit dem jungen Bildungswissenschaftler Joscha Thiele im schattigen Garten der Schwabinger Seidlvilla. Und erinnert sich an die erste Ausgabe der Spielstadt, bei der die Ehefrau des Mini-München-Gründers Gerd Grüneisl bereits als freie Mitarbeiterin mitwirkte.

Herausfordernde Erfahrung für Pädagogen

"Die Erfahrung der Spielstadt war für mich seinerzeit fremd wie eine Mondlandung, ähnlich erging es den anderen Mitarbeiterinnen, darunter viele Grundschullehrerinnen, wir empfanden das Konzept der Spielstadt als etwas völlig Neues, als Befreiung von dem, was uns in der Pädagogik vermittelt wurde". Was war das Neue, das Unkonventionelle an dem Projekt? "Es war eine Pädagogik, die sich der Realität stellt. Eine sehr komplex konzipierte Spielwelt mit festen Regeln und einem an Geld gekoppelten Entlohnungssystem, das die Kinder mit ihrer Tätigkeit verdienten und eigenverantwortlich wieder ausgeben konnten", sagt Maschek-Grüneisl. Dazu kam die Tatsache, dass die Kinder selbst entscheiden konnten, ob und wann sie aus dem Spiel wieder "aussteigen" wollten, "keine einfache Herausforderung für Pädagogen", sagt Maschek-Grüneisl und lacht.

Denn die Kinder können nicht nur jeden Tag aufs Neue entscheiden, ob sie als Dozent, Schmied, Müllwerker oder Koch arbeiten wollen, also nach Belieben die Identitäten und Rollen wechseln, sondern sie können auch kündigen, wenn sie keine Lust mehr haben. Sie kenne auch Kinder, die es vorzögen, einer Rolle treu zu bleiben, die die ganze Zeit über im Einwohnermeldeamt arbeiteten, wo sie die Mini-Münchner einbürgerten, "aber nie tiefer in das Spielgeschehen vordringen", sagt Maschek-Grüneisl. Bis heute sind das die Spielregeln des erfolgreichen Ferienprogramms, das mittlerweile längst ein globales Phänomen ist und Pate steht für mehr als 200 Spielstädte auf der ganzen Welt, mit denen Austausch in Form von "Botschaftsreisen" gepflegt wird.

Mini-München ist heute ein Exportschlager

Und da kommt Joscha Thiele ins Spiel, der vor zwei Jahren erstmals als freier Mitarbeiter bei Mini-München mitwirkte und danach so fasziniert von der Dynamik des Programms war, dass er es mit einer Gruppe Mini-Münchner Kollegen und Kolleginnen im vergangenen Jahr erstmals in Wien organisierte. In einer etwas kleineren Version in der Nordbahnhalle im II. Bezirk, die für eine Zwischennutzung zur Verfügung stand. Wie kam das Konzept an? "Im Vergleich zu München, wo das Programm längst etabliert ist, es Kinder gibt, die sich zwei Jahre auf das nächste Mini-München freuen und dann täglich vor den Toren Schlange stehen, um eine Rolle in ihrem Lieblingsberuf zu ergattern, war das in Wien natürlich noch anders", sagt Thiele. Es musste sich erst einmal herumsprechen, was da passierte, aber dann kamen rund 300 Kinder täglich. Jetzt ist Thiele als einer von 16 festen Mitarbeitern bei "Kultur und Spielraum" angestellt.

Rund 2500 Kinder und Jugendliche bis 15 Jahren sind es hingegen, die täglich in Mini-München aktiv sind, gemeinsam mit etwa 200 Erwachsenen, darunter Pädagogen, Künstler, Handwerker und Wissenschaftler. Wichtig: Eltern sind nur zeitbegrenzt mit einem Gäste-Visum willkommen. Denn oberste Priorität ist für die Veranstalter, dass die Kinder selbst miteinander ins Geschäft kommen. "Von Anfang an ging es uns darum, ein kooperatives Verhältnis zu ermöglichen, zwischen den Kindern, aber auch zwischen Kindern und Erwachsenen", sagt Maschek-Grüneisl. In diesen Zusammenhang gehört auch die Tradition, dass die realen Referenten der Landeshauptstadt ihre Pendants in der Spielstadt besuchten. "Häufig waren sie überrascht, mit welch genauen Vorstellungen und Wünschen die Mini-München-Verwaltungsexperten sie konfrontierten", sagt Maschek-Grüneisl.

