bedeckt München 29°

Alleebäume:Lückenbüßer am Straßenrand

Bei Ottendichl sind kürzlich zwölf Winterlinden zwischen die alten Ahornbäume gepflanzt worden.

(Foto: Thomas Jakob/Staatliches Bauamt Freising)

Um Alleen zu erhalten, pflanzt das Staatliche Bauamt regelmäßig junge Bäume nach. Die müssen nicht nur den Sicherheitsvorschriften genügen, sondern auch dem Klimawandel trotzen.

Von Bernhard Lohr, Haar

Alleebäume prägen die Landschaft, absorbieren CO₂ und bieten vielen Arten einen Lebensraum. Für Autofahrer, die von der Straße abkommen allerdings können sie zur tödlichen Gefahr werden. Das Staatliche Bauamt in Freising muss als Straßenbaubehörde beide Aspekte im Blick haben. Wegen des fortschreitenden Klimawandels und rechtlicher Vorgaben ist der Aufwand groß geworden, die Straßenränder auch grün zu gestalten.

Tatsächlich greift die Behörde nicht nur ein, wenn Bäume nicht mehr standsicher oder einfach krank sind, um sie zu fällen. Das Ziel sei auf jeden Fall, Alleen zu erhalten oder wieder instandzusetzen, sagt Behördensprecher Thomas Jakob. In diesem Sinn wurden als Ausgleichsmaßnahme für Fällungen wegen des Baus einer Ampelanlage in Ottendichl südlich des Haarer Gemeindeteils an der B 471 soeben zwölf Winterlinden gepflanzt, um Lücken in der bestehenden Allee aus Ahornbäumen zu schließen. Am nördlichen Ortsausgang von Ottendichl stehen jetzt neu mehrere Hopfenbuchen.

Außerdem wurden in jüngster Zeit an der Staatsstraße 2053 südlich von Ismaning 15 Winterlinden gesetzt, an der Staatsstraße 2350 nördlich der Stadtgrenze München bis zur Landkreisgrenze sieben Winterlinden und acht Spitzahorn; an der Staatsstraße 2063 von Gräfelfing nach Pasing sind es sieben Winterlinden und an der B 471 bei Oberschleißheim 22 Winterlinden. Zehn Birken an der Staatsstraße 2368 ergänzen zwischen Taufkirchen und Potzham die Birkenreihe auf der Westseite.

Die Bäume sollen später der Sommerhitze trotzen, Schatten spenden und Sauerstoff produzieren. Damit die Bäume den trockeneren Sommern überstehen, hat das Staatliche Bauamt sein Pflanz- und Pflegekonzept angepasst. Bei Pflanzungen sind zudem aus Fragen der Sicherheit mehrere Regularien zu beachten. Laut Jakob ist es einfacher, eine Allee zu ergänzen als dort neue Bäume am Straßenrand zu pflanzen. Maßgeblich seien zum einen die "Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume (ESAB)" und zum anderen die "Richtlinie für passiven Schutz an Straßen (RPS)". Nach den ESAB dürften Baumlücken unter 100 Metern geschlossen werden, indem man die neuen Bäume in die Flucht der alten hineinsetze. Der Erhalt einer Allee sei dann vergleichsweise einfach. Bei größeren Lücken müssten die Nachpflanzungen in einem Abstand von mindestens 4,5 Metern zur Straßenkante gesetzt werden. Das scheitert freilich, wenn der Platz fehlt und kein Grund hinzugekauft werden kann.

Die RPS verlangt zwischen Straßenrand und Hindernis - von Bäumen ist in der RPS explizit nicht die Rede - einen Abstand von 7,5 bis zwölf Metern, je nach zulässiger Höchstgeschwindigkeit. Am Ende seien es immer Einzelfallentscheidungen, die zu treffen seien, sagt Jakob. Manchmal sei der Einbau von Schutzplanken notwendig. Eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ermögliche manchmal auch erst eine Baumpflanzung. Bei der Pflanzung bei Ottendichl half zum Beispiel, dass in Richtung Haar nicht schneller als 70 gefahren werden darf.

Dass die Bäume dann aber auch gut anwachsen und gedeihen, ist wegen des Klimawandels nicht gesichert. Vor allem der Bergahorn leide an Straßenstandorten unter Hitze und Trockenheit, sagt Jakob. Wenn die Luft vor Hitze flirrt, verstärkt sich seinen Worten nach der Effekt an den Straßen durch die Rückstrahlung des Asphalts. Die Bodenqualität ist in der Regel am Straßenrand schlechter, denn entweder ist die Oberbodenschicht auf den Kiesböschungen deutlich geringer als in der freien Landschaft oder der Boden neben dem Straßenbankett ist stark verdichtet. Das erschwert das Wurzelwachstum. Der Wurzelraum von Straßenbäumen ist zudem oft geringer als an natürlichen Standorten und häufig eingeengt. Und schließlich haben die Bäume mit Salz im Boden aus dem Winterdienst zu kämpfen und mit der Salzgischt an Rinde und Knospen.

Zum Problem wird das alles für geschwächte Bäume, wenn dann noch zu wenig Regen fällt. Thomas Jakob sagt, zunächst dürrten die Triebspitzen aus, später dann die Wipfel der Bäume. Äste stürben ab, erst kleinere, dann auch größere. Wenn mehrere Trockenjahre aufeinander folgten, kann dies nach Angaben von Jakob dazu führen, dass der Baum eingeht. Deshalb wird vor Neupflanzungen der Boden mit speziellen Substraten versehen, die das Wasser gut speichern. Zudem werden seit geraumer Zeit sogenannte "wärme- und hitzetolerantere" heimische Baumarten wie Winterlinde, Feldahorn und Spitzahorn an Straßen gepflanzt. Während früher zwei bis drei Jahre lang nach Pflanzungen gewässert wurde, geschieht das jetzt fünf Jahre lang.

© SZ vom 15.06.2021
Zur SZ-Startseite
Heustadel und Hütten auf nebligen Wiesen, hinten Langkofel und Plattkofel, Seiser Alm, Südtirol, Italien, Europa *** Hay

Umweltschutz
:Zusammen gegen die Katastrophe

Erstmals haben der Klimarat IPCC und der Biodiversitätsrat IPBES gemeinsame Vorschläge gemacht, wie man Natur und Klima zugleich schützen kann. Doch die Zeit dafür läuft ab.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB