Wirtschaft:Platz für expandierende Firmen

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Wirtschaft: Naturschützer, Anwohner und Kommunalpolitiker wehren sich gegen eine Bebauung der freien Flächen an der Semmelweisstraße in Steinkirchen.

Naturschützer, Anwohner und Kommunalpolitiker wehren sich gegen eine Bebauung der freien Flächen an der Semmelweisstraße in Steinkirchen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Planegg erweitert für zwei ansässige Weltunternehmen aus dem Gesundheitssektor das Gewerbegebiet Steinkirchen. Kritiker im Gemeinderat beklagen negative Folgen für Natur und Wohnungsmarkt.

Von Rainer Rutz, Planegg

Das Gewerbegebiet in Steinkirchen wird erweitert. Nach leidenschaftlicher Diskussion entschieden sich die Mitglieder des Ausschusses für Bauleitplanung und Umwelt am Donnerstagabend, am östlichen Ende der Semmelweisstraße in Richtung Biotop weitere 10 000 Quadratmeter Ackerland für Gewerbe auszuweisen. Grund: Zwei in Steinkirchen seit vielen Jahren ansässige Weltunternehmen wollen erweitern - finden aber im jetzigen Gewerbegebiet und der näheren Umgebung keinen Platz mehr.

Mit dieser Entscheidung hat sich der Planegger Gemeinderat von seiner bisherigen Politik der Zurückhaltung beim Ausweisen neuer Industrie-und Gewerbegebiete verabschiedet.

Die Firma Sanacorp ist einer der größten Medikamentenzulieferer Europas. Sie hat 18 Niederlassungen in Deutschland mit 3000 Mitarbeitern und macht im Jahr einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Die Hauptverwaltung sitzt in Planegg im Steinkirchener Gewerbegebiet. Das zweite Unternehmen, das erweitern will, ist Eurofins Scientific, eine international führende Labor-Gruppe mit 55 000 Mitarbeitern. Das Unternehmen macht knapp fünf Milliarden Euro Umsatz und ist in 50 Ländern aktiv. Der Standort Planegg ist erst vor wenigen Jahren eingeweiht worden. Beide Firmen haben dort zusammen rund 1000 Mitarbeiter.

Potente Gewerbesteuerzahler

Die Unternehmen, so berichtete Margit Eusemann vom Bauamt - ohne sie beim Namen zu nennen - wollen umbauen, beziehungsweise erweitern. Man müsse davon ausgehen, dass sich die Unternehmen, sollten sie keinen Platz in Planegg finden, anderswo orientieren würden - die Gemeinde verlöre so womöglich zwei potente Gewerbesteuerzahler. Man habe lange geprüft: Aber die nötigen rund 15 500 Quadratmeter Labor- und Bürofläche stehen zur Zeit weder in Steinkirchen noch in Martinsried zur Verfügung, sagte Eusemann. Bürgermeister Hermann Nafziger (CSU) hat wohl in Vorgesprächen mit den Grundstücksbesitzern eine Zusage für einen Verkauf erreicht. Die Unternehmen hätten weitreichende Zugeständnisse an Umweltschutzauflagen - etwa begrünte Dächer - gemacht und auch ein Kinderhort soll entstehen, sagte Nafziger.

Die Diskussion im Gemeinderat verlief kontrovers. Während Vertreter von CSU, Grünen, der FDP, Freien Wählern und die freien Gemeinderäte Philipp Pollems und Peter von Schall-Riaucour das Verhandlungsgeschick Nafzigers in höchsten Tönen lobten, zeigten sich Felix Kempf (SPD) und Eva Schreier (Grüne Gruppe 21) kritisch. Bürgermeister Nafziger betonte, Planegg benötige Geld, auch um "in Klimaschutz investieren zu können". Das Vorhaben bedeute eine "Balance zwischen Ökologie und Ökonomie: Wir müssen handlungsfähig bleiben. Wenn wir nicht erweitern, gehen die Firmen weg". Peter von Schall (Pro Planegg & Martinsried) sprach von "einem großen Coup, der unseren Finanzen gut tut".

Judith Grimme (Grüne) sieht gute ökologische Ansätze. Eva Schreier dagegen sprach von "einer Zerstörung: Natur kann man nicht durch ein begrüntes Dach ersetzen". Die "Tinte für den neuen Flächennutzungsplan" sei "noch nicht trocken". Ausdrücklich hätten sich damals die Bürger gegen weitere Gewerbeansiedlungen ausgesprochen. Einmal angestoßen, werde Steinkirchen noch größer. Auch Felix Kempf war nicht gerade angetan von den Plänen. Er verwies auf die desolate Wohnraumsituation in Planegg und fragte: "Wo sollen die Leute wohnen? Und was ist mit dem zusätzlichen Verkehr?" Er sehe überwiegend "gravierende Nachteile und eine Schieflage".

Ein Antrag von SPD und Grüner Gruppe 21, das Thema noch einmal ausführlich im Gemeinderat zu diskutieren, wurde abgelehnt. Gegen die beiden Stimmen aus SPD und Grüner Gruppe wurde die Neuaufstellung eines Bebauungsplans beschlossen. Auch der gerade erst verabschiedete Flächennutzungsplan der Gemeinde muss nun entsprechend abgeändert werden.

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KOMMENTAR
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