Tradition:"Es braucht eiskalte Hund"

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Tradition: Der Taufkirchner Maibaum mit Fritz Beck, Erwin Leistner und Florian Büchlmeir (von links).

Der Taufkirchner Maibaum mit Fritz Beck, Erwin Leistner und Florian Büchlmeir (von links).

(Foto: Claus Schunk)

Bis ein tonnenschweres Trumm Holz senkrecht steht, darf nur einer das Kommando haben. In Taufkirchen führt dies Florian Büchlmeir. Er ist am Samstag zum ersten Mal Ansager beim Maibaumaufstellen.

Von Michael Morosow, Taufkirchen/Aying

In der Nacht zum Samstag wird Florian Büchlmeir wohl keinen erquicklichen Schlaf gefunden haben. Am Nachmittag muss der 34-Jährige seinen Mann stehen, und die Verantwortung, die dann mindestens zwei Stunden lang auf seinen Schulter lastet, wird schwer wiegen wie eine ausgewachsene Fichte. Wenn es regnet, noch schwerer, denn dann könnten leicht einige der sieben Scherstangenpaare verrutschen, mit deren Hilfe 70 Männer den vier Tonnen schweren Maibaum, der in Taufkirchen schon am Tag vor dem 1. Mai aufgestellt wird, in die Senkrechte hieven wollen. Und wenn er in einem solchen kritischen Moment das falsche Kommando gibt, dann könnte das Trumm Holz krachend zu Boden stürzen und wäre es Knall auf Fall vorbei mit lustig.

Es ist das erste Mal, dass Büchlmeir als so genannter Ansager die Kommandos gibt beim Aufstellen eines Maibaumes ohne technische Hilfsmittel. Sein Vorgänger Fritz Beck, unter dessen Regie schon fünf Taufkirchner Maibäume unfallfrei aufgestellt worden sind, sowie die 70 Burschen, die bei dem traditionellen Akt die tragende Rolle spielen, vertrauen dem Novizen, der zwar keine Angst, aber doch spürbar Respekt hat vor der Aufgabe hat und dem sicherlich von allen Beteiligten der größte Stein vom Herzen fallen wird, wenn er schließlich "der Baum steht" rufen kann.

Wie kommt man mit einer 33,70 Meter langen Fichte um eine 90-Grad-Kurve?

Am Mittwochabend hatten sich Büchlmeir, Beck und eine ganze Reihe weiterer Burschen und Altburschen zu einem Ortstermin an der Halteschiene neben der Ritter-Hilprand-Straße getroffen, in die der Maibaum am Samstag passgenau verankert werden wird. Denn es gibt ein Problem: Die exakt 33,70 Meter lange Fichte muss auf dem Weg vom Lagerplatz zum Stellplatz eine 90-Grad-Kurve nehmen, was bislang stets ein Leichtes war. Inzwischen aber existiert an der Münchner Straße die Bucht an der Bushaltestelle nicht mehr, die den Winkel beim Rangieren vergrößert hat. Kommt der Baum dennoch um die Ecke? Ein Seil, so lang wie der Maibaum, wird gespannt, zwei Burschen biegen damit, das Seil stets auf Zug haltend, um die Ecke. Der Verkehr wird währenddessen angehalten. Nach mehreren Versuchen klappt es schließlich. Die Ironie der Ereignisse wollte es, dass die Harthauser und Putzbrunner Burschen am Ostersonntag vor einem ähnlichen Problem gestanden hatten, als sie den Taufkirchnern ihren Maibaum klauten und damit vom Lagerplatz auf die Münchner Straße einbiegen mussten. Ein Nachbar, mit dem die Taufkirchner wohl noch ein Hühnchen zu rupfen haben, zeigte aber den Dieben, in welchem Winkel sie ansetzen mussten, um die Kurve zu kriegen.

Tradition: Scherstangen sind das wichtigste Utensil beim Aufstellen von Maibäumen. Aber wehe, sie kommen ins Rutschen.

Scherstangen sind das wichtigste Utensil beim Aufstellen von Maibäumen. Aber wehe, sie kommen ins Rutschen.

(Foto: Claus Schunk)

Auch Erwin Gleißner ist mit dabei am Mittwoch beim Ortstermin. 50 Jahre lang hat er die Scherstangen gebunden, heuer hat er es zusammen mit Philipp Piendl und Ludwig Beck getan, die von nun an dafür verantwortlich sind. Es ist nicht so, dass einfach zwei Stangen mit einem Seil verbunden werden, die Abstände müssen variieren, werden von unten nach oben geringer. Am Stumpf des Baumes betragen sie heuer laut Gleißner 47 Zentimeter. Beim Aufstellen muss der Maibaum die ersten Meter mit Hilfe eines Baggers angehoben werden und darunter die ersten Bohlen geschoben werden, damit das erste von sieben Scherstangenpaare angesetzt werden kann und die Burschen, im Schnitt deren zehn pro Paar, mit ihrer schweißtreibenden Arbeit beginnen können. Bis zum sicheren Stand des Baumes müssen sie durchhalten, ohne eine Sekunde Pause - und stets auf die Kommandos von Büchlmeir hören, der zum Beispiel vorgibt, ob die ganze Mannschaft anschiebt, oder nur die linke oder rechte Seite. Weil links und rechts schnell verwechselt werden können, heißt es dann "Die Trennerseitn schiabt" oder die "Wagmüllerseitn schiabt". Und eines ist ein ehernes Gesetz: "Das Kommando gibt nur einer, nur Halt schreien darf jeder", wie Fritz Beck sagt. 2015 war es, als er sein Amt an Florian Büchlmeir übergab, unmittelbar nachdem der Maibaum stand.

Die gefährlichste Situation entsteht, wenn die langen Scherstangen zum Einsatz kommen. "Normal haut da jeder ab."

Wie man sich als Ansager beim ersten Mal fühlt, das weiß auch Manfred Renk, der 2019 seine Premiere als Ansager in Aying feierte, wo traditionell der höchste Maibaum steht. Der aktuelle misst 51 Meter, ist aber wie seine Vorgänger geschiftet, das heißt, aus zwei Stämmen zusammengesetzt, die mit glühenden Eisenringen stabilisiert werden. Und er wird nicht von Schienen gehalten, sondern in ein 3,5 Meter tiefes Erdloch gesetzt. Was passiert, wenn ein solches Trumm auf die Straße kracht, das kann man in Aying alle fünf Jahre sehen, dann nämlich, wenn der ausgediente Baum kontrolliert gefällt wird. "Wenn der aufschlägt, dann sieht man die weißblauen Rauten im Teer, das ist wie ein Stempelkissen", sagt der selbständige Schreiner. Die Ayinger legen keine Matratzen aus, wie es die Taufkirchner tun, wenn sie ihren Baum aus der Schiene kippen. Als Ansager trage er die Verantwortung für 120 Burschen und die Zuschauer, "ich darf gar nicht daran denken", sagt er. Bisher hat es in Aying noch keine Unfälle gegeben, sieht man von einem Blitz ab, der am 17. Juli 1993 in den Baum fuhr und von dort in den Brauereigasthof, wo er die Wandverkleidung zertrümmerte und sich ein Musiker ein Bein brach.

Auch in Aying hebt ein Radlader den Maibaum ein Stück hoch, damit die ersten beiden von acht Scherenstangenpaare angesetzt werden können, die zwischen drei und 17 Meter lang sind. Beim Einlassen des Baumes in die Grube beginne das "Verreckteste" bei einer Neigung von 45 Grad: Dann fange der Stamm zum Rutschen an. "Dann müssen die Scherstangen immer auf Druck sein", sagt Renk, dessen Kommandos lauten: "Die Pfarrerseitn schiabt an!" Oder: "Da Wirt schiabt an!" Die gefährlichste Situation entstehe meist, wenn die längsten Scherstangen zum Einsatz kämen. Dann seien die Stachler wichtig, die mit Kraft und Hirn für Sicherheit sorgten. Sonst würden die langen Scherstangen umfallen, auf die unteren Stangen schlagen und eine Kettenreaktion entstehen. "Dann braucht man eiskalte Hund, die stehen bleiben, normal haut dann jeder ab", sagt Manfred Renk.

Damit die Burschen bis zum Ende durchhalten, gilt für sie ein striktes Alkoholverbot während des Aufstellens. Limo und Wasser werden ihnen gereicht. Auch in Taufkirchen sind Trinkpausen eingeplant, in denen die Madln die Burschen versorgen. Die aber bekommen auch Bier vorgesetzt. "Aber wirklich nur in Maßen", wie Ansager-Novize Florian Büchlmeir betont.

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