Alle können alles sein - "Demokratie als Lebensweise"

Dabei gehe es nicht nur um das Abbilden von Politik, "sondern der Gesamtrahmen des Spiels, in dem Alle alles sein können, ist demokratisch" hat der Mini-München-Neuzugang Thiele festgestellt. "Demokratie als Lebensweise" bedeuteten die permanenten Verhandlungsprozesse zwischen den Kindern, die sich untereinander beraten, ob und mit welchen Regeln sie etwa einen "Song-Contest" oder Olympische Spiele in ihrer Stadt einführen wollen, aber auch, wenn sie über die Preise für eine Schürze debattieren oder über die Reklamationen, wenn ein Kostenvoranschlag weit überschritten werde. Schlimmstenfalls landet man eben vor dem Mini-München-Schiedsgericht.

Umso wichtiger war es den Veranstaltern deshalb, dass Mini-München in seinem Jubiläumsjahr nicht ausfällt, auch wenn es Corona-bedingt nicht wie geplant auf dem Gelände des Cavalluna-Showpalasts in Fröttmaning durchgeführt werden kann. Stattdessen wurde mit großem Engagement an einem alternativen Konzept gefeilt. "Dezentrale Spielstätten" heißt das Lösungswort, was bedeutet, dass das kulturpädagogische Unterfangen nicht an einem Ort durchgeführt wird, wie viele Jahre in der Olympiahalle und später in der Moll- und der Zenith-Halle, sondern verteilt in Freizeitstätten und Parks im Norden, Westen und im Osten der Landeshauptstadt. Und, was ganz wichtig ist: "An realen Orten, die der jeweiligen echten städtischen Institution entsprechen", erklärt Maschek-Grüneisl.

München: Mini im gesamten Stadtgebiet

Ein Mini-München-Museum wird im Stadtmuseum entstehen und im Gasteig wird es ein Kino und ein Medienlabor geben; die Mini-München-Stadträte samt Bürgermeistern residieren über die ganzen Ferienwochen im Rathaus in der Ratstrinkstube und machen von dort aus ihre "Ausflüge" in die Stadtteile - oder mittels Online-Kommunikation auf dem schnellen Weg -, um ihre Besprechungen durchzuführen.

Einmal in der Woche ziehen die jungen Politiker sogar für eine Stadtversammlung im Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses ein. Anders als zu Kronawitters Zeiten ganz offiziell. Über diese Entscheidung der "großen Stadtpolitik", diesen symbolhaft aufgeladenen und authentischen Ort nutzen zu dürfen, freut sich die Planungsgruppe besonders. Bei ihren Vorbereitungen wird sie von 25 Kindern und 15 Volonteers ab 16 Jahren unterstützt. Vor einigen Tagen traf zudem die Nachricht aus dem Kommunalreferat ein, dass ein Raum am Marienplatz 1 für eine Mini-München- Stadtinformation zur Verfügung gestellt würde. Gute Aussichten also für die Stadt der Kinder, die in ihrer dezentralen Version für alle sichtbar in die Mitte der echten Stadt rückt.

"Krass gespannt" sind die Macher laut Thiele auf diese Version der Spielstadt. Auch wenn es keine Garantie auf ein "perfektes Spiel" gebe, wie Maschek-Grüneisl betont, ist ihr Mitstreiter Thiele überzeugt: "Das Stadtspiel ist ein sehr vitales und keineswegs abgenutztes Projekt - ich bin mir sicher, dass es funktioniert und gut angenommen werden wird".

Mini-München, 27. Juli bis 14. August, diverse Orte, www.mini-muenchen.info

© SZ vom 15.07.2020/weij
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