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Kommunalwahl im Landkreis München:Der Titelverteidiger ist vorsichtig

Christoph Göbel auf Delegiertenversammlung der CSU München-Land, 2019

Dieses Mal geht Christoph Göbel (CSU) mit dem Amtsbonus ins Rennen: Der Landrat bewirbt sich bei der Kommunalwahl am 15. März um eine zweite Amtsperiode - gegen vier Herausforderer.

(Foto: Claus Schunk)

Christoph Göbel weiß, dass er als Favorit in die Wahl geht. Doch der CSU-Landrat meidet zu große Siegesgewissheit - trotz der breiten Zusammenarbeit im Kreistag in den vergangenen sechs Jahren.

Bürgermeister ist Christoph Göbel in seiner Heimatgemeinde Gräfelfing zwar seit seiner Wahl zum Landrat 2014 nicht mehr, ein anderes wichtiges Amt hat er dort aber immer noch inne: das des Vorsitzenden im örtlichen Sportverein. Nicht nur deshalb weiß der 45 Jahre alte CSU-Politiker, wie es sich anfühlt, wenn einer im Wettkampf der klare Favorit ist: "Das ist die gefährlichste Situation überhaupt", sagt Göbel. Deshalb müsse man jede Auseinandersetzung "mit viel Respekt angehen".

Jener Wettstreit, dem sich Göbel am 15. März stellt, ist kein sportlicher: Er kämpft darum, weiterhin Landrat bleiben zu dürfen. Dass er dabei die Favoritenrolle innehat, daran dürften auch seine Gegenkandidaten keinen Zweifel haben. Immerhin hat der Würmtaler nicht nur den Startvorteil des Amtsinhabers, er kommt mit seiner anpackenden und doch stets um Konsens bemühten Art auch gut an bei der Bevölkerung - und sogar beim Großteil seiner politischen Gegner.

Und dennoch bleibt Göbel extrem defensiv: Man dürfe nicht meinen, "dass es sowieso klappen wird". Alleine schon die kaum zu prognostizierende Wahlbeteiligung könnte ihm einen Strich durch die Rechnung machen, schließlich sei bei allen Wahlen mitentscheidend, wie gut die jeweiligen Kandidaten ihre Anhänger mobilisieren könnten. "Und Stichwahlen hat sowieso der Teufel gesehen."

In der Tat fielen die beiden jüngsten Entscheidungen um den Posten des Landrats immer erst in der zweiten Runde: 2008 besiegte Johanna Rumschöttel (SPD) in der Stichwahl überraschend den langjährigen Chef des Landratsamtes, Heiner Janik (CSU), mit 54,1 zu 45,9 Prozent; die Wahlbeteiligung lag bei mageren 36 Prozent. 2014 war es Göbel, der in der Stichwahl gegen die Sozialdemokratin Annette Ganssmüller-Maluche mit 55,3 zu 44,7 Prozent gewann - bei 38,3 Prozent Wahlbeteiligung.

"Man kann in dieser Funktion nicht sortenreine CSU-Politik machen."

In seiner nun ablaufenden ersten Amtsperiode hat der Jurist Göbel in den Kreisgremien nur selten politische Ansichten forciert, die denjenigen der SPD-Fraktion konträr gegenüberstehen würden. Überhaupt schaffte es Göbel überraschend oft, die anderen Fraktionen bei seinen Plänen mit ins Boot zu holen. Was auch daran liegt, dass er sich bei seiner Amtsführung keineswegs als stramm konservativer Parteisoldat gibt. "Man kann in dieser Funktion nicht sortenreine CSU-Politik machen", sagt der Landrat. Man müsse auf vielen Gebieten sehr soziale Entscheidungen treffen, etwa in der Asylfrage. Der Landkreis hatte von Beginn an auf pragmatische Lösungen gesetzt, anstatt sich über die enorme Aufgabe der Unterbringung und Integration der Flüchtlinge zu beschweren.

Dass er damit den Kurs der damals von Horst Seehofer geführten Staatsregierung zeitweise ziemlich kreuzte, habe sein Ansehen in der Partei keineswegs geschmälert, versichert Göbel. So sei der heutige Ministerpräsident und Parteichef Markus Söder, den er schon lange persönlich kennt, von Göbels Weg bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme sogar sehr angetan gewesen. Eines aber steht für den Landrat fest: "Die Aufnahme der Asylbewerber war die größte Herausforderung in den letzten sechs Jahren, die mich auch viel Schlaf gekostet hat." Dabei vergisst Göbel nicht, die Rolle der Kreisräte und Kommunen zu loben: "Ich bin auch im Nachhinein noch sehr froh, dass der Kreistag und alle 29 Bürgermeister einmütig hinter unserem Vorgehen gestanden sind."

Göbel gibt gerne den verständnisvollen Entscheider, der zwar nie einen Zweifel daran lässt, wer das Sagen in den Ausschüssen hat, es aber dennoch versteht, den Antragsstellern im Gremium das Gefühl zu geben, auch irgendwie wichtig zu sein. Die anderen Fraktionen lassen sich oft von der Argumentation des Chefs überzeugen; seltener kommt es vor, dass Göbel derjenige ist, der fremde Positionen übernimmt. So musste er bei den Verhandlungen über die Tarifreform erkennen, dass sich die SPD-Bürgermeister aus den Nordgemeinden mit einer 1-B-Lösung nicht zufrieden gaben und - letztendlich erfolgreich - Nachbesserungen einforderten.

In der Klimapolitik wiederum war es Göbel, der proaktiv grüne Positionen bezog. Mittlerweile hat auch die CSU-Spitze erkannt, dass Umwelt- und Energiepolitik eine hohe Bedeutung haben müssen. "Für uns auf Kreisebene ist es doch gut, dass wir jetzt unseren Kurs nicht mehr ändern müssen", sagt Göbel und es klingt fast ein bisschen schnippisch. Der 45-Jährige sieht keinen Grund, sich bei den Parteioberen einzuschmeicheln, einerseits weil er nicht daran glaubt, dass ihn CSU-Chef Markus Söder für eine andere Aufgabe vorgesehen hat, alleine schon wegen des Regionalproporzes: "Florian Hahn ist zweiter Generalsekretär, Kerstin Schreyer Ministerin. Drei aus einem Landkreis werden wohl kaum in herausragende Positionen gebracht." Außerdem ist er gar nicht an einem anderen Job interessiert.

Der Landrat hält es nach eigener Aussage mit Cäsar, der einst beim Anblick einer kleinen Stadt in den Alpen ausgerufen haben soll: "Ich möchte lieber der Erste hier als der Zweite in Rom sein." Obwohl der Vater von zwei Buben einräumt, dass er durch seinen Beruf wegen der hohen Termindichte über große Zeiträume des Jahres "fremdbestimmt" sei, ist Göbel mit Leib und Seele Landrat. Diese Mischung aus politischen und administrativen Aufgaben ist es, was ihn als Rechtswissenschaftler reizt: "Ich habe hier 1300 Beschäftigte, das Landratsamt ist vergleichbar mit einem mittelständischen Unternehmen."

Mit einem, das nur wenige finanzielle Sorgen hat. Denn dem Landkreis geht es gut - und das macht es auch für Göbel leichter, die politischen Gegner in Schach zu halten: "Weil wir wirtschaftlich so gut dastehen, können wir auch viele verschiedene Anliegen verfolgen. Wäre das nicht so, müssten wir Prioritäten setzen - und die würden da und dort von Fraktion zu Fraktion unterschiedlich ausfallen", sagt der Landrat, der allerdings auch genau weiß, wie er die anderen auf seine Seite zieht.

So sorgte er dafür, dass nach seiner Wahl 2014 jede Fraktion im Kreistag einen seiner Stellvertreter benennen durfte. "Ich bin gut damit gefahren, die Fraktionen breitflächig in die Arbeit einzubinden", sagt Göbel, lässt aber offen, ob er diesen Schachzug im Falle einer Wiederwahl wiederholen wird. So oder so stellt sich Göbel auf ungemütlichere Jahre ein, schließlich gehe es dem Landkreis "gut, manchmal zu gut". Er gehe davon aus, "dass uns das alte Thema soziale Sicherung wieder begegnen wird". Die Autoindustrie sei im Wandel, das werde auch auf die Beschäftigung im Landkreis Auswirkungen haben.

Was seine eigene berufliche Zukunft angeht, bleibt der Landrat gelassen: "Ich habe keinen Plan B und auch weder Lust noch Zeit, darüber nachzudenken."

Alle Berichte, Reportagen und Analysen zur Kommunalwahl unter www.sueddeutsche.de/thema/Kommunalwahl_im_Landkreis_München.

© SZ vom 21.01.2020