Katastrophenschutz:Im Ernstfall nur bedingt einsatzbereit

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Zwar hält der Landkreis viele Rettungskräfte bereit, doch die Bevölkerung warnen können nur zwei Sirenen. Und der Leitstand wäre in einem Keller ohne Mobilfunknetz.

Von Martin Mühlfenzl

Die Bedrohungslage in den Siebzigern und Achtzigern haben die Biermösl Blosn satirisch in ihrem Lied "Da Russ" besungen. Es herrschte eine latente Gefahr, das beständige Gefühl, die Rote Armee könnte einmarschieren. "Der Katastrophenschutz war damals voll hochgefahren", erinnert sich Ottobrunns Feuerwehrkommandant Eduard Klas, während er auf den Turm der Wache und die Sirene blickt. Es ist neben der in Neubiberg eine von nur noch zwei Anlagen, die technisch dazu in der Lage ist, die Bevölkerung im Notfall zu warnen. Die Ottobrunner haben sie vor zwei Jahren selbst nachgerüstet. In den allermeisten Kommunen wurden sie mit Ende des Kalten Krieges dagegen abmontiert.

Katastrophenschutz: Die Feuerwehr bahnt sich ihren Weg über das Wasser, vorbei an überschwemmten Biergartenmöbeln.

Die Feuerwehr bahnt sich ihren Weg über das Wasser, vorbei an überschwemmten Biergartenmöbeln.

(Foto: Claus Schunk)

Wie aber wird die Bevölkerung heute gewarnt, wenn es zu extremen Ausnahmesituationen kommt, die - wie die verheerenden Sturzfluten und Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zeigen - immer häufiger werden? Und wie ist der Katastrophenschutz im Landkreis darauf vorbereitet?

Den Klassiker, die Sirene, gibt es zwar in 24 der 29 Kommunen im Landkreis noch, aber nur die in Ottobrunn und Neubiberg können das spezielle Warnsignal aussenden, alle anderen müssten nachgerüstet werden. Wenn es zu einem Extrem-Ereignis kommt, etwa einem Hochwasser am Hachinger Bach oder an der Isar, einem tagelangen Stromausfall, dem Austritt von chemischen Stoffen oder einem Reaktorunfall am Forschungsreaktor in Garching, laufen alle organisatorischen Fäden im Landratsamt am Mariahilfplatz in München zusammen. Von dort aus wird der Katastrophenfall ausgerufen und jeder Einsatz koordiniert.

Ein eigenes Referat im Landratsamt

Im Landratsamt gibt es ein eigenes Referat "Katastrophenschutz". Kommt es zu einer Großlage, versammelt sich am Mariahilfplatz die zuständige Führungsgruppe Katastrophenschutz unter Leitung von Landrat Christoph Göbel. Von dort aus werden Warnungen etwa über die App Katwarn auf Handys