Medizin In den Münchner Krankenhäusern fehlt die Zeit für die Menschen

Linda Herrmann arbeitet schon seit mehr als 25 Jahren in der Notaufnahme in Bogenhausen.

(Foto: Robert Haas)

37 000 Patienten landen pro Jahr in der Notaufnahme des Klinikums Bogenhausen - Tendenz steigend. Die Ärzte und Pfleger arbeiten längst an der Belastungsgrenze.

Reportage von Inga Rahmsdorf

Birgit Hussar ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Vor ihr am Empfangstresen steht ein Mann mit verätzter Haut an den Beinen, ein Arbeitsunfall. Links sitzt eine Patientin, die laut schimpft. Sie habe Fieber, es gehe ihr so schlecht, warum das nicht schneller gehe. "Einen kleinen Moment bitte", sagt Hussar freundlich zu dem Mann mit den verätzten Beinen, zu der schimpfenden Frau und zu den beiden Rettungsassistenten, die eine Liege mit einem Verletzten durch die Glastür schieben.

Hussar ist allein am Empfang. Das Telefon klingelt, viele Stühle im Wartebereich sind besetzt, im Flur stehen fünf Betten mit Patienten, ein weiterer Krankenwagen fährt draußen vor, während ein Mann mit verbundener Hand nach einer Schmerztablette fragt. Es ist ein ganz normaler Tag in der Notaufnahme des städtischen Klinikums Bogenhausen.

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Birgit Hussar ist Krankenpflegerin. Ihre Ausbildung hat sie vor mehr als 40 Jahren begonnen, als sie noch offiziell Krankenschwester hieß. Heute leitet sie das Team der Krankenpfleger im Notfallzentrum Bogenhausen. Hussar liebt ihre Arbeit. Sie könne sich keinen schöneren Beruf vorstellen, sagt sie. Er sei abwechslungsreich, nah dran an den Menschen, man könne eigenverantwortlich arbeiten und sie habe ein tolles Team. Aber sie sagt auch, dass die Arbeitssituation immer schwieriger werde und der Druck zunehme.

Notaufnahmen sind die durchlässigsten Schnittstellen zwischen Stadt und Klinik. Es kann jeden treffen, hier einmal zu landen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche kommen Menschen durch die Glastür, laufend, sitzend oder liegend. Hussar empfängt Männer und Frauen mit Bagatellen, die nicht auf einen Termin beim Hausarzt warten wollen. Sie nimmt Patienten auf, die schwerst krank oder verletzt sind. Rettungsassistenten bringen ältere Menschen zu ihr, die dehydriert sind und schon sehr lang alleine in ihrer Wohnung lagen. Sie bringen Patienten, die in Lebensgefahr schweben, die einen schweren Unfall oder Schlaganfall hatten und bei denen jede Sekunde zählt.

Ein Krankenwagen mit Blaulicht fährt vor, zwei Rettungsassistenten und eine Notärztin eilen mit einer Liege, auf der ein Mann liegt, durch die Glastür. "Stroke schon angemeldet?", fragt die Notärztin. "Ja, ihr könnt durchfahren", sagt Hussar. Es ist ein Notfall, der Patient wird umgehend in den Schockraum gebracht. Hussar nimmt den Telefonhörer und meldet die Notaufnahme ab. Es ist alles belegt. Das Notfallzentrum Bogenhausen ist eines der größten in München. 37 000 Patienten werden hier im Jahr von hoch spezialisierten Medizinern rund um die Uhr versorgt. Tendenz steigend.

Die wachsende Einwohnerzahl Münchens und die alternde Gesellschaft spiegeln sich auch im Alltag der Kliniken wider. Besonders betroffen sind die Notaufnahmen. Ebenso wie die Kinderkliniken gehören auch sie zu den Abteilungen, die auf dem Internetportal der Leitstelle Ivena häufig auf Rot schalten. Damit signalisieren sie, dass sie eigentlich keine Patienten mehr aufnehmen können. Weil alle Betten belegt sind. Oder oft auch, weil schlichtweg Pfleger fehlen, um alle freien Betten belegen zu können.

Wobei die Bezeichnung abmelden nicht korrekt sei, sagt Christoph Dodt, Chefarzt des Notfallzentrums Bogenhausen. "Wir sind immer aufnahmebereit für Schwerstkranke", so der Professor. Schalte seine Klinik bei Ivena auf Rot, bedeute das, dass Patienten möglicherweise in anderen Krankenhäusern besser versorgt werden könnten, weil die Kapazitäten bei ihm in der Notaufnahme fast erschöpft seien. Dodt ist es wichtig zu betonen, dass er und seine Kollegen immer noch ein freies Bett für Notfälle hätten. Niemand werde weggeschickt und jeder Patient werde professionell versorgt. Schließlich habe das städtische Klinikum auch einen Versorgungsauftrag.

In seinem weißen Kittel eilt Dodt durch den Flur, von einem Untersuchungszimmer in den Schockraum. Von dort geht es weiter auf die Intensivstation. Danach kurzer Blick auf den Computerbildschirm. Welcher Patient ist als nächstes dran? Wobei nicht die Reihenfolge zählt, sondern die Dringlichkeit. "Was kann ich für Sie tun?", fragt er eine Frau, die auf einer Untersuchungsliege wartet. Die 50-Jährige hatte vor Jahren einen Schlaganfall, nun hat sie erneut Taubheitsgefühle und Schwindel.