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Corona-Krise:"Die Leute drehen durch"

Grünwald, Hotel Alter Wirt, Restaurant, derzeit geschlossen, Foto: Angelika Bardehle

Gehen bald vielerorts für immer die Lichter aus? Für die Gastronomie, aber auch andere Branchen ist die Lage ernst.

(Foto: Angelika Bardehle)

Viele Mittelständler und Solo-Selbständige haben ihre Reserven aufgebraucht, die Altersvorsorge aufgelöst und können nicht mehr. Rudolf Denzel, Münchner Kreisvorsitzender der Mittelstandsunion, fordert mehr Klarheit.

Interview von Claudia Wessel, Aschheim

In Ottobrunn schließt eine Schneiderei, in Aschheim macht ein Friseur dicht, viele Wirte geben auf. "Es wird schätzungsweise zwischen 20 und 40 Prozent der Unternehmen in den besonders betroffenen Branchen im Landkreis München treffen", sagt Rudolf Denzel. Der Aschheimer ist Vorsitzender des Kreisverbands München-Land der Mittelstandsunion, deren Landesvorstand den harten Lockdown von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mittlerweile kritisiert.

SZ: Viele Unternehmen haben die harten Corona-Maßnahmen zunächst mitgetragen. Warum ist die Stimmung gekippt?

Rudolf Denzel: Viele Mittelständler und Solo-Selbständige haben ihre Reserven aufgebraucht, die Altersvorsorge aufgelöst und können nicht mehr. Sie sind finanziell und nervlich am Ende. Da muss sich dringend was tun. Der soziale und wirtschaftliche Kollateralschaden ist existent, gefährlich und im Umfang noch gar nicht einschätzbar. Selbständige, die - überspitzt ausgedrückt - jetzt auf der Straße stehen, das ist eine psychische Belastung, die krank macht. Die fallen ja auch wieder der Allgemeinheit zur Last, obwohl sie eigentlich kreative Menschen sind. Extrem betroffen sind die Künstler. Dieser Branche geht es sehr schlecht, alle versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten. Da ist ein ganzer Bereich betroffen, die Leute drehen durch, ihnen fehlt die Anerkennung. Viele, die ihr regelmäßiges Einkommen haben, sind eher für den harten Lockdown. Aber die anderen fragen sich, wohin.

Was fordern Sie?

Unser gemeinsames Ziel in der Mittelstandsunion ist, wieder ein normales Leben zu führen. Um das zu erreichen, brauchen wir eine klare Perspektive, genaue Vorgaben, was wann geschieht.

Wenn man immer nur auf die Inzidenzwerte schaut, wird man nie etwas vorhersagen können. Was schlagen Sie vor?

Warum dürfen Friseure öffnen und Kosmetikstudios nicht? Es gibt doch auch viele Menschen, die können sich die Zehennägel nicht selbst schneiden. Wo ist die Ansteckungsgefahr in Blumenläden, bei Lokalen oder dem Einzelhandel mit hervorragenden Hygienekonzepten? Es gibt keine Belege, dass hier vermehrt Ansteckungsgefahr herrscht, schon gar nicht im Vergleich zu Schulen oder S-Bahn und Trambahn. Viele Unternehmer verstehen einfach viele Einschränkungen nicht, sie haben sich zum Teil so viele Investitionen für Hygienemaßnahmen geleistet. Die sind sauer.

Gewerbeverband fordert Öffnung

Einen deutlichen Appell hat der Gewerbeverband Hohenbrunn und Riemerling an die politischen Entscheidungsträger gerichtet: In einer Pressemitteilung fordert er ein "Öffnungskonzept mit klarer, nachvollziehbarer Strategie, welches bei der nächsten Ministerpräsidenten-Konferenz am 3. März beraten und beschlossen wird", um den Betrieben ein Überleben "aus eigener Kraft" zu ermöglichen. Darin solle eine "verlässliche Öffnungsperspektive für die Wirtschaft" ebenso enthalten sein wie eine Liquiditätssicherung für Unternehmen inklusive steuerlicher Erleichterungen. Mit Nachdruck fordern die Gewerbetreibenden die rasche Auszahlung der zugesagten Hilfsleistungen.

Aus Sicht der Unternehmer ist die Umsetzung dieser Maßnahmen günstiger als der Lockdown, der monatlich nicht nur circa 20 Milliarden Euro koste, sondern auch "gesellschaftlichen Zusammenhalt und Vertrauen". Die Initiative begründet der Gewerbeverband um Vorsitzenden Ivo Fuhrmann mit der massiven Insolvenzwelle, die durch den Lockdown zu erwarten sei. Es gehe um Tausende Arbeits- und Ausbildungsplätze und um Existenzen. "Und es geht darum, dass die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen nicht mehr gegeben sein wird, wenn jetzt nicht gehandelt wird." Andererseits stellt der Gewerbeverband klar, dass er die Notwendigkeit des Gesundheitsschutzes keineswegs infrage stelle. "Es muss aber auch anerkannt und honoriert werden, dass die Unternehmen bereits im letzten Jahr ausgefeilte Hygiene- und Abstandskonzepte erarbeitet haben, die einen bestmöglichen Gesundheitsschutz gewährleisten", heißt es in dem Schreiben. stga

Was fürchten Sie, falls Söder hart bleibt?

Wir laufen in eine Zwei-Klassengesellschaft und in eine Neid-Gesellschaft. Es gibt diejenigen, die unabhängig von den Einschränkungen regelmäßig ihr Geld erhalten, etwa Beamte oder Rentner, und diejenigen die nicht automatisch ihr Konto aufgefüllt bekommen. Die Politik muss sich auch Gedanken darüber machen, wie diejenigen, die am meisten betroffen sind, wieder auf die Beine kommen. Der Mittelstand wird wohl die meisten Kosten tragen müssen.

Rudolf Denzel, Kreisvorsitzender der Mittelstandsunion München-Land der CSU (MU)

Rudolf Denzel ist Kreisvorsitzender der Mittelstandsunion München-Land, in dem sich die Unternehmer innerhalb der CSU zusammengeschlossen haben. Er selbst führt eine Finanzberatung in Aschheim.

(Foto: Florian Peljak)

Welche Auswirkungen hätte das im Landkreis München?

Dann wird es schlimm und echt ein Problem. Dann trifft es den reichen Landkreis auch. Wir sind der reichste und auch der größte in Bayern. Wir haben auch viele Bereiche, die sehr gut laufen, die Immobilienpreise steigen, Handwerker sind kaum zu kriegen. Uns geht schon recht gut, aber die Gastronomie und der Tourismus werden ernsthafte Schäden erleiden und es wird Jahre dauern, bis sich das wieder ausgeglichen hat. Wenn die Unternehmer Kredite aufgenommen haben, wie sollen sie die zurückzahlen? Wenn das über Ostern zu bleibt, dann sehe ich ganz schwarz. Für unser gesellschaftliches Leben ist es ja ganz wichtig, dass sich alle wieder im Gasthaus treffen können, die Burschen, die Parteien, aber auch die jungen Leute überhaupt. Wie sollen die jemanden kennenlernen? Wir sind ja im Landkreis auch Vereinsmeier, wir versuchen, die Jugend am Ort zu halten, indem wir etwas anbieten. Und der Sport im Freien ist angeblich gesund, aber verboten. Das kann auf Dauer ja nicht sein.

Trotz allem glauben Sie, dass der Landkreis München stärker aus der Pandemie herauskommen wird als viele andere. Warum?

Wir haben viele Bereiche, denen die Krise nichts ausmacht, etwa Nahrungsmittel und Bauwirtschaft, das sind gute Steuerzahler. Daher werden im Landkreis auch weiterhin die Wirtschaft und der Mittelstand blühen. Große Hoffnung macht mir auch die Einführung der Schnelltests und das Impfen, aber es zieht sich leider hin.

© SZ vom 23.02.2021
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