SZ-Serie: Wer wohnt denn da?:Exzentrische Diva im Durchschnittsviertel

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?: Die Villa Franziska dient manchmal als Kulisse für Filmaufnahmen.

Die Villa Franziska dient manchmal als Kulisse für Filmaufnahmen.

(Foto: Claus Schunk)

Die prunkvolle Villa Franziska in Unterhaching wurde 1903 von einem zu Geld gekommenen Milchhändler errichtet. Heute steht der Jugendstilbau herausgeputzt zwischen gesichtslosen Bürogebäuden.

Von Iris Hilberth

Die Münchner Straße in Unterhaching ist nicht für ihre Schönheit bekannt. Zweckbauten, Geschäftshäuser, Parkplätze, Einfahrten - eine Durchgangsstraße wie so viele in stadtnahen Gemeinden. Hausnummer zwölf fällt da völlig aus dem Rahmen. Die alte Jugendstilvilla mit Türmchen, Erker, einer Madonna und zartrosafarbenem Anstrich wirkt seltsam platziert zwischen einer Tiefgaragenabfahrt und einem Reihenhausriegel. Wie eine exzentrischen Diva inmitten von langweiliger Durchschnittsarchitektur. Solche Prunkhäuser wie die Villa Franziska gab es vor hundert Jahren einige in Unterhaching. Sie ist das letzte in dieser Straße.

"Ist doch das Best" steht in großen, etwas verwackelten Buchstaben über dem Eingang. Welche Worte, die den Satz vollendet hatten, im Laufe der Zeit verschwunden sind, und auch bei der General-Restaurierung der Villa im Jahr 1998 nicht mehr rekonstruiert werden konnten, weiß heute keiner mehr. Auf den Klingelschildern sucht man vergeblich nach Bewohnern des alten Herrschaftshauses. Hier wohnt schon lange keiner mehr. Was aber nicht heißt, dass hier nicht ständig Leute aus- und eingehen. Sogar der bayerische Ministerpräsident war kürzlich da.

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?: Die Büroräume in der Jugendstilvilla sind modern.

Die Büroräume in der Jugendstilvilla sind modern.

(Foto: Claus Schunk)

Rechtsanwälte und Steuerberater haben in der Villa Franziska ihre Büros und ganz oben unter dem Dach erwartet die Besucher "Die Antwort". Eine mannshohe bunte Giraffe mit schwarzer Perücke direkt neben der Tür lässt erahnen: Hier sind kreative Menschen zu Hause. "Die Antwort" ist eine TV-Produktionsfirma, die vor allem Beiträge für Magazine erstellt. Seit zwei Jahren residiert das Unternehmen von Alex Hintermoser hier, zuvor war die Firma 18 Jahre lang in München ansässig. Hintermoser ist begeistert von seinen neuen Geschäftsräumen, von der Adresse mit dem Zusatz "Villa Franziska" noch vor dem Straßennamen. "Es ist so cool", findet er. Dass der 47-Jährige mit seinem Unternehmen tatsächlich hier unterkommen konnte, lag auch an der Möglichkeit, im Keller des Nachbarhauses einen Raum für den Filmschnitt dazu zu mieten. Villa und Schnittraum sind unterirdisch miteinander verbunden. "Früher hat unser Vermieter diesen Keller als Lager genutzt", sagt Hintermoser. Auch die große Deko-Giraffe war dort abgestellt. Der Vermieter hat sie Hintermoser zum Einzug vermacht. "Seitdem heißt unser Schnittplatz Giraffenraum", sagt er, auch wenn das Tier nun im großen Loft unter dem Dach über die zehnköpfige Redaktion wacht.

In der Regel werden hier die Beiträge geplant und vorbereitet. Gedreht wird im In- und Ausland für große deutsche TV-Sender wie ZDF, Sat.1, SWR, ProSieben, Servus TV und RTL, "am Menschen erzählt, oft Schicksalsgeschichten", so Hintermoser. Auch Imagefilme, Produktpräsentationen oder Eventvideos kann man in der Villa Franziska in Auftrag geben. Im vergangenen Kommunalwahlkampf etwa hatte die Unterhachinger CSU-Bürgermeisterkandidatin dieses Angebot genutzt, auch die heimische Metzgerei ließ sich schon in Szene setzen. Hintermoser findet, man ist schon richtig gut integriert in Unterhaching. Auch weil seine Leute mitunter Interviewpartner im nahen Ortszentrum suchen.

Ein überwiegend lokal agierendes Unternehmen ist "Die Antwort" dadurch aber nicht. Wer kürzlich die schwarzen Limousinen vor der Villa vorfahren sah, wird das bestätigen können. Es war ein großer Auftrag von "Bild TV", in der so genannten Corona-Sprechstunde wurden Interviews unter anderem mit Ministerpräsident Markus Söder, dem Virologen Alexander Kekulé und dem Unternehmer Carsten Maschmeyer geführt. Dafür mussten Hintermoser und sein Team komplett alles umräumen, damit am Ende die Redaktion aussah wie ein Fernsehstudio. "Herrn Söder hat es gefallen, er meinte, das sei mal was anderes", sagt Hintermoser. Allerdings durfte sich während der Aufnahmen keiner im Raum bewegen. Denn der alte Dielenboden knarzt fürchterlich, wenn man nur einen Schritt tut.

Die Dielen sind unter einem Teppich versteckt, die Wände weiß, wie in jedem anderen Büro. Nur die Formen im Innern des Gebäudes erinnern daran, dass man sich in einer alten, denkmalgeschützten Villa befindet. Hier ein Erker, dort winzige Fenster, die Nische, in der der bosnische Redaktionshund Flero sein Plätzchen hat. Verändern darf man als Mieter wegen des Denkmalschutzes fast nichts. "Wir dürfen noch nicht einmal einen Nagel in die Wand schlagen", sagt Hintermoser.

Als der Unterhachinger Architekt und Bauunternehmer Eduard Viola vor mehr als 20 Jahren die Villa kaufte, war sie ziemlich heruntergekommen. Vom einstigen Glanz war wenig übrig. Erbaut hatte sie 1903 der heimische Ökonom und Immobilienmakler Georg Fischer, wie der ehemalige Heimatpfleger Rudolf Felzmann in seinem Unterhachinger Heimatbuch schreibt. Fischer soll ein geschäftstüchtiger Mann gewesen sein, der zunächst als Rossknecht tätig war und im Ortsverzeichnis als Milchhändler ausgewiesen wurde. Er beließ es aber nicht dabei, mit seinem Pferdefuhrwerk die Milch nach München auszuliefern, sondern begann, mit Grundstücken zu handeln. Von dem Architekten Josef Noll ließ er die Jugendstil-Villa errichten, "ein Prachtexemplar für die gehobene Baukunst", wie Werner Reindl 2010 in seinen Heimatbuch "Erinnerungen an die Siedler" notierte. Ornamente aus Flora und Fauna wie die großen Pfaue auf dem Eckturm, grazile Stuckarbeiten und die verzierte Balkonbrüstung sind typisch für den Jugendstil. Die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unterhaching gilt als zweite Phase der Ortsentwicklung. Der Bau der Eisenbahnlinie machte das Dorf für begüterte Münchner attraktiv.

In seiner neu errichteten Villa wohnen wollte Fischer aber nicht, er verkaufte das Haus mit dem großen Garten zwei Jahre nach Fertigstellung für 20 000 Mark an Major Eugen Brunnhuber, seither heißt die Villa nach dessen Ehefrau Franziska. Haus Nummer 99 lautete die Adresse damals. Die Brunnhubers lebten 15 Jahre in der Villa Franziska, dann verkauften sie an Wilhelm und Barbara Männer, die nur ein Jahr blieben und 1920 das 3400 Quadratmeter große Haus auf dem parkähnlichen Grundstück für 65000 Mark an die Familie Brock veräußerten, die einen Getränkehandel betrieb. Bis dahin sollen alle Jugendstilfresken und Ornamente noch weiß gewesen sein. Es heißt, Frieda Brock habe in den Sechzigerjahren Käfer, Hahn, Pfaue und Madonna farbig fassen lassen. Der Name des Anwesens blieb, auch wenn es im Volksmund mitunter als "Brock-Villa" bezeichnet wurde. Seit 1980 steht die Villa Franziska unter Denkmalschutz.

Als der Architekt Viola sie 1998 Karl Josef Brock abkaufte, hatte sie schon einige Jahre leergestanden, "das Mauerwerk bröckelte, die Fenster verfaulten, die Innenräume waren total verwahrlost", heißt es in Reindls Heimatbuch. Allein das Gutachten soll damals 20 000 Mark gekostet haben, die aufwendige Sanierung fast eine Million. Der große Garten verschwand, rings um die Villa entstanden Wohnhäuser. Dass nicht jedem die Veränderung gefällt, wird Viola geahnt haben. Vor einigen Jahren ist der Architekt gestorben, der Spruch, den er unter die Madonna malen ließ, ist geblieben: "Es wird kein Ding so schön gemacht, es kommt ein Spötter der's verlacht. Wärst du früher hergekommen, hätt ich Rat von dir genommen, drum gehe hin und schweige still, es baut ein jeder wie er will."

© SZ vom 25.08.2021/vewo
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