Katastrophenschutz:"Es ist mir ein Herzensanliegen, die Kameraden zu schützen"

Katastrophenschutz: Manche Gefahren, denen Feuerwehrmänner im Einsatz ausgesetzt sind, sind offensichtlich - andere sind unsichtbar. Um vor diesen zu schützen, hat die Universität der Bundeswehr ein neues Messgerät entwickelt.

Manche Gefahren, denen Feuerwehrmänner im Einsatz ausgesetzt sind, sind offensichtlich - andere sind unsichtbar. Um vor diesen zu schützen, hat die Universität der Bundeswehr ein neues Messgerät entwickelt.

(Foto: Marius Schwarz/imago)

Die Physikerin Tanja Stimpel-Lindner hat an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg mit Kooperationspartnern einen winzigen Sensor entwickelt, der radioaktive Stoffe und gefährliche Gase erkennen kann. Er soll auch für kleine Feuerwehren erschwinglich sein.

Von Daniela Bode, Neubiberg

In einem Labor der Universität der Bundeswehr in Neubiberg stehen riesige Messmaschinen, Kunststoffhandschuhe zum Schutz vor gefährlichen Stoffen, Beschichtungsanlagen - man glaubt es kaum, welch aufwendige Geräte es braucht, um einen Quadratzentimeter große Sensoren herzustellen oder sie zu testen. Die Physikerin Tanja Stimpel-Lindner, wissenschaftliche Laborleiterin am Lehrstuhl für Sensortechnologie, und ihre Kollegen haben in jüngster Zeit hier viele Stunden verbracht. Im Rahmen des Projekts "ACDC" ist unter ihrer Leitung und in Kooperation mit dem ABC-Zug des Landkreises München und der Münchner Firma Ketek ein Gerät mit Sensoren entwickelt worden, die radioaktive Stoffe und gefährliche Gase erkennen können.

Es soll Einsatzkräften wie Feuerwehr und Technischem Hilfswerk helfen, bei Gefahrstoff-Unfällen möglichst schnell zu wissen, ob gefährliche Giftstoffe freigesetzt werden. Doch mit dem Demonstrator-Gerät wollen sich die Wissenschaftler nicht zufrieden geben. Nun soll ein Prototyp hergestellt werden, um den Sensor auf den Markt zu bringen. "Er soll vor unsichtbaren Gefahren schützen und so günstig sein, dass jede kleine Feuerwehr sich das leisten kann", sagt Stimpel-Lindner.

Katastrophenschutz: Tanja Stimpel-Lindner hat ein Gerät mitentwickelt, das radioaktive Stoffe und gefährliche Gase erkennt. Am Demonstrator (im Bild vorne links) leuchtet eine Lampe oder ertönt ein Alarm, wenn solch eine Substanz in einer bestimmten Dosis festgestellt wird. Ein Teil der Sensoren im Inneren sieht aus wie das blaue Gebilde auf dem Bildschirm.

Tanja Stimpel-Lindner hat ein Gerät mitentwickelt, das radioaktive Stoffe und gefährliche Gase erkennt. Am Demonstrator (im Bild vorne links) leuchtet eine Lampe oder ertönt ein Alarm, wenn solch eine Substanz in einer bestimmten Dosis festgestellt wird. Ein Teil der Sensoren im Inneren sieht aus wie das blaue Gebilde auf dem Bildschirm.

(Foto: Claus Schunk)

Auf die Idee, an solch einem Sensor zu tüfteln, kam die Wissenschaftlerin aufgrund ihrer eigenen langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Feuerwehr. Derzeit engagiert sie sich bei der Freiwilligen Feuerwehr in Feldkirchen-Westerham. Außerdem ist sie seit 20 Jahren aktiv beim ABC-Zug im Landkreis München, also der Einheit des Katastrophenschutzes, die bei Unglücksfällen mit atomaren, chemischen oder biologischen Gefahrstoffen gerufen wird. "Beim ABC-Zug haben wir hochwertige Geräte, aber bis er eintrifft, dauert es oft eine halbe Stunde, weil der Landkreis ja groß ist. So lange sind kleine Feuerwehren praktisch ungesichert", sagt sie. Denn sogenannte Mehrgasmessgeräte kosten ein paar Tausend Euro. Große Feuerwehren verfügen über solche, kleine in der Regel nicht. Das will Stimpel-Lindner ändern, um auch deren Einsatzkräfte vor radioaktiven und chemischen Gefahren zu schützen.

Da sie sich selbst am Lehrstuhl schon lange mit Halbleitertechnik beschäftigt, Siliziumtechnologie in jedem Computer steckt und daher gängig und bezahlbar ist, kam sie auf die Idee solche Sensoren auf Basis dieser Technik herzustellen. So haben sie und ihre Kollegen einen Siliziumchip entwickelt, auf den man zweidimensionale Schichten aufbringt. Diese Schichten ändern bei Kontakt mit dem betreffenden Gas die Leitfähigkeit, was man messen kann. Dafür haben die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen eben im Labor auch ganz neuartige Materialien entwickelt wie Platinverbindungen oder Polymerschichten.

Bei der Messe Interschutz ist der Demonstrator gut angekommen

Der Sensor der Bundeswehr-Universität erkennt nun Gase wie Stickoxide und Kohlenmonoxid. Die Partner-Firma Ketek hat den Sensor entwickelt, der Gammastrahlen erkennt, die von radioaktiven Stoffen ausgesendet werden. Die Chips sind jeweils etwa einen Zentimeter mal einen Zentimeter groß und in dem Demonstrator verbaut. Stellt er eine gefährliche Konzentration dieser Gase oder Stoffe fest, leuchtet ein Lämpchen und ein Alarm ertönt. Die Physikerin ist nach eigenen Aussage "megazufrieden" mit der Entwicklung des Projekts, das mit 814 000 Euro vom Bundesforschungsministerium gefördert worden ist. "Es ist mir ein Herzensanliegen, die Kameraden zu schützen."

Nicht nur von Rückmeldungen bei der Interschutz weiß sie: "Das Interesse ist riesig." Bei der Weltleitmesse für Rettungsdienste und Brandschutz hätte ihr Team das Gerät bereits mehrfach verkaufen können, wenn es schon zur Verfügung gestanden wäre. "Das Feedback war so positiv, dass wir davon überzeugt sind, dass das Gerät am Markt Erfolg haben würde", sagt sie.

Katastrophenschutz: Die Münchner Berufsfeuerwehr ist für Einsätze mit Gefahrenstoffen ausgerüstet.

Die Münchner Berufsfeuerwehr ist für Einsätze mit Gefahrenstoffen ausgerüstet.

(Foto: Robert Haas)

Der Prototyp, der mit dem neuen privaten Partner Graetz Strahlungsmesstechnik aus Nordrhein-Westfalen entwickelt wird, soll noch einiges mehr können als das jetzige Gerät. Die Sensoren sollen noch zuverlässiger werden und weitere Gase sowie Explosionsgefahren erkennen können.

Um einen solchen Prototyp entwickeln zu können, haben die Wissenschaftlerin und ihre Partner sich für die Anschlussförderung des Bundesforschungsministeriums für "Praxisleuchttürme der zivilen Sicherheit" beworben. Stimpel-Lindner ist optimistisch: "Wir sind guter Dinge, dass es klappt." Auch im Labor wird man sie und ihre Kollegen wieder viel vorfinden. Schließlich stehen einige Untersuchungen und Tests an.

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