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SZ-Serie "Landmarken":Schwitzen mit Historie

Mit modernen Sportarenen kann die Turnhalle am Ismaninger Kirchplatz funktionell nicht mithalten. Doch der Sechzigerjahre-Bau ist dank einiger Besonderheiten ein heimliches Wahrzeichen des Orts.

Von Irmengard Gnau, Ismaning

An der Turnhalle am Kirchplatz kommt man kaum vorbei in Ismaning. Zumindest im übertragenen Sinne. Tatsächlich passieren täglich eine Menge Menschen die Betonhalle mit den auffälligen Fresken an den beiden Stirnseiten, seien es Spaziergänger an der Doktor-Schmitt-Straße, Schüler und Lehrer der gegenüberliegenden Grundschule oder Besucher der katholischen Pfarrei St. Johann Baptist und der evangelischen Gabrielkirche, die den Kirchplatz überqueren. Die Turnhalle gehört so selbstverständlich zum Ortsbild, dass sie leicht einmal übersehen wird. Und anders als einen Prachtbau muss man einem funktionalen Gebäude oft einen zweiten Blick schenken, um im Alltag seine Besonderheit zu erkennen.

"Ein lang ersehnter Wunsch der Kinder geht in Erfüllung", hieß es zur Eröffnung

Die reine Schönheit steht auch nicht im Vordergrund, als der Ismaninger Gemeinderat unter Bürgermeister Erich Zeitler (SPD) Mitte der Sechzigerjahre beschließt, eine neue Turnhalle gegenüber der damaligen Mädchenschule am Kirchplatz zu errichten. Die alte Halle am Hain ist schlicht in so schlechtem Zustand, dass Ismaning einen neuen Ort zum Sporttreiben braucht.

1968, ein Jahr nach dem Anbau der Mädchenschule, kann die Turnhalle mit zwei Gymnastiksälen in Betrieb genommen werden und der Turnunterricht nun in vollem Umfang stattfinden - sehr zur Freude der Schüler. "Ein lang ersehnter Wunsch der Kinder geht in Erfüllung", heißt es dazu in einer Zeitung zum 25-jährigen Bestehen der Grundschule am Kirchplatz, die seit 1969 auch Buben besuchen.

1 350 000 Mark betragen damals die Kosten für den Bau der Halle nach den Plänen des Münchner Architekten Helfried Hanig. Die Entwürfe und Bauzeichnungen bewahrt Anke von Leutsch vom Ismaninger Gemeindearchiv sorgsam sortiert in der Registratur auf. Die zweistöckige Halle ist ein typischer Bau ihrer Entstehungszeit, mit viel Beton, keinem Dachvorstand, großen Glasfenstern und einem luftig konstruierten Treppenaufgang. Auf den zweiten Blick hat sie aber einige Besonderheiten, erklärt von Leutsch: einen Giebel statt eines Flachdachs zum Beispiel.

Das Treppenhaus ist gekachelt mit kunstvollen Fliesen aus der Agrob

Außerdem kann auch ein Gast rasch erkennen, dass es sich um die Ismaninger Turnhalle handeln muss: Das ganze Treppenhaus ist mit Fliesen gekachelt, die in verschiedenen Blautönen schillern. Wie gegenüber in der Grundschule hatte die Agrob, die ortsansässige Ziegelei, eine großzügige Naturalienspende für den Neubau gegeben - die Gemeinde musste nur noch die Fliesenleger bezahlen. Besonders prägende Ismaninger Ansichten - das Schloss, die Kirche, den Marktplatz - hat eine Künstlerin auf Schmuckfliesen festgehalten, die einen besonderen Höhepunkt auf der Treppe setzen. So wird der Aufstieg nach oben mal eben zur kleinen Geschichtsstunde jüngerer und älterer Ismaninger Historie.

Die verschiedenen Pokale in der Glasvitrine im Obergeschoss erzählen von der langen Erfolgsgeschichte der örtlichen Sportvereine, die zum Teil heute noch hier trainieren. In der Eingangshalle prangt das Wappen der von Leuchtenbergs neben dem Ismaninger Mohren. "Den Wandschmuck besprechen wir immer mit unseren Schülern in Heimat- und Sachkunde", sagt Sabine Höfner, die Leiterin der Grundschule. "Die Fliesen gehören einfach zu unserem Schulhaus dazu, das ist etwas ganz Besonderes." Viele Ismaninger unterstützten den Bau ihrer Halle, auch die Papierfabrik ist auf einer Schmuckfliese verewigt; deren langjähriger Leiter Emil Kurz hatte das Projekt gefördert, offenbar so kräftig, dass sogar ein Raum im Erdgeschoss nach dem Unternehmer benannt ist.

Die Grundschule hängt an ihrer Turnhalle, das wird bei jedem Satz Höfners klar. Der Gymnastiksaal im Erdgeschoss mit der hellen Holztäfelung und dem Parkettboden, den alten Ballettstangen an der Westseite und dem Geräteraum, in dem sich noch handgenähte Medizinbälle finden. Die große Halle im ersten Stock, mit Stangen, Leitern und Geräten und der großen Bühne, auf der das Weihnachtstheater und Schuljahresfeiern stattfinden.

Bürgermeister Zeitler träumte einst davon, die Halle mit ihrer zentralen Lage zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der Gemeinde zu machen, sobald die Dreifachhalle an der Realschule einmal fertig wäre. Soweit kam es nicht, steigende Schüler- und Sportlerzahlen forderten mehr Platz zum Bewegen ein. So blieb die Turnhalle ihrem primären Zweck verbunden. Bis heute sind die beiden Turnsäle jede Woche fast durchgehend belegt. Außer der Grundschule sind die Kita, der Hort, die Waldorfschule, der TSV und die Bergfreunde mit Kursen vertreten. Und mancher, der heute zur Gymnastik geht, hat wieder den Geruch seiner Schulzeit in der Nase, wenn er das Gebäude betritt.

Bücherei, Nachbarschaftshilfe und Krankenstation - die Halle hat eine bewegte Historie

Trotzdem, - auch das eine Spezialität der Ismaninger Turnhalle -, war das Gebäude von Anfang an für mehr Zwecke als nur das Schwitzen geplant. Im lichten Dachgeschoss fand auf zwei Etagen lange Jahre die Gemeindebücherei ihre Heimat, die sich unter der Leitung der Ismaninger Bücherfee Ursula Bolz einer rasch wachsenden Beliebtheit erfreute. Weil die Stufen für ältere Leser allerdings nur schwer zu erklimmen waren und die Buchbestände sich so schnell vermehrten, zog die Bücherei Anfang der Achtzigerjahre in das Gärtnerhaus im Schlosspark um, das heute das Schlossmuseum beherbergt.

Auch die 1974 gegründete Nachbarschaftshilfe fand zwischenzeitlich mit ihren ersten Spielgruppen im Emil-Kurz-Raum ein Obdach. Als 1978 die Ruhr in der Region grassierte, wurde die Halle sogar kurzerhand zur Krankenstation: Betroffene wurden dort untersucht und mit Medikamenten versorgt.

Trotz oder vielleicht gerade wegen des nostalgischen Blickes, mit dem viele Ismaninger auf die Turnhalle schauen, lassen sich auch die Unzulänglichkeiten des bald 60 Jahre alten Gebäudes nicht verbergen. Es ist bei weitem nicht so funktional wie neue Sportarenen, die Energiebilanz ist schlecht, die Luft in den Gymnastikhallen lässt nach mehreren Trainingseinheiten zu wünschen übrig; auch Eimer mussten schon aufgestellt werden, wenn es durchs Dach tropfte. Schon seit Jahren wird darum darüber diskutiert, die alte Turnhalle abzureißen und durch eine neue zu ersetzen.

Das weiß auch die Dritte Bürgermeisterin Luise Stangl (SPD). "Klar, den modernen Ansprüchen genügt die Halle nicht mehr", sagt sie, vor allem hinsichtlich der Sanitäranlagen und der Heizung. Doch fürs Kinder- und Frauenturnen leiste sie noch gute Dienste. Außerdem sei sie ein "architektonisches Kleinod" und gehöre zur Ismaninger Geschichte. Der verstorbene Bürgermeister Zeitler habe sich heftig dagegen verwehrt, dass die Halle abgerissen werde, erinnert sich Stangl.

Seit Jahren wird über einen Abriss und Neubau heftig diskutiert

"Die Problematik ist, dass Bauten aus dieser Epoche für unser heutiges Empfinden oftmals nicht schön sind. Jetzt werden sie renovierungsbedürftig, doch das Bewusstsein ist noch nicht so stark, dass das auch schützenswerte Gebäude sind", sagt Christine Heinz, Leiterin des Schlossmuseums. Dies betrifft viele Bauten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Über die Ismaninger Turnhalle ist noch keine Entscheidung gefallen. Derzeit, sagt Stangl, stünden andere Bauprojekte vorn an, das neue Gymnasium zum Beispiel und die Dreifachhalle, die am Sportpark entstehen soll. Bis die Diskussion wieder aufkommt, werden noch viele Ismaninger an der Turnhalle vorbeikommen, ganz wörtlich.

© SZ vom 01.09.2016/gna
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