Medizinische Forschung:Das Wunderpflaster aus Garching

Lesezeit: 3 min

Medizinische Forschung: Das neue Pflaster wird bei einem mechanischen Dehnungsversuch getestet.

Das neue Pflaster wird bei einem mechanischen Dehnungsversuch getestet.

(Foto: Astrid Eckert/TU München)

Der neue Verband haftet auf feuchtem Untergrund, gibt Medikamente in die Wunde ab - und wenn seine Arbeit getan ist, löst er sich einfach auf. Bei der Entwicklung haben sich die Forscher einen Trick bei Muscheln abgeschaut.

Von Stephan Handel

Am Wochenende hat sich Oliver Lieleg zu Hause eine Karotte geschnitten, nicht aufgepasst dabei - und schon war das Messer in den Daumen gerutscht. Keine große Sache, er hat ein Pflaster draufgeklebt, in ein paar Tagen wird alles wieder gut sein. Eines der Probleme, mit denen sich Lieleg in seinem Berufsalltag beschäftigt, ist oberflächlich verwandt mit dem Klebeverband aus der Hausapotheke: Der Professor für Biomechanik an der Technischen Universität (TUM) arbeitet am Garchinger Forschungszentrum an einem Pflaster, das auf feuchtem Untergrund haftet. Das, wenn notwendig, Medikamente an das verletzte Gewebe abgeben kann. Und das sich, wenn es seine Arbeit getan hat, einfach auflöst.

Medizinische Forschung: Oliver Lieleg ist Professor für Biomechanik an der Technischen Universität München.

Oliver Lieleg ist Professor für Biomechanik an der Technischen Universität München.

(Foto: Astrid Eckert/TU München)

Was heißt, er forscht daran: Eigentlich ist alle Arbeit getan, das Produkt wäre bereit für die klinische Erprobung. Lieleg und sein Team bauen einen Film, dünner als ein Blatt Papier, der aus zwei Schichten besteht. In trockenem Zustand haftet er nicht und kann mit einer Pinzette auf die Wunde, zum Beispiel im Mund, appliziert werden. Wenn der Film mit Flüssigkeit in Berührung kommt, weicht die untere Schicht gelartig auf - und das Pflaster klebt.

Diese untere Schicht besteht aus Hyaluronsäure und Dopamin. Erstere, hauptsächlich in Kosmetik und ästhetischer Medizin eingesetzt, fördert bekanntlich die Wundheilung. Aber Dopamin? Es wirkt im zentralen Nervensystem als Neurotransmitter. Allerdings haben Forscher herausgefunden, dass Muscheln Dopamin verwenden, um sich an Schiffswände anzuheften - es ist der Kleber, der Lielegs Pflaster haften lässt.

Die obere Schicht des Films ist so etwas wie Lielegs Spezialgebiet: Sie besteht zunächst aus einem biologisch abbaubaren Kunststoff, der dem Pflaster Stabilität verleiht. Sie sind versetzt mit sogenannten Mucinen: "Das sind Moleküle", erklärt der Forscher, "die natürlicherweise auf Schleimhäuten oder auch in der Tränenflüssigkeit vorkommen. Wir haben sie nun erstmalig für pflasterartige Filme eingesetzt. Hier übernehmen sie besonders wichtige Eigenschaften für den biologischen Schutz der Wunde. Sie wirken antibakteriell, hemmen Entzündungen und hindern unerwünschte Zellen daran, sich in der Wunde anzusiedeln." Zudem hemmen sie die Reibung, was etwa bei einer Verletzung an der Zunge vorteilhaft ist.

Die Mucine, die Lieleg und sein Team verwenden, gewinnen sie selbst, aus Schweinemägen direkt vom Schlachter. Sie haben dabei ein Verfahren entwickelt, das mehr Endprodukt in geringerer Zeit und mit weniger Arbeitskraft produziert als bisher gängige Methoden - dieses Verfahren ist mittlerweile zum Patent angemeldet.

Medizinische Forschung: Gereinigtes und gefriergetrocknetes Mucin.

Gereinigtes und gefriergetrocknetes Mucin.

(Foto: Astrid Eckert/TU München)

Wie in der medizinischen Forschung üblich, wurde das Pflaster zunächst an Gewebeproben getestet, wofür die Wissenschaftler sich beim Metzger in Garching bedienten. Als das gut klappte, ging es im Tiermodell weiter: Ratten wurde am Rücken eine Verletzung beigebracht, die mit dem Pflaster verschlossen wurde. Das Ergebnis: Bessere Heilung in kürzerer Zeit.

Die Einsatzmöglichkeiten sieht Oliver Lieleg vielfältig: Im Mund zum Beispiel, aber auch bei Bauchoperationen, etwa am Darm. Denn ein weiterer Vorteil: Das Pflaster löst sich nach einiger Zeit rückstandsfrei auf - im Moment liegt die Spanne bei ein bis zwei Tagen, die Forscher möchten sie noch auf eine Woche erhöhen.

Neben den positiven Eigenschaften, die der Film allein schon durch seine Bauweise aufweist, gibt es noch die Möglichkeit, in die untere Schicht Medikamente einzubringen, die dann kontinuierlich in die Wunde abgegeben werden - und zwar nur dorthin, denn die obere Schicht verhindert, dass sie etwa in die Mundhöhle verschwendet werden. So kann etwa ein Antibiotikum zielgerichtet eingesetzt werden.

Auf die Frage, wann das Wunderpflaster denn im medizinischen Alltag eingesetzt werden könnte, reagiert Lieleg vorsichtig: Es müsste sich ein Hersteller finden, die Produktion in industriellem Maßstab müsste wirtschaftlich sinnvoll sein, zudem bräuchte es dann eine oder mehrere Kliniken, die den Film an menschlichen Patienten testen würden. Deshalb will der Professor sich auf eine Jahreszahl nicht einlassen. Immerhin: Nach Veröffentlichung der Studie haben sich zwei Unternehmen gemeldet und Interesse signalisiert.

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