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Gymnasien:Für die Rückkehr zum G 9 fehlt der Platz

Das neue Ottobrunner Gymnasium ist laut Schulleiter Achim Lebert "als reine G-8-Schule" entworfen worden.

(Foto: Claus Schunk)

Schulleiter im Landkreis München sehen wenig Möglichkeiten, eine längere Gymnasialzeit anzubieten. Denn dazu bräuchte es zusätzliche Klassenzimmer, und die sind schon jetzt knapp.

Von Martin Mühlfenzl

Martin Eidenschink sagt, dass er eigentlich noch nichts sagen kann. Denn bisher bezieht der Direktor des Werner-Heisenberg-Gymnasiums in Garching seine Informationen über eine mögliche Renaissance des neunjährigen Gymnasiums, wie er sagt, aus "Presseberichten". Zum jetzigen Zeitpunkt könne er daher "aufgrund der noch nicht vorliegenden Rahmenbedingungen und der noch nicht erfolgten Diskussion" überhaupt keine Prognose oder Einschätzung abgeben, was die neuerliche Volte der Staatsregierung für seine Schule bedeuten könnte.

Mehrere Tage lang haben die Kabinettsmitglieder am Tegernsee die Köpfe zusammengesteckt und wieder einmal über dem seit Jahren so leidenschaftlich diskutierten Thema gebrütet, ob Bayerns Schüler nach acht oder neun Jahren das Abitur absolvieren sollen. Herausgekommen ist gewissermaßen eine Wahlfreiheit für die Schulen: Die Gymnasien sollen vom Schuljahr 2108/19 an selbst entscheiden, ob für sie das G 8 oder das G 9 die bessere Variante ist oder ob sie sogar beides anbieten wollen.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sprach im Anschluss an die Kabinettsklausur vom "Start einer neuen Epoche" und kritisierte zugleich die Einführung des achtjährigen Gymnasiums durch seine eigene Partei im Jahr 2003 als "übereilte Entscheidung", die den Schulfrieden in Bayern über lange Zeit "gehörig durcheinander gebracht" habe. Nun also sollen die Schulen dem Willen der Staatsregierung nach selbst darüber befinden, wie sie den inneren Frieden herstellen können. Bis zum Schuljahr 2018/19 bleibt aber alles beim Alten.

"Das G 8 funktioniert mittlerweile sehr gut"

Reinhard Rolvering, Direktor des Gymnasiums Neubiberg, blickt skeptisch auf die angestrebte Reform und sagt zugleich: "Das G 8 funktioniert mittlerweile sehr gut, obwohl die Einführung damals viel zu schnell und vor allem ohne Rücksprache kam." Ohne Rücksprache mit den Schulleitern, Lehrern und natürlich den Schülern und ihren Eltern. "Das ist aber entscheidend. Wir müssen wissen, was unsere Lehrer, Schüler und Eltern sagen und denken", sagt Rolvering.

Der Neubiberger Schulleiter selbst hält das neunjährige Gymnasium grundsätzlich für die bessere Lösung, bringt aber einen Punkt ins Spiel, der die Schulen im Landkreis München vor große Probleme stellen könnte: "Wenn wir uns für das G 9 entscheiden sollten, würde dies einen zusätzlichen Jahrgang bedeuten. Wir sind aber jetzt schon voll an unserer Kapazitätsgrenze." Etwa 1300 Schüler besuchen derzeit das Gymnasium Neubiberg - und für mehr Kinder und Jugendliche ist die Schule auch nicht ausgelegt.

Ähnlich sieht es bei den Nachbarn in Ottobrunn aus: Mehr als die 1200 Schüler, die den 35 Millionen Euro teuren Neubau des Gymnasiums nach den Osterferien bezogen haben, finden dort keinen Platz. Direktor Achim Lebert sagt, er wünsche sich manchmal "schon etwas Führung" - und zielt damit auf die Staatsregierung: "Natürlich wäre eine eindeutige Festlegung auf eine Maßnahme sinnvoll."

"Viel wichtiger war uns, das G 8 zu entschleunigen"

Dass es an seiner Schule eine Rückkehr zum G 9 geben werde, bezweifelt Lebert stark. Das neu errichtete Ottobrunner Gymnasium sei als reine "G-8-Schule" entworfen worden, sagt er. Ein möglicher Ausbau zu einer G-9-Schule sei von den Verantwortlichen bei der Planung ausdrücklich ausgeschlossen worden. "Wir haben den Platz dafür nicht", sagt Lebert. "Viel wichtiger war uns, das G 8 zu entschleunigen und die Schule so zu gestalten, dass die Schüler zufrieden sind."

Sollte in großem Maße an Schulen eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium beschlossen werden, rechnet der Ottobrunner Direktor mit erheblichen Schwierigkeiten. "Wie sollen die Stadt und auch der Landkreis München so etwas stemmen?", fragt Lebert. "Man würde mit Baumaßnahmen nicht mehr hinterherkommen und Unsummen an Geld reinstecken." Vielmehr wünscht sich der Schulleiter ein Ende der Diskussionen. Er weiß aber auch, dass diese gerade erst wieder begonnen haben.

Mit Detailfragen wie der Belegung von Klassenzimmern, der Aufstockung des Personals, der Betreuung werden sich die Schulleiter und Lehrer noch früh genug befassen müssen. Wenn sie den Umstieg auf das G 9 wagen. "Aber es müssen vorher die Rahmenbedingungen abgesteckt werden", sagt Susanne Arndt, die als Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern (LEV) die Reformbestrebungen der Staatsregierung genau beobachtet - und auch kritisiert: "Wir hätten uns eine einheitliche Linie gewünscht. Eine Entscheidung, die endlich Klarheit schafft", sagt Arndt.

Jetzt aber werde es eine "vermeintliche Wahlfreiheit" geben, die unübersichtlich und auch ungerecht sei. "Es ist sehr schwer, den tatsächlichen Elternwillen abzubilden. Selbst bei uns gehen die Meinungen zum G 8 und G 9 weit auseinander", sagt Arndt. "Wir tun uns schwer, den einen Weg zu fordern." Umso wichtiger sei es daher, dass sich die Politik auf ein konkretes Vorgehen einige: "Es muss klar sein, was auf die Schüler zukommt. Das Budget für jede Schule muss gesichert sein. Es darf den Schülern nichts verloren gehen."

© SZ vom 03.08.2016/wkr

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