Medizinstudium "Wir möchten keine kostenlosen Stationshilfen sein"

Sebastian Lambrecht ist Student und demonstriert für Änderungen beim Praktischen Jahr.

(Foto: Robert Haas)
  • Medizinstudenten protestieren für fairere Bedingungen im Praktischen Jahr.
  • Bisher bekommen sie an den Münchner Unikliniken kein Geld für ihre Arbeit.
  • Die Verantwortlichen lehnen eine finanzielle Aufwandsentschädigung ab.
Von Merlin Gröber

Eine 40-Stunden-Woche und kein Geld? Für Münchner Medizinstudenten im Praktischen Jahr ist das Alltag. Sebastian Lambrecht, Student an der Medizinischen Fakultät der TUM, möchte das ändern. Gemeinsam mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden startete er eine Petition für fairere Bedingungen, an diesem Mittwoch wollen er und andere Betroffene am Max-Weber-Platz demonstrieren.

"Das praktische Jahr ist ein wichtiger Bestandteil des Medizinstudiums", sagt Lambrecht. Die angehenden Ärzte arbeiten ein Jahr in verschiedenen Stationen eines Krankenhauses oder einer Arztpraxis und lernen unter ärztlicher Anleitung den Berufsalltag kennen. "In München bekommen die Studierenden an den Unikliniken dafür kein Geld", sagt Lambrecht. 30 Tage dürfen die Studierenden während des Praktischen Jahres der Klinik fernbleiben, dazu zählen auch Krankheitstage.

Süddeutsche Zeitung München Wenn das Studium krank macht
Depression unter Studenten

Wenn das Studium krank macht

Eine Woche lang beschäftigt sich die Technische Universität mit dem Thema psychischer Gesundheit. Immer mehr junge Menschen leiden an den Folgen von Leistungsdruck und Zukunftsangst.   Von Sabine Buchwald

In ihrer Petition fordern Lambrecht und seine Kommilitonen, dass Krankheitstage zusätzlich gewährt werden, außerdem wollen sie eine Aufwandsentschädigung durchsetzen, die sich am Bafög-Höchstsatz orientiert. "Wir möchten keine kostenlosen Stationshilfen sein", sagt Lambrecht. Neben dem finanziellen Ausgleich solle es zudem Zeit für Lehrveranstaltungen und Selbststudium geben. "Direkt nach dem Praktischen Jahr kommt das dritte Staatsexamen, da bleibt kaum Zeit zum Lernen."

Unterschrieben wurde die Petition bisher von rund 44 000 Menschen. Eine davon ist Maria Schuster. Seit zwei Monaten absolviert sie in einem großen Münchner Klinikum ihr Praktisches Jahr. Ihren wahren Namen möchte sie in der Zeitung nicht lesen. "Ich starte meinen Tag im Krankenhaus um sieben Uhr morgens und bin dann meistens bis 17 Uhr dort", sagt Schuster. "Im ersten Monat konnte ich noch bei wichtigen Terminen wie der Frühbesprechung dabei sein, inzwischen ist das immer seltener der Fall." Stattdessen erledige sie viele Botengänge oder Patiententransporte. Laut Schuster gebe es dafür aber eigentlich einen eigenen Transportdienst. Durch die Aushilfsarbeiten leide ihre medizinische Ausbildung: "Viele Schritte im Klinikalltag sind für uns PJler nicht nachvollziehbar, da wir bei wichtigen medizinischen Entscheidungen nicht dabei sind". Häufig sei sie auch stundenlang alleine auf der Krankenstation, ohne ärztliche Betreuung. "Die Ärzte sind dann meistens im OP", sagt Schuster, die Verantwortung für die Station trage dann sie. "Wenn etwas passiert, wüsste ich nicht, was ich tun soll."

Am Wochenende geht für Schuster der Arbeitsalltag dann weiter: "Da das Praktische Jahr nicht bezahlt wird, muss ich einen Nebenjob machen", sagt sie. Für sie würde eine Aufwandsentschädigung deutlich weniger Stress bedeuten. "Was wir verlangen, sind ja keine horrenden Summen", sagt Schuster. "Wir wollen nur nicht mit Schulden aus dem Praktischen Jahr kommen".

Für Markus Heidenhof, der in Wirklichkeit ebenfalls anders heißt, ist ein Nebenjob während dieser Zeit "kompletter Wahnsinn". Auch er absolviert seit zwei Monaten sein Praktisches Jahr in einer Münchner Uniklinik. Heidenhof bezieht Bafög und wird von den Eltern unterstützt, einen Nebenjob wie seine Kommilitonin Maria Schuster braucht er daher nicht. "Am Wochenende bin ich komplett platt. Ich könnte da nicht mehr arbeiten", sagt Heidenhof. Mit seinem Arbeitsalltag in der Klinik ist er zufrieden. Anders als Maria Schuster muss er keine Botengänge und Krankentransporte machen. Was ihn jedoch stört, ist die finanzielle Situation. "Etwas Geld als Wertschätzung unserer Arbeit wäre schön", findet Heidenhof.

Frank Wissing vom Medizinischen Fakultätentag, an den die Petition unter anderem gerichtet ist, lehnt die Forderung nach einer finanziellen Aufwandsentschädigung ab. Der Medizinische Fakultätentag ist für die Sicherung der Qualität des Praktischen Jahrs verantwortlich. Für Wissing ist das Jahr ein integraler Teil des Studiums, eine finanzielle Entschädigung würde dem widersprechen: "Wir sprechen uns dafür aus, das Praktische Jahr weiterhin als Teil des Studiums zu sehen. Die Grundlage für eine Aufwandsentschädigung sehen wir daher nicht", sagt Wissing. So sieht das auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Dachverband der Krankenhausträger. "Die finanzielle Absicherung während des Praktischen Jahres hat über das Bafög-System zu erfolgen", so DKG-Präsident Gerald Gaß.

Die Petition der Bundesvertretung der Medizinstudenten läuft noch sieben Wochen. Die Demonstration startet um 13 Uhr und soll vom Max-Weber-Platz bis zum Sendlinger Tor führen.

Studium Erster im Hörsaal

Studium

Erster im Hörsaal

Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern besuchen nur selten eine Uni. Daran sind die Hochschulen aber nur bedingt schuld.   Von Matthias Kohlmaier