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Herbst:Gezähmte Ungeheuer

Maksut Maksuti (links) und sein Kollege Bernhard Westermayr machen auf dem Waldfriedhof einen Weg frei. Aber zwischen den Gräbern und auf den Gräbern bleibt das Laub liegen.

(Foto: Claus Schunk)

Viele halten Laubbläser für überflüssige Geräte, die nur Mensch und Natur schaden. Die Gemeinde Haar will sie verbannen und hat einen Pilotversuch gestartet. Die Bauhofmitarbeiter müssen jetzt die Arbeit mit dem Rechen bewältigen. Ein Besuch im Unterholz.

Von Bernhard Lohr

Wenn sich im Herbst das Laub gelb verfärbt und die Natur dazu einlädt, das Fest der Farben zu genießen, hebt regelmäßig der Proteststurm gegen die lärmenden Ungeheuer an, die viele für die unsinnigste Erfindung seit Menschengedenken halten. Laubbläser und Laubsauger sind laut und gelten vielen schlicht als Feinde von Mensch und Natur. Versuche, diese zu verbieten, sind bisher im Bundestag und im Landtag gescheitert. Dafür hat die Gemeinde Haar jetzt als einjährigen Pilotversuch ein Verbot beschlossen. Die Bauhof-Mitarbeiter sollen, von Ausnahmen abgesehen, mit Rechen und Schaufel zurecht kommen. Eins ist klar: Für die Arbeiter wird es nicht leicht. Und die Haarer werden sich ziemlich umstellen müssen.

Als hätte es das noch gebraucht, hat das Coronavirus ausgerechnet in der arbeitsreichsten Zeit des Jahres das sogenannte Grün-Team am Haarer Bauhof über Tage außer Gefecht gesetzt. Maksut Maksuti und seine 14 Kollegen sind erst am vergangenen Donnerstag wieder am Arbeitsplatz erschienen und hätten normalerweise sofort zu den Laubbläsern gegriffen und am Waldfriedhof losgelegt, damit vor Allerheiligen die Wege zu den Gräbern und die Grünflächen frei vom Laub sind.

Doch heuer bleibt ganz unabhängig von Corona das Laub auf den Gräbern liegen. Die Wiese mit den Baumgrabstätten ist vollkommen von Laub bedeckt und bleibt es wohl auch. Maksuti legt mit dem Rechen eine Grabplatte frei, die sonst gar nicht zu finden wäre. Vergangenes Jahr war alles "picobello" von Laub befreit, sagt Maksuti. "Trotzdem haben wir immer wieder Beschwerden bekommen."

Maksuti sagt das, unter den prächtig gelb schimmernden Bäumen stehend, in aller Gelassenheit. Er habe nichts gegen die neue Regelung. Aber die Leute dürften sich hinterher nicht beklagen. So wie bisher werde es nicht mehr aussehen in Haar, sagt er. "Sonst bräuchten wir 50 Leute." Und so viel Personal habe man nicht. Deshalb hat Bauhofchef Alex Brand auch gewarnt, als der Gemeinderat im Juli auf Antrag von SPD, Grünen und Freier Wählergemeinschaft hin das Laubbläser-Verbot verhängte.

"Die Blütenfülle geht massiv zurück"

Er fürchte deutliche Mehrarbeit, sagte Brand. Er wies auf Pilzbefall durch nasses Laub auf Spielplätzen hin und darauf, dass Haar sogar seine Ziele bei der Biodiversität durch das viele Laub, das jetzt liegen bleibe, verfehlen könnte. Denn Laub dient als Dünger und könnte den Charakter der Magerwiesen und Ökoflächen in Haar verändern. "Die Blütenfülle geht massiv zurück", sagte Brand.

Der Herbst bietet dieser Tage am Friedhof in Haar eine Farbenpracht. Lärmende Laubbläser gibt es dort nicht mehr.

