Kinderarmut im Landkreis:Abgehängt vom Boom

Lesezeit: 3 min

Kinderarmut

Ein Blick auf den Schulhof, sagt Gabriele Stark-Angermeier, reiche oft, um die Unterschiede zu sehen.

(Foto: dpa)

Kinderarmut existiert auch in einer reichen Region wie München. Im Landkreis leben 6300 Kinder und Jugendliche von Hartz IV. Durch den Wohlstand der großen Mehrheit wird ihre Not besonders augenfällig.

Von Stefan Galler und Martin Mühlfenzl, Landkreis

Ein Blick auf den Schulhof, sagt Gabriele Stark-Angermeier, reiche oft, um die Unterschiede zu sehen. "Meistens sind es ja die Kinder selbst, die erkennen, wo und ob Geld in Familien da ist", sagt die Leiterin der Caritas im Landkreis München. "An Markenklamotten kann man das ganz gut festmachen. Und Kinder und Jugendliche tun das auch."

Am Montag hat die Bertelsmann-Stiftung ihren Bericht "Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche" veröffentlicht, demzufolge die Kinderarmut in der Republik trotz ausgezeichneter Wirtschaftsdaten seit 2011 weiter angestiegen ist. Von den erschreckenden Werten nord- oder westdeutscher Städte wie Bremerhaven oder Gelsenkirchen, wo 40,5 Prozent respektive 38,5 Prozent der unter 18-Jährigen als arm gelten, ist der Landkreis München zwar weit entfernt; doch auch in einer der reichsten Regionen Europas sind Kinder und Jugendliche in Not tatsächlich keine Seltenheit.

Armutsquote von sechs Prozent

Derzeit beziehen etwa 6300 unter 18-Jährige Grundsicherung. Die Armutsquote bei Kindern und Jugendlichen im Landkreis liegt damit bei etwa zwei Prozent. Die aller Landkreisbürger bei etwa sechs Prozent.

Als Johannes Schuster mit seinen Mitstreitern im Jahr 2008 die Pullacher Tafel ins Leben gerufen hat, war er sich nicht sicher, ob es "so etwas überhaupt braucht". Schuster sagt: "Das lag auch daran, dass es zu diesem Thema überhaupt oder kaum Daten gibt. Alles ist in diesem Land zu erfassen, aber nicht, ob und wie viele Menschen auf Lebensmittel, Kleidung oder andere Alltagsgegenstände angewiesen sind." Heute weiß Schuster, dass es die Ausgabe in Pullach, die auch für Baierbrunn und das Stadtviertel Alt-Solln verantwortlich zeichnet, natürlich braucht. Die Nachfrage steigt kontinuierlich an. "Obwohl nach wie vor nur ein Sechstel der Bezugsberechtigten unser Angebot überhaupt in Anspruch nimmt."

Mittlerweile aber geben Tafeln im Landkreis zu Schulbeginn nicht nur an Erstklässler, sondern an alle anderen Grundschuljahrgänge aus. Dabei geht es nicht nur um Essen, auch die teuren Schulsachen können sich viele Eltern schlicht nicht mehr leisten.

In einer wohlhabenden Region lässt sich Armut nicht verstecken

Es gibt, sagt Gabriele Stark-Angermeier, aber noch immer eine "tief ausgeprägte Scham", wenn es darum geht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und es existiert eine "Spirale nach oben", die Armut sichtbar macht. So beschreibt Elsbeth Hülsmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Oberbayern ein Phänomen, das den Landkreis München etwa von Gelsenkirchen oder Bremerhaven unterscheidet. "Wenn sich soziale Verhältnisse, wie eben in ärmeren Regionen der Republik, angleichen, wenn mehr Menschen von Armut betroffen sind, dann ist diese nicht mehr so offensichtlich", sagt Hülsmann. "Und das ist in so einer wohlhabenden Region wie der unseren eben anders. Denn natürlich gibt es bei uns Armut unter Kindern und Jugendlichen."

Diese sei, wie die Bertelsmann-Stiftung belegt und die Abteilung für Soziales im Landratsamt bestätigt, vor allem bei Alleinerziehenden stark ausgeprägt. Diese müssten besonders oft die Grundsicherung nach Sozialgesetzbuch II in Anspruch nehmen, besser bekannt als Hartz IV. "Das ist für uns ein bekanntes Thema", sagt Stark-Angermeier. "Für Alleinerziehende ist es besonders schwer, auf die Füße zu kommen. Den meisten gelingt das erst wieder, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Und bis dahin leiden auch die Kinder."

Es fehle im Landkreis München aber nicht am Essen, an der Kleidung, sondern an der "Grundausstattung", wie Stark-Angermeier erläutert. Im Kindergarten, in der Schule oder bei Förderkursen und Freizeitangeboten könnten manche Bedürfnisse der Kinder durch die Eltern einfach nicht mehr erfüllt werden. "Wir erfahren das bei der Caritas erst dann, wenn es so weit ist", sagt sie. "Dann gehen wir auf die Eltern zu und suchen Lösungen. Wir müssen Warnsignale sehr früh erkennen."

Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander

In der Landkreisverwaltung weiß man seit Jahren um das Problem, dass auch in dieser vermeintlich wohlhabenden Gegend, in der die Arbeitslosenquote aktuell nur 1,1 Prozent beträgt, die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinandergeht. Bereits 2008 hatte der Kreistag unter der Leitung der damaligen Landrätin Johanna Rumschöttel (SPD) einen Armutsbekämpfungsplan erarbeiten lassen, der dieser Entwicklung entgegenstehen sollte. Allerdings sind die meisten Maßnahmen zur Unterstützung bedürftiger Kinder und Jugendlicher im Bildungspaket des Bundesarbeitsministeriums von 2014 zusammengefasst.

Auch Gabriele Stark-Angermeier sähe es gern, wenn die kommunale Ebene mehr Kompetenzen bei der Bekämpfung der Kinderarmut hätte. Vor allem Langzeitarbeitslose würden "immer mehr zermürbt", kritisiert die Caritas-Chefin. "Ständig werden Leistungen zurückgefahren." Das wirke sich natürlich auf die Familien und somit auf die Kinder und Jugendliche auf. "Der einzelne Betroffene empfindet das natürlich als Schikane", sagt Stark-Angermeier. "Und für jeden Antrag auf Teilhabe für Kinder müssen sie unzählige Formulare ausfüllen. Da sind sie auch als Akademiker lange beschäftigt."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB