bedeckt München 11°

Ferienprogramm:Mini-München erfindet sich neu

Die Spielstadt Mini-München als Planungsbild: Ein wenig erinnere es ihn an die schwarzen Skizzentafeln von Joseph Beuys, sagt Leiter Gerd Grüneisl.

(Foto: Margit Maschek)

Wegen der Covid-19-Pandemie entstehen dieses Jahr kleinere, dezentrale Spielstätten

Von Barbara Hordych

Kaum ist die Schule vorbei, kann endlich das Leben als Müllmann, Clown, Wissenschaftler, Maler oder Stadtrat bei Mini-München beginnen: Täglich 2 500 Jungen und Mädchen zwischen sieben und 15 Jahren probieren seit 1979 alle zwei Jahre im größten - und kostenlosen - Ferienprogramm der Stadt München das fast reale Leben aus. Sie erledigen Jobs im Handwerkerhof, bei der Stadtverwaltung, im Rathaus, in der Bank, beim Bauamt, im Filmstudio oder bei einer Zeitung. Das verdiente Spielgeld, die"Mimüs", können nach Abzug einer Steuer entweder gespart oder direkt wieder ausgegeben werden.

Doch in diesem Jahr wird alles etwas anders sein, die Planungen zur 20. Ausgabe und damit das 40-jährige Bestehen der Spielstadt, die längst hunderte von Nachahmern national und international gefunden hat, wurden von der Covid-19-Pandemie als großem Spielverderber durchkreuzt: Eigentlich hätte die Großveranstaltung, die früher in der Olympiahalle, seit 2014 auf dem Zenith-Gelände in Freimann durchgeführt wird, in diesem Jahr vom 27. Juli bis 14. August erstmals auf dem Gelände des Showpalastes Cavalluna im Münchner Norden stattfinden sollen. Jetzt musste sich die Miniaturstadt, in der Kinder finanzielle, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kennen lernen können, notgedrungen neu erfinden. "Nach den drastischen Einschnitten der letzten Monate, gerade im Leben von Kindern, braucht es Mini-München nötiger denn je", ist Gerd Grüneisl, Kunsterzieher und Mitgründer der Spielstadt, überzeugt. "Kinder müssen wieder unterwegs sein und miteinander ins Geschäft kommen können", sagt er. Deshalb kam es für ihn und sein Team von Kultur & Spielraum nicht in Frage, das Projekt abzusagen, weil es zu kompliziert wird. "Wir nehmen die Herausforderung an und führen Mini-München dezentral durch, über das gesamte Münchner Stadtgebiet verteilt". Erforderliche Auflagen etwa zu Hygiene und Kontaktnachverfolgung werden erfüllt und in das Spielsystem integriert.

Wer in den kommenden Ferienwochen Bürger von Mini-München werden will, erhält wie in den Jahren zuvor seinen Spielpass am Einwohnermeldeamt, das heuer in jedem Spielzentrum vertreten ist. Der Pass behält die gesamten drei Wochen seine Gültigkeit und gibt Aufschluss über die Betriebe der Spielstadt und wo sie zu finden sind. Das Klimazentrum und die Kunstakademie sind etwa im Olympiapark, der Bauhof im Ostpark angesiedelt, "Das bietet auch eine Chance auf Entzerrung, wenn in diesem Jahr die Spielstadtbetriebe teilweise nach draußen verlegt werden", sagt Grüneisl. Und wenn die Kinder ihrer gewünschten Arbeitsstätte in den Münchner Westen, Norden und Osten oder ins Stadtzentrum folgen würden, sei das auch eine Gelegenheit, unbekannte Stadtteile zu entdecken.

Der Spieleinstieg ist an jeder dieser Spielstätten möglich. Die Betriebe und Einrichtungen bieten täglich Arbeitsplätze für mindestens 500, falls weitere Lockerungen möglich sind, für bis zu 1 000 Kinder gleichzeitig. Wer vier Stunden gearbeitet oder vier Stunden studiert hat, kann Vollbürger werden. Diese dürfen wählen und als Bürgermeister oder Stadtrat kandidieren, um dann im Rathaus neue Gesetze einzubringen oder Veränderungen anzuregen. Gespielt wird nicht nur in Jugendeinrichtungen und in Parks, sondern auch an authentischen städtischen Funktionsorten: Im Stadtmuseum soll ein kleines Stadtmuseum geplant und aufgebaut werden, wegen des Foyers im alten Rathaus und der Ratstrinkstube für die Mini-München-Stadträte ist Grüneisl noch im Gespräch mit der Dritten Bürgermeisterin Verena Dietl. "Besonders freuen würden wir uns, wenn die lokalen Vertreter unserer Außenspielstätten einmal in der Woche im Sitzungssaal im Rathaus zusammen kommen dürften", sagt Grüneisl.

Zugrunde liegt dem kulturpädagogischen Programm die Überlegung von Grüneisl, "dass bei Kindern der Lerneffekt am größten ist, wenn sie das, was sie theoretisch hören, mit dem verknüpfen, was sie handelnd erleben". Wenn ein Kind etwa als Bäcker feststelle, dass es eine Schürze brauche, dann könne es zur Schneiderei gehen. Dort erstelle der Schneider einen Kostenvoranschlag, an den er sich zuhalten habe. "Wenn dann der Schneider beim Abholen der Schürze plötzlich mehr Geld verlangt als vereinbart, müssen die Kinder das miteinander ausdiskutieren." Und wenn es mal gar nicht klappt mit dem Interessenausgleich, gibt es noch das Gericht, bei dem Kinder-Schöffen Streitereien schlichten. Auch das gehört zum realen Miteinander-Leben.

© SZ vom 15.06.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema