Oberschleißheim:Ein falscher Banksy ist mehr Kunst als Sachbeschädigung

Oberschleißheim: Mit Liebe gegen den Überwachungsstaat: das Wandbild eines anonymen Graffiti-Künstlers in Oberschleißheim.

Mit Liebe gegen den Überwachungsstaat: das Wandbild eines anonymen Graffiti-Künstlers in Oberschleißheim.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mit seinem Graffito beeindruckt ein unbekannter Sprayer in Oberschleißheim sogar die Polizei - auch wenn sich das Werk gegen sie richtet: "Künstlerisch hat er es drauf, und mit Kritik können wir ja leben"

Von Wolfgang Krause, Oberschleißheim

Ein Torso in martialischer Polizeiuniform, der statt des Kopfes eine Überwachungskamera trägt und ein knallig rotes Herz wie einen Luftballon an einer Schnur hält - das Motiv, das ein unbekannter Graffiti-Künstler auf dem Gelände des ehemaligen Rewe-Marktes am Stutenanger in Oberschleißheim hinterlassen hat, erinnert Passanten wohl nicht zufällig an Werke des populären Street-Art-Künstlers Banksy.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass andere Sprayer den Stil des bekanntesten Vertreters der Genres kopieren. Manchen gelingt es tatsächlich, dass ihr Werk für echt gehalten wird. In Zürich sprühten die Macher des Schweizer Online-Magazins Izzy 2019 eine maskierte Figur mit einem überdimensionalen, zerfledderten Dollarschein an die Fassade einer Galerie, in der gerade eine Banksy-Ausstellung stattfand.

Die Schweizer Medien spekulierten tagelang darüber, ob der britische Künstler, der seine Identität seit Jahren verheimlicht und Anfragen nicht beantwortet, tatsächlich selbst in Zürich vorbeigeschaut und ein Geschenk hinterlassen hatte. Die Banksy-Fans standen Schlange, um sich vor dem Werk fotografieren zu lassen, bis die Urheber der Aktion das Rätsel in einem Video auflösten.

Im April 2021 griffen Schweizer Klimaaktivisten die Idee auf und schmuggelten ein eigenes Bild in eine echte Banksy-Ausstellung. Die Aufmerksamkeit, die der Coup erregte, nutzten sie anschließend für ihre Sache.

Wenn kein Schaden entstanden ist, ist es keine Sachbeschädigung

Auch in München findet aktuell eine Ausstellung statt, die dem britischen Künstler gewidmet ist. Dass es sich bei dem Oberschleißheimer Graffito um einen echten Banksy handeln könnte, kann man bei näherem Hinsehen aber wohl ausschließen. Der Leiter des Ismaninger Kallmann-Museums, Rasmus Kleine, hebt zwar die klare politische Aussage des Bildes hervor ("Liebe gegen den Überwachungsstaat"), findet aber, dass es vom Motiv und von der Ausführung her "nicht die Qualität hat, dass man sagt: wow!". Außerdem spricht seiner Meinung schon der eher versteckt gelegene Ort dagegen, dass der Meister selbst am Werk war.

Das Bild wird deshalb vermutlich auch nicht durch eine Plexiglasscheibe vor Wind, Wetter und Vandalismus geschützt werden, wie dies in Zürich sofort geschehen ist. Eine Verurteilung wegen Sachbeschädigung muss der unbekannte Künstler andererseits wohl auch nicht fürchten.

Das liegt weniger daran, dass man bei der Oberschleißheimer Polizei - unabhängig von der politischen Aussage - durchaus zu unterscheiden weiß, was Street-Art ist und was bloße Schmiererei. "Wenn es nicht gerade um den Protest gegen den in der Realität nicht existierenden Polizeistaat Bayern gehen würde, würde ich sagen: Der hat sich richtig Mühe gegeben", erklärt der stellvertretende Dienststellenleiter Thomas Köglmeier. "Künstlerisch hat er es drauf, und mit Kritik können wir ja leben."

Vor einer möglichen Strafe schützt den Oberschleißheimer Banksy vielmehr vor allem, dass er das Bild nicht auf die Mauer gesprüht hat, sondern auf eine daran befestigte Bretterwand. "Wenn das auf alten Schaltafeln angebracht ist, dann ist da kein Schaden entstanden", sagt Köglmeier, "also ist es auch keine Sachbeschädigung." Vielleicht bewegt das den Urheber ja, sich zu erkennen zu geben. Oder er genießt weiterhin in aller Stille die Aufmerksamkeit, die sein Werk erregt - so wie der echte Banksy.

© SZ vom 12.08.2021
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