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Patenschaftsprogramm der Bundeswehr:Hilfe für afghanische Helfer

Die Paten Mike Dulz (li.) und Volan Karanfi.

(Foto: Claus Schunk)
  • Zwölf Studenten der Bundeswehruniversität in Neubiberg nehmen freiwillig an dem Patenschaftsprogramm der Bundeswehr für Afghanen teil.
  • Die Menschen aus Afghanistan haben der Bundeswehr im ISAF-Einsatz geholfen und werden deshalb jetzt in ihrer Heimat bedroht.
  • Die Soldaten aus Neubiberg kümmern sich um afghanische Ehepaare genauso wie um Familien mit mehreren Kindern.

Als dem jungen Afghanen ein Brief mit Todesdrohungen ins Haus flattert, macht er sich noch keine großen Sorgen. So etwas ist in dem Land am Hindukusch keine Seltenheit. Als er dann aber einen Anruf bekommt, er habe 48 Stunden Zeit, sich von seiner Familie zu verabschieden, sonst werde er getötet, weiß er, es ist ernst. So schnell es geht, versucht er das Land zu verlassen. Seit Ende Januar wohnt er mit Frau und zwei Kindern in München und hat hier die Chance auf ein Leben in Sicherheit.

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Damit der Mitt-Dreißiger sich im Alltag zurecht findet und hier Fuß fasst, steht ihm seit Februar Mike Dulz zur Seite. Dieser ist einer von zwölf Studenten der Bundeswehruniversität in Neubiberg, die freiwillig an dem Patenschaftsprogramm der Bundeswehr für Afghanen teilnehmen, die der Bundeswehr im ISAF-Einsatz in dem vom Krieg zerrissenen Afghanistan geholfen haben und deshalb jetzt in ihrer Heimat bedroht werden. Seit kurzem wird es auch in Neubiberg angeboten. Dulz koordiniert und organisiert an der Bundeswehruniversität die Patenschaften im Großraum München.

"Wir haben über Hürden gesprochen, mit denen er zu kämpfen hat"

Drei oder vier Stunden unterhielten sich die beiden Männer beim ersten Treffen. Es ging erst einmal darum, sich kennen zu lernen, Vertrauen zu schaffen. "Wir haben über Hürden gesprochen, mit denen er zu kämpfen hat", erzählt der Leutnant. Über die Hürden bei Behördengängen, beim Lesen der Schreiben vom Kindergarten. "Er ist dankbar, wenn ich ihm die Briefe übersetze, damit er überhaupt weiß, was sie von ihm wollen", sagt Dulz.

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Die Soldaten aus Neubiberg kümmern sich um afghanische Ehepaare genauso wie um Familien mit mehreren Kindern. Es sind Locals unter ihnen, die die Bundeswehr und andere Hilfsorganisationen mit ihren Ortskenntnissen in Afghanistan unterstützt haben, Köche, Wachleute. Oder sie waren wie Dulz' Schützling Übersetzer. Er spricht Englisch und Arabisch.

Im Herbst 2013 beschloss die Bundesregierung eben für solche ehemaligen Helfer und ihre Familien, die wegen ihrer Tätigkeit bedroht sind, ein Verfahren für die Aufnahme in Deutschland. Wenn eine individuelle Gefährdung vorliegt, wird nach einer Prüfung eine Aufenthaltserlaubnis gewährt. In akuten Fällen werden Vorkehrungen getroffen, die die Afghanen bis zur Ausreise schützen.

Dolmetscher der Bundeswehr in Afghanistan

In dieser Szene aus dem Jahr 2011 übersetzt ein Mitglied der sogenannten Ortskräfte (re.) beim Gespräch mit einem Mann für einen deutschen Soldaten.

(Foto: picture alliance / dpa)

900 Afghanen reisten nach Deutschland ein

Rund 1200 Gefährdungsanzeigen wurden bisher geprüft, 550 Anträge bewilligt. Insgesamt reisten 900 Afghanen nach Deutschland ein und bekamen ein Aufenthaltsrecht für drei Jahre. Falls sie danach weiterhin gefährdet sind, kann das Bleiberecht verlängert werden. Es gab viel Kritik, die Bundesregierung hätte den afghanischen Angestellten schneller Hilfe gewähren sollen. Kritik gab es auch an dem bürokratischen Aufnahmeverfahren. Angesichts der schwierigen Sicherheitslage sei es unzumutbar, die Bedrohungssituation im Detail darzulegen, hieß es.

Das Patenschaftsprogramm unterstützt die ehemaligen Helfer nun bei der Eingewöhnung in Deutschland. Die Soldaten helfen auf unterschiedliche Weise, vor allem aber bei der Korrespondenz mit den Ämtern, beim Lernen der deutschen Sprache und sie unterstützten die Afghanen dabei, eine Wohnung zu suchen. "Das ist oft ein großes Problem", sagt Dulz. "Mein" Afghane, wie er sagt, und seine Familie teilen sich derzeit eine 30-Quadratmeter-Wohnung. "Zu Hause hatten sie Platz zur Genüge." Das fordert neben all der Umstellung schon auch einmal den Ehefrieden heraus. ,Warum bringst Du mich hierher in diesen Käfig', habe die Frau seines Schützlings einmal geklagt, erzählt Dulz.

"Wir sprechen darüber, wie es in der einen Kultur ist und in der anderen"

Oft unterhalten sie sich einfach nur. Beispielsweise über die kulturellen Unterschiede; etwa darüber, dass man in Afghanistan, wenn man eine Wohnung betritt, die Schuhe auszieht und dass man am Boden statt auf Stühlen sitzt. "Wir sprechen darüber, wie es in der einen Kultur ist und in der anderen. Wir werten nicht", sagt Dulz. Er hat hierbei sicher ein besonders gutes Gespür, da er Bildungs- und Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt interkulturelle Medien- und Erwachsenenbildung studiert.

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Auch Volkan Karanfil, ein weiterer Student, der sich als Pate engagiert, hat Feingefühl für die kulturellen Unterschiede. So zog er sofort seine Schuhe aus, als er seinen Schützling zum ersten Mal besuchte. "Er war überrascht und hat sich gefreut, dass ich auch einen Migrationshintergrund habe", sagt Karanfil, dessen Eltern aus der Türkei kommen. Sein Schützling war ebenfalls Übersetzer, ist Ende 20 und lebt hier mit seiner schwangeren Frau und einer Tochter, die behindert ist. Wie Dulz' Schützling hat er bereits gut Deutsch gelernt. "Er hat es schwer. Alles lastet auf seinen Schultern, weil seine Frau noch kein Deutsch spricht", sagt Karanfil. Außerdem sei sein Vater in Afghanistan umgebracht worden, jetzt sei er auch noch für die Familie dort verantwortlich. Trotzdem sage er immer, er sei froh hier zu sein und es gehe ihm gut.

"Er ruft auch einfach mal an und fragt mich, wie es mir geht"

Wie und wie oft man mit den Afghanen kommuniziert, ist jedem selbst überlassen. Karanfil trifft sich normalerweise einmal in der Woche mit seinem Schützling, sie schreiben sich SMS. Oft hilft er ihm mit Versicherungsformularen wegen seiner Tochter, sie essen zusammen und dabei erledigt er einen Anruf für ihn, sie lernen zusammen Deutsch. "Er ruft auch einfach mal an und fragt mich, wie es mir geht. Das freut mich sehr", sagt Karanfil. Überhaupt hat sich ihr Verhältnis wie zu einer Freundschaft entwickelt. Sie waren auch schon gemeinsam abends weg.

"Es gibt aber nicht nur Friede Freude Eierkuchen", sagt Dulz. Genauso gebe es Patenschaften, die nicht harmonisch funktionierten. Sei es, weil manche Afghanen nur arabisch sprechen und es das für die Paten sprachlich schwierig macht, sei es, weil es zwischenmenschlich nicht klappt. Schlimmstenfalls muss die Patenschaft beendet werden und es wird ein neuer Pate gesucht. Das ist aber laut Dulz im Großraum München noch nicht vorgekommen.

Die Paten lernen auch etwas für das eigene Leben

Dulz, Karanfil und die anderen Paten geben nicht nur viel, sie lernen auch etwas fürs eigene Leben. Bei Karanfil ist Respekt herauszuhören. Sein Schützling gebe nicht auf, er sei froh, hier zu sein. "Ich finde es bemerkenswert, dass er das so schätzen kann, obwohl er in einer so schwierigen Situation ist", sagt der Student in Mathematical Engineering.

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Karanfil hat schon bei der Bundeswehr mit der Motivation zu arbeiten begonnen, Menschen in Krisengebieten zu helfen. Das treibt ihn auch jetzt an. Er engagiert sich in der Erstaufnahmestelle in der Bayernkaserne für Flüchtlinge. Jetzt hier am Patenschaftsprogramm teilzunehmen, findet er, ist "das Bestmögliche, das ich als Student tun kann". Dulz empfindet die kulturellen Aspekte an der Begegnung als aufschlussreich. "Es ist eine Bereicherung, wenn wir wissen, wie wir miteinander umgehen müssen."