Bildende Kunst:Unermüdlich mäht der Roboter

Mit verspielten und humorvollen Arbeiten setzen sich Studierende der Münchner Kunstakademie im und um den Ismaninger Schlosspavillon mit dem Thema Garten auseinander.

Von Udo Watter, Ismaning

An dem Tag, an dem die Friseure ihren Kunden die Haare nicht schneiden, sieht auch der Mähroboter im Ismaninger Schlosspark vom Kürzen der Grashalme ab. "Montag ist Ruhetag", heißt es für den automatisierten Rasenmäher, der den Rest der Woche die Wiese vor dem Schlosspavillon schnurrend umkreist: Dabei mäht er die Signatur des Künstlers Tornike Abuladze in georgischer Schrift immer wieder groß in den Rasen.

"Das ist für einen Künstler schon eine ziemliche Geste", sagt Rasmus Kleine, der Leiter des Ismaninger Kallmann-Museums zu dieser originellen Land-Art-Signatur, "und sie ist auch ein bisschen brutal." Über den kontinuierlich fahrenden Mähroboter eignet sich der Künstler gleichsam die Natur an, die er wiederum nicht zur Wiederentfaltung kommen lässt - außer wenn die Maschine kurz zum Aufladen muss oder eben Montag ist.

Die Arbeit Abuladzes, die natürlich auch eine gewisse Absurdität im Verhältnis zwischen Maschine und Natur atmet, ist Teil einer besonderen Gruppenausstellung, die jetzt in der Galerie im Schlosspavillon zu sehen ist: "Garten Arbeiten" versammelt die Werke von sechs Studierenden der Kunstakademie München, alle aus der Klasse von Peter Kogler. Ausgewählt wurden die Werke, die sich auf vielfältige Weise - Skulpturen, Papierarbeiten, Videos, Aktionen und Land-Art- mit Garten, der Natur und der Gartenarbeit des Menschen auseinandersetzen, im Rahmen eines Wettbewerbs durch den Akademieverein München.

Kleine, Leiter des benachbarten Kallmann-Museums und erster Vorsitzender des Akademievereins, hatte das Projekt lanciert, ausgehend von der Fragestellung, wie man hier mit jungen Künstlern eine Ausstellung gestalten könne, die auch einen Bezug zum Ort und zum Park haben sollte. Es gab etliche Bewerbungen, durchgesetzt hat sich die sechsköpfige Gruppe mit den Protagonisten Abuladze, Julie de Kezel, Ludwig Dressler, Lionel Nymphius, Sebastian Quast und Julia Walk. Ihre Werke interagieren dabei sowohl mit dem historischen Schlosspavillon wie mit der umgebenden Gartenlandschaft. Ironisch, ernsthaft, kritisch, irritierend.

"Wir wollten mit dieser Thematik spielen", sagt Ludwig Dressler. Seine Videoinstallation "Gartenabteilung" zeigt zum einen eine filmische Erfassung sämtlicher Regale der Gartenabteilung eines örtlichen riesigen Baumarktes, zum anderen einen Zusammenschnitt kurzer Videosequenzen, in denen genau diese zahllosen Produkte (Grills, Grillanzünder, Spaten, Gartensessel, Schirme, Mähroboter et cetera) gleichzeitig auf Youtube besprochen und angepriesen werden.

Es sind 230 Videos, zusammengefasst in einem 15-minütigem Film, entstanden beim Zappen durch Youtube. "Ich beschäftige mich schon länger mit Videokultur," sagt der 23-jährige Dressler, "ich wollte ein Video machen, das auch die Masse an Verfügbarkeiten zeigt." Als Beobachter beider Filme ist man zum einen visuell gefordert, zum anderen wird man in der Tat ein wenig erschlagen von der Quantität der Dinge, welche die schöne neue Konsumwelt in ihrer charakteristischen Ausuferung zeigt.

Kontrastiv dazu ist davor im Eingangsbereich der Galerie im barocken Pavillon eine quasi-romantische Installation aufgebaut, die durchaus kitschverdächtig ist. Julie De Kezel hat hier aus Papier, Licht und einem Video eine Oase inmitten des Gebäudes entworfen. "Es ist eine Fantasielandschaft", sagt die 25-jährige Belgierin. "Ich spiele hier mit der Grenze zum Kitsch."

Inspiriert vom barocken Ambiente des Ortes, dem ja auch immer eine gewisse Dekadenz innewohnt, sowie den im 19. Jahrhundert beliebten Wintergärten, ist die mit vielen kleinen Details aus der Natur, aber auch künstlichen Stoffen angereicherte Installation ein Hingucker. Vom Kronleuchter hängende Streifen simulieren herabrieselnden Schnee, es gibt Krokusse, Moos und Murmeln auf der weißen Fläche zu entdecken, in deren Mitte ein digitaler Teich blinkt. "Alles sehr verspielt", findet de Kezel, die auch viel mit Schmuck arbeitet.

Für junge Künstlerinnen wie sie und ihre Studienkollegen ist es eine schöne und seltene Gelegenheit, sich prominent zu präsentieren. Kleine, der vor allem dafür verantwortlich zeichnet und die Galerie im Pavillon bei Kuratorin Gisela Hesse gemietet hat, freut sich: "Uns hat gefallen, dass die Arbeiten an Lebenswelten anschließen und zugänglich sind." Zeitgenössische Kunst weckt ja nicht immer sofort herzlichste Resonanz und Verständnis. "Es hat eine Leichtigkeit und Humor", sagt er.

In der Tat wohnt etwa auch den Keramikskulpturen des Schweizers Sebastian Quast, die in einem Flügelraum den Boden dekorieren, ein Augenzwinkern inne: Es sind glasierte Hinterteile von Gartenteichenten aus Plastik, die ihre Köpfe im Parkett zu verstecken scheinen, als flüchteten sie in andere Sphären. Sie gründeln gleichsam im denkmalgeschützten Ambiente.

Schön auch Julia Walks "Bildnis einer Ismaningerin" im selben Raum: Vor schwarzem Hintergrund und goldumrahmt ist ein Frauengesicht zu sehen, das wie ein barockes Porträt anmutet, aber bei genauerem Hinsehen mit Kraut und Kohlblättern dekoriert ist, natürlich Ismaninger Herkunft. Die Künstlerin scheint ohnehin sehr fasziniert von diesem Teil der Ortsgeschichte zu sein: Zur Finissage, die Ausstellung endet am 12. September, ist ein sommerliches Gartenfest mit kollektivem Krautkochen geplant. Walk bietet dabei an, mutigen Besuchern den eigenen Kopf bei einem Face Painting zum Krautkopf umzugestalten.

Nicht ganz so humorschwanger ist die Arbeit von Lionel Nymphius im anderen Flügelraum: seine Betonquader mit Kunstrasen wecken in ihrer reduzierten Anmutungen Assoziationen an moderne Stadtsilhouetten, in der begrünte Dächer die Natur in die urbane Ödnis bringen. "Eine Kompensation der Trostlosigkeit", so Kleine.

Ja, das Spannungsfeld zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Künstlichkeit, Barock und zeitgenössischer Kunst ist groß, für den konservativen Blick mag manches irritierend sein. Der örtliche Schlosspark gilt ja als englischer Landschaftsgarten, in dem sich die Natur freier entfalten soll, als Abgrenzung zum französischen Barockgarten mit seinen strengen, geometrischen Formen. Dass hier mal auf großer Wiese ein Mähroboter seine kunstvollen Kreise drehen würde, hätten sich seine historischen Gestalter aber wohl auch nicht vorstellen können.

Die Ausstellung "Garten Arbeiten - die Kunstakademie zu Gast im Schlosspavillon" dauert bis 12. September. Geöffnet dienstags bis samstags 14 bis 17 Uhr sowie sonntags 13 bis 17 Uhr.

© SZ vom 18.08.2021/wkr
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