Erinnerung Stunde des Todes

Der Keller, in dem sich das Unglück vom 13. Juli 1944 ereignete, existiert noch. Hier im Marxhof suchten am Tag des Herz-Jesu-Fests 30 Ordensschwestern Schutz - doch 15 von ihnen überlebten das Inferno des Bombenabwurfs nicht.

(Foto: Claus Schunk)

Bei einem Bombenabwurf am 13. Juni 1944 sterben im Keller des Unterhachinger Marxhofes 15 Ordensschwestern. Heimatpfleger Günter Staudter spricht vom schlimmsten Tag in der Geschichte des Ortes.

Von Michael Morosow

"O mein Gott und Herr, schon jetzt nehme ich jede Art des Todes, wie es dir immer gefallen wird, von deiner Hand in voller Ergebung und Bereitwilligkeit an" - die 30 Ordensschwestern spüren, dass es schlecht um sie steht hier im wenig sicheren Luftschutzraum unter dem Mitteltrakt eines Stallgebäudes, und ihr Gebet wird inniger und lauter, wie auch das Getöse über ihnen heftiger und furchtbarer wird. Verursacht von Bombern der Royal Air Force, die bereits vier Tage zuvor 269 Luftminen, Spreng- und Brandbomben auf Unterhaching abgeworfen und dabei zwei Häuser an der Hauptstraße völlig und fünf weitere teilweise zerstört hatten.

"Heiliger Josef, lieber Vater mein, ich lade dich zu meiner Sterbestund ein", beten die an den Wänden des Schutzraumes knienden Schwestern weiter. Das Allerheiligste hatten sie nach dem Ertönen der Sirene mitgenommen und auf einem kleinen Tisch in der Mitte der rechten Seitenmauer gestellt. Es sind vier Ordensschwestern, die den damaligen Marxhof an der Biberger Straße bewirtschafteten und 26 Schwestern, die zuvor Tausende Kranke und Verletzte in allerlei Hospitälern betreut hatten und nun im relativ sicher geltenden Unterhaching zur Erholung weilen. Drei von ihnen wollten noch am Morgen die Heimreise antreten, mussten aber wegen des Fliegeralarms zurück zum Marxhof.

Wir schreiben den 13. Juni 1944, der ein Freitag ist und an dem eigentlich das Herz-Jesu-Fest gefeiert wird. Stattdessen bricht über die Schwestern ein Inferno herein. Die Bomben schlagen gegen 10.30 Uhr ein. Elf Betende sind auf der Stelle tot, die Älteste 60, die Jüngste 27 Jahre alt. Weitere vier sterben kurze Zeit später, die Überlebenden sind zum größten Teil schwer verletzt.

Schwester Dietlinde und Schwester Evelina schmücken das Gedenkmal, das an die toten Schwestern erinnert.

(Foto: Claus Schunk)

In der 5000-jährigen Ortsgeschichte Unterhachings wird der 13. Juni 1944 wohl als schlimmster Tag eingehen, schreibt 75 Jahre später der Unterhachinger Heimatpfleger Günter Staudter. Vor der wieder aufgebauten Scheune erinnern heute ein schmiedeeisernes Kreuz und zwei Tafeln mit Namen an die getöteten und verletzten Schwestern. Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul lädt für Jahrestag an diesem Donnerstag, 13. Juni, der Katastrophe zu einem Gedenkgottesdienst im Alten- und Pflegeheim St. Katharina Labouré ein. Beginn ist um neun Uhr.

Im Kriegsjahr 1944 waren Not und Schrecken, wo man auch hinschaute, so groß, dass die Nachricht von dem Unterhachinger Grauen es nicht einmal als kleine Meldung in eine Zeitung schaffte. Umso eindrucksvoller und bewegender sind die wenigen Schriften, die in den Tagen und Wochen nach dem Unglück verfasst worden sind, vom damaligen Unterhachinger Pfarrer Martin Faustner, vom Domkapitular Grassl, der am 17. Juni auf dem Münchner Waldfriedhof eine sehr ergreifende Grabrede hielt, und schließlich und vor allem von Schwester Amarantha, die als Erste aus dem Trümmerhaufen befreit worden war.

Pfarrer Faustner vermutet in seinem am 28. Oktober 1945 verfassten Bericht, dass gegen Ende des Angriffs auf München die drei Bomben, die auf den Marxhof fielen, Notabwürfe gewesen seien. Die dritte Bombe sei auf die Wiese gefallen, "wo die Schweine weideten", ohne Schaden anzurichten. "Die erste zerstörte den Schweinestall mit den vielen Schweinen und die angebauten Wohnräume für die Erholungsschwestern.

Die zweite Bombe fiel seitlich in die Scheune, durchschlug den Kartoffelkeller (...), warf die ganze Kellerdecke in die Höhe (...), die sich gerade an der Seite, wo die Schwestern waren, noch brach, sodass an dieser Seite noch ein Hohlraum war, sonst wären sie alle erschlagen worden. Die Schwestern, die nicht ganz an der Wand waren, waren auch sofort tot und das waren 11" schrieb Faustner weiter und berichtete von den Rettungsmaßnahmen, um die eingeklemmten Frauen zu befreien.

Der zerstörte Marxhof. Repro: Claus Schunk

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"Schwester Piala von der Gynäkologischen Klinik wurde sterbend herausgebracht und starb nach Empfang der Heiligen Ölung im Freien. Unsere ambulante Krankenschwester Polyxena starb abends in der Chirurgischen Klinik, Schwester Guniforta 10 Tage später und Schwester Ferrina nach 3 Wochen (...) Die Heiligen Hostien waren verstreut und konnten nur zum Teil noch gefunden werden. Der Kelch war zerdrückt."

"Wir bereiteten uns auf den Tod vor" - die Schilderungen von Schwester Amarantha Saxinger, der damals 50 Jahr alten Oberin des Wirtschaftsbetriebes im Marxhof, gehen auch heute noch unter die Haut: "Ich sagte zu den Schwestern, sie möchten sich auf den Boden legen (...), ich fasste das Allerheiligste und beugte mich mit demselben unter den Tisch. In diesem Augenblick ging die Bombe schon nieder (...) Es folgte einige Augenblicke Totenstille, dann das leise, etwa 2 - 3 Minuten lang vernehmbare Stöhnen der verletzten Schwestern."

Die aus einer 15-köpfigen Bauernfamilie stammende Oberin konnte sich mühsam und nur mit Hilfe des Schweizers Franz Pöll, damals landwirtschaftlicher Baumeister beim Orden, und einem französischen Kriegsgefangenen aus den Trümmern befreien, ihr folgten die Schwestern Angelora und Austreberta. Viele Helfer, darunter Ärzte, Schwestern, Pfarrer Faustner und Leute aus dem Ort hätten schnell mit dem Ausgraben der Verschütteten begonnen. "Die ersten 5 Schwestern brachte der Baumeister von Berg a.L. (...) mit seinem Lastwagen (...) sogleich in die Chirurgische Klinik nach München."

Es habe eineinhalb bis zwei Stunden gedauert, bis die letzte lebende Schwester geborgen worden sei, erinnerte sich Schwester Amarantha in einem 1969 erschienen Bericht im Münchner Merkur. Die letzten beiden Todesopfer, die Schwestern Arata und Lautena seien gegen 19.30 Uhr geborgen worden. "Der Luftdruck hatte allen Schwestern die Kleider stark beschädigt. Zu bemerken ist, dass jedoch bei einigen lb. Mitschwestern der Profeßrosenkranz unversehrt an der Seite war."

Zutiefst erschütternd war auch die Beerdigung von den zu diesem Zeitpunkt 13 verstorbenen Schwestern am 17. Juni 1944 auf dem Münchner Waldfriedhof. "Der Orden der Barmherzigen Schwestern steht heute mit seiner Generaloberin vor einem ausgeschaufelten Grab, so groß, so weit, so wehe und schmerzvoll, wie noch nie ein Grab sich geöffnet in den 112 Jahren seines Bestehens in Bayern", sagte der damalige Domkapitular Anton Grassl im Angesicht von 13 nebeneinander aufgereihten Särgen.

"Die Schwestern schmückten ihre toten Mitschwestern mit weißen Schleiern und Myrtenkränzen. Jede bekam einen Rosenkranz in die Hand, die Jüngste, unsere lebensfrohe Schwester M. Ingolda, einen roten", heißt es in einem Bericht der Kongregation der Barmherzigen Schwestern in München.