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Demenz-WG in Ottobrunn:Wenn der Kontakt zur Welt abreißt

Neun ältere Menschen leben in einer Demenz-Wohngemeinschaft in Ottobrunn, in die sich auch die Angehörigen einbringen.

Als Sofie Kleber an einem Morgen ihre Kaffeetassen in der Küche nicht mehr finden kann, ist sie 60 Jahre alt. Kurz darauf erhält sie die Diagnose Demenz.

Zwölf Jahre ist das her. Inzwischen hat Kleber aufgehört zu bügeln, obwohl sie das immer gerne gemacht hat. Und sie hat aufgehört zu fragen, wie es ihren Enkeln geht, obwohl sie das immer interessierte. An guten Tagen holt Kleber die Brötchen. An schlechten stellt sie alle paar Minuten die gleiche Frage. Und an diesem Sonntagnachmittag sitzt Kleber vor 100 Puzzleteilen, die einmal ein getigertes Kätzchen in einem Korb ergeben sollen. "Hier müsste man ein Teil absägen", sagt eine Frau, mit kurzem grauem Haar, die ihr gegenübersitzt. Sofie Kleber schweigt. Die Frau versucht, zwei Teile mit dem Zeigefinger zusammenzudrücken - sie passen nicht. "Ich bräuchte einen Hammer." Sofie Kleber antwortet nicht.

Beide Frauen, deren echter Name nicht in der Zeitung stehen soll, leben gemeinsam mit sieben anderen Senioren in einer Wohngemeinschaft für Demenzerkrankte in Ottobrunn. Die Alzheimer Gesellschaft Landkreis München gründete sie vor sechs Jahren. In der Küche steht Käsekuchen, am Kühlschrank klebt eine Blume, Stil und Blüte malte Sofie Kleber gelb aus, an keiner Stelle über den Rand hinaus. Sofie Kleber kann nicht mehr von sich erzählen, das tun andere für sie. Ihre Tochter Christine Zetterer, die sagt, ihre Mutter sei schon immer ein ruhiger, lieber Mensch gewesen. Ihre Pflegerin Ulrike Bange, die erzählt, dass sich ihre Patientin so geschämt habe am Anfang beim Waschen, dass es aber vielen so gehe, wenn sie merken, dass sie langsam die Kontrolle über ihr Leben, ihren Körper und Geist verlieren.

7000 Demente im Jahr 2030

Etwa 1,7 Millionen Menschen in Deutschland sind dement. Jeden Tag kommen 100 Erkrankte dazu, schätzt die Alzheimergesellschaft. Auch im Landkreis München steigen die Zahlen - von heute 5000 auf 7000 Dementen im Jahr 2030. Betroffene, Angehörige, aber auch die Kommunen stellt das vor Herausforderungen: Wie sollen diese Menschen leben? Wer soll sich um sie kümmern? Als Alternative zum Heim gibt es seit sechs Jahren in Ottobrunn und Unterhaching Demenz-WGs. In Oberhaching soll demnächst eine neue entstehen.

In der Ottobrunner Demenz-WG sollen die neuen Bewohner möglichst lange ihren Alltag leben, so wie sie ihn stets gewohnt waren. Auch wenn ihnen langsam die Kontrolle über ihr Leben und ihren Geist entgleitet.

(Foto: Claus Schunk)

Neun demenzkranke Menschen leben in der WG in Ottobrunn zusammen, ein Pfleger betreut sie rund um die Uhr. Aber auch die Angehörigen müssen sich einbringen - einkaufen, Ärzte und Physiotherapie organisieren, Friseur und Zahnarzt bestellen. Sie haben mehr Mitsprache, aber auch mehr Verantwortung. Dass sie eines Tages in die Wohngemeinschaft ziehen will, habe ihre Mutter schon vor Jahren entschieden, sagt Zetterer. Nach der Diagnose arbeitete sie noch zwei Jahre in einem Büro, neun Jahre lebte sich danach noch alleine zu Hause - bis zu dieser einen Woche, in der sie dreimal den Schlüssel verlor, dreimal in der Polizeiwache saß und bis die Tochter zu ihr sagte: "Mama, jetzt ist es so weit." Sofie Kleber widersprach nicht.

"Meine Mama war nie ein Mensch, der rebellierte. Aber was in ihrem Kopf vor sich ging, weiß ich nicht", sagt Zetterer, die Tochter. "Es ist alles eine Vermutung", sagt Bange, die Pflegerin. Ein Hinfühlen, ein Suchen, weil Demenz zwar eine Krankheit ist, die viele betrifft, über die man aber kaum etwas weiß und die bei jedem Menschen anders verläuft. Die häufigste Form ist Alzheimer, bei der sich im Gehirn Plaques ablagern und Nervenzellen absterben. Man weiß, dass diese Krankheit beginnt, Jahre bevor sich erste Symptome zeigen. Man weiß nicht, was sie auslöst, wie man sie verhindern oder behandeln könnte.

Die Bewohner helfen im Haushalt mit, haben ihre Aufgaben und werden dabei betreut.

(Foto: Claus Schunk)

Es sei das Ziel, dass die Bewohner bis zum Schluss in der WG leben können, sagt Pflegerin Bange. Acht Menschen seien in den vergangenen sechs Jahren hier gestorben. Bis dahin sollte ihr Alltag jedoch möglichst normal sein. So lange sie können, sagt Bange, sollen die Bewohner im Haushalt mithelfen. Gemüse schnibbeln, abtrocknen, die Küche fegen. Sofie Kleber bekam ein Bügelbrett und eine Tüte, mit der sie jeden Mittwoch Brötchen holt. Jeder Tag in der WG sei anders - weil die Bewohner sich an keinen Tagesplan voll mit Tanztee und Singstunden halten sollen, sondern weitestgehend so leben sollen, wie sie es auch zu Hause tun würden, sagt die Pflegerin.

Frühstück gebe es zu keiner bestimmten Uhrzeit, sondern wenn der Bewohner wach sei. Bevor Bange in der WG anfing, gestaltete sie als Betreuerin in Pflegeheimen das Freizeitprogramm. Da sei jeder dazu geholt worden. "Dabei hatte ich oft das Gefühl, die Bewohner wollen gar nicht rund um die Uhr bespaßt werden."

Sorgenfrei in den Urlaub

2000 Euro pro Monat kostet ein Zimmer mit eigenem Bad in der WG. Bei einem Pflegeplatz bei der Caritas muss man im durchschnitt 600 Euro mehr bezahlen. Dafür sei eine solche WG auch nicht für Familien geeignet, die keine Lust haben, sich um ihre Angehörigen zu kümmern, sagt Zetterer. Als Sprecherin des Gremiums ist sie etwa für den Pflegedienst die Ansprechpartnerin. Andere Angehörige gehen Einkaufen, erledigen Hausmeisterdienste oder die Gartenarbeit. "Aber mir war immer klar, dass ich mich einbringen will", sagt Zetterer. "Ich möchte ja, dass es meiner Mama gut geht." In manchen Wochen besucht sie ihre Mutter drei-, viermal in der Woche. "Aber ich fahre auch in den Urlaub, ohne mir Sorgen zu machen."

Ein richtiges Gespräch habe sie mit ihrer Mutter schon lange nicht mehr geführt. "Aber ich spüre, dass es in ihr brodelt." Sofie Kleber kratzt häufig an den Armen, stampft mit dem Fuß auf. Pflegerin Bange sagt, sie erlebe es oft, dass Demenzkranke solche Ticks entwickeln. Eine Frau hörte nicht mehr auf zu singen, eine andere fuhr ständig mit der Hand auf der Tischplatte umher. Die Pflegerin glaubt, dass komme daher, dass sich die Patienten noch einmal selbst spüren möchten, wenn der Kontakt zur Welt langsam abreißt. "Aber natürlich ist auch das nur eine Vermutung."