Gesundheit Luftverschmutzung durch Ultrafeinstaub

Im Erdinger Moos hebt ein Airbus A380 ab, das größte Passagierflugzeug der Welt.

(Foto: imago stock&people)
  • Für Ultrafeinstaub gibt es keine Grenzwerte, deshalb wird er nirgends erfasst. Obwohl manches dafür spricht, dass auch er die Gesundheit schädigen könnte.
  • Das fürchten zum Beispiel die Gegner der dritten Startbahn. Sie messen seit einigen Monaten auf eigene Faust - und haben ihr Anliegen nun erstmals in den Landtag gebracht.
  • Ultrafeinstaubpartikel sind kleiner als 0,1 Mikrometer, also 25- bis 100-mal kleiner als "normale" Feinstaubpartikel, die in München zum Beispiel an der Landshuter Allee gemessen werden.
Von Andreas Schubert

Wer an einer Versammlung des Bürgervereins Freising teilnimmt, hat hinterher irgendwie ein mulmiges Gefühl. Es wird viel geredet über ein Phänomen, das bis vor Kurzem nicht weitläufig bekannt war. Es geht um sogenannten Ultrafeinstaub, also Partikel in der Luft, die so winzig wie Bakterien sind und die nur mit besonders empfindlichen Messgeräten nachgewiesen werden können. An die Wand projizieren die Vereinsmitglieder dann Folien, die die Verschmutzung im Umland belegen sollen, die ihrer Ansicht nach vom Flughafen ausgehen.

Und jetzt hat es der Verein vom Nebenzimmer des Freisinger Wirtshauses Grüner Hof in den Landtag geschafft, zu einer Anhörung über Feinstaub im Umweltausschuss - auch wenn die Landtags-CSU laut dem Ausschussvorsitzenden Christian Magerl (Grüne) dagegen war. Doch zweimal im Jahr darf die Opposition eine Anhörung durchsetzen, eine Chance für den Verein, sein Thema auch über die Freisinger Landkreisgrenzen hinaus bekannt zu machen. Und auch der von dort stammende Abgeordnete Magerl stellt fest: Ultrafeinstaub sei noch "Neuland".

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So sind an diesem Donnerstag Experten von verschiedenen Instituten eingeladen, die sich über die Gesundheitsrisiken von Feinstaub und eben auch Ultrafeinstaub äußern können. Und in der Runde dieser zehn Experten sitzt auch Oswald Rottmann vom - so der volle Name - "Bürgerverein Freising zur Vermeidung von Lärm- und Schadstoffbelastungen".

Seit Januar misst der Verein, der sich durchweg aus Gegnern einer dritten Start- und Landebahn am Münchner Flughafen zusammensetzt, im Umfeld des Flughafens Ultrafeinstaubpartikel (UFP). Und je nachdem, ob gerade ein Flugzeug landet, kommen dann Werte zustande von 30 000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft, 60 000 und mehr.

Zur Erklärung: UFP sind kleiner als 0,1 Mikrometer, also mindestens 25- bis 100-mal kleiner als "normale" Feinstaubpartikel, die in München zum Beispiel an der Landshuter Allee gemessen werden. Der Feinstaub, der dort erfasst wird, wird in den Einheiten PM10 beziehungsweise PM2,5 angegeben, das entspricht einer Größe von zehn und 2,5 Mikrometer je Teilchen. Und hier gibt es Grenzwerte: Der zulässige Jahresmittelwert für PM10 beträgt 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, für die noch kleineren Partikel PM2,5 gilt europaweit ein Zielwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel.

Für den Ultrafeinstaub aber gibt es keine Grenzwerte, obwohl - so wird im Ausschuss klar - durchaus anzunehmen ist, dass er gesundheitsschädlich sein kann. So erklärt zum Beispiel Annette Peters, Leiterin des Instituts für Epidemiologie II am Helmholtz-Zentrum München, es sei nachgewiesen worden, dass die ultrafeinen Partikel bis ins Gehirn und auch ins Blut ungeborener Kinder gelangen können. Die Partikel seien in der Lage, sogenannte Sauerstoffradikale freizusetzen, die die Zellen und ihre Funktion in unterschiedlichen Organen schädigen. Grundsätzlich sei davon auszugehen, dass die UFP die gleichen Auswirkungen auf Lunge, Herzkreislaufsystem, Stoffwechsel und das Gehirn haben können wie Feinstaub. Zu den Risikogruppen gehörten Kinder, Schwangere, alte Menschen und Personen mit chronischen Erkrankungen.

Am Badesee misst der Bürgerverein Freising die Ultrafeinstaub-Partikel in der Luft.

(Foto: Oswald Rottmann)

Aber das Fehlen von Grenzwerten ist das Problem des Bürgervereins und aller anderen, die sich um die Luftqualität sorgen. Anders als bei Feinstaub gibt es noch kein standardisiertes Messverfahren, denn: UFP ist nicht gleich UFP. So betont zum Beispiel Thomas Kuhlbusch von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, dass die Messgeräte, wie sie zum Beispiel der Bürgerverein benutzt, keinen Unterschied machten zwischen löslichen und nicht löslichen, respektive organischen und nicht organischen Partikeln. Aber nur die festen Teilchen wie Metalle lagern sich in den Organen ab. Auch in Wäldern oder an der Küste, wo weit und breit weder Autos noch Flugzeuge unterwegs sind, kann es kurzzeitig zu hohen Werten kommen, die UFP sind dann organisch.

Nur die Anzahl der Partikel anzugeben, hält Kuhlbusch deshalb für keinen eindeutigen Beleg für die Quelle, von der sie stammen. Dass ein Grenzwert eingeführt werde, damit sei in den nächsten Jahren nicht zu rechnen. Auch Annette Peters sieht noch viel Forschungsbedarf, um irgendwann einen Grenzwert für UFP festlegen zu können. Es brauche noch mindestens fünf bis sechs große, europaweite Studien, um die Auswirkungen der UFP auf die Sterblichkeitsrate zu erforschen.

In den Luftqualitätsmessungen des Münchner Flughafens sind ultrafeine Partikel bislang nicht berücksichtigt. Und man hätte auch nichts dagegen, sagt Hermann Blomeyer, Leiter Umwelt am Airport, aber erst, wenn es standardisierte und anerkannte Methoden gäbe.

So lange will der Bürgerverein nicht warten. Seine regelmäßigen Messfahrten, auch wenn sie wissenschaftlich keine solide Datengrundlage bilden, sieht er als Beweis für die Luftverschmutzung durch Flugzeuge. "Wir werden auf jeden Fall weitermachen", sagt Oswald Rottmann. Und Wolfgang Herrmann, Vizevorsitzender des Vereins, freut sich immerhin, dass das Thema nun ein wenig bekannter geworden sei. Wie seine Vereinskollegen meint er, schon jetzt zu handeln, sei notwendig - zum Beispiel Kurzstrecken auf die Bahn zu verlagern und den Flugverkehr einzuschränken. Dass das ein frommer Wunsch ist, weiß der Verein. Es sei aber auch an der Zeit, endlich Druck auszuüben. Alleine sind sie dabei nicht: Auch die Gemeinden Neufahrn und Hallbergmoos, beide Nachbarn des Flughafens, wollen sich nun UFP-Messgeräte kaufen.

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