(Foto: Claus Schunk)

Ob es so kommt, ist offen. Maksuti geht davon aus, dass - anders als die Grünbereiche am Friedhof - die Ökoflächen und Magerwiesen mit dem Rechen von Laub befreit werden können. Noch ist vieles unklar. Die Gemeinde hat sich auf Neuland begeben, so wie es auch gedacht war bei dem Beschluss, der eine einjährige Probephase vorsieht. Andrea Kröner hat gerade ein Grab besucht und kommt auf dem Waldfriedhof mit einem kleinen Rechen in der Hand den Weg entlang. "Ich begrüße es, wenn die Dinger abgeschafft werden", sagt sie rundheraus, als sie auf das Verbot angesprochen wird. Am Friedhof Perlacher Forst habe sie erlebt, wie mit den Laubbläsern der Grabschmuck von den Gräbern gepustet worden sei. Die Angehörigen könnten sich um die Gräber und die Flächen drumherum kümmern. Maksutis Kollegen sind am Friedhof mit dem Mähfahrzeug unterwegs und halten die Wege frei. Das sei sichergestellt, sagt er.

Die Friedhofsruhe ohne heulende Laubbläser könnte der Tierwelt auf dem Friedhof und andernorts zum Segen gereichen. Denn das zur Seite gerechte Laub werde öfter in Haufen liegen bleiben, sagt Maksuti, damit Tiere Unterschlupf fänden. Das hat sich Grünen-Gemeinderätin Petra Tiedemann, die den Antrag formuliert hat, auch erhofft. Sie beklagt, dass Käfer, Asseln, Spinnen, Tausendfüßler, Regenwürmer und Insekten bisher mit Luftgeschwindigkeiten von 160 Stundenkilometern aufgesaugt oder weggeblasen würden. Auch Igel und Vögel brauchen die schützenden.

Allerdings hat der Bauhof in Haar schon bisher die umstrittenen Hilfsmittel sparsam eingesetzt. Die besonders kritisierten Sauggeräte mit Häckslern habe man nicht genutzt, sagt Brand. Auch sonst gibt man viel auf seine Umweltkompetenz. Die Fahrt mit Maksut Maksuti und seinem Kollegen Bernhard Westermayr im Bauhof-Kleinlaster durch die Gemeinde ist auch eine Tour durch ein farbenreiches Herbstidyll. Am Freizeitgelände am Wieselweg steht das Gras auf einem Großteil der Wiese hoch, weil nur ein Mal im Jahr gemäht wird.

Gullis drohen zu verstopfen

Diesen Sommer nahm das Grün-Team an einer Fortbildung zum Artenschutz teil. "Das war gut", sagt Maksuti, "weil man dann den Leuten das auch erklären kann." Das Laub pusteten Maksuti und seine Leute, als es noch erlaubt war, oft unter Hecken oder Büsche, damit sich Tiere dort verkriechen konnten. Ob im Frühjahr auf den von Laub bedecken Wiesen wieder Blumen sprießen, bezweifelt er. Der Herbstwind werde das Laub noch gewaltig durch die Straßen treiben.

Auf dem Spielplatz an der Ecke Egerlandstraße gibt es große Ahornbäume, Buchen und Eichen, die im Sommer Schatten spenden. Wie bei allen 27 Spielplätzen wird das Laub aus den Sandkästen und unter den Schaukeln entfernt. Aber der Rest bleibt. "Ich bin gespannt, wie die Leute reagieren", sagt Maksuti, "die Leute müssen sich daran gewöhnen, dass es nicht mehr so sauber aussieht." Parkplätze dürften bald voll Laub sein, weil unter parkenden Autos kein Laub mehr herausgeblasen werden kann. Gullis drohen zu verstopfen. Damit auf matschglattem Laub keine Unfälle passieren, dürfen auf Wegen zur Erfüllung der Verkehrssicherungspflicht weiter Blasgeräte eingesetzt werden.

Johanna Kakrow findet es in Ordnung, wenn diese nur noch in Ausnahmefällen Lärmen. Sie schaut, unterwegs mit Hund Picco, auf Höhe von Gitti's Waldwirtschaft interessiert auf die Bauhofleute in ihrer orangefarbenen Montur. Sie werde am Wochenende das Laub in ihrem Garten zusammenrechen, sagt sie. Am Montag ist Gartenabfallabholung. "Sauber", sagt sie, als sie von der Neuregelung für die Bauhofleute hört, "da habt ihr viel Arbeit."

© SZ vom 24.10.2020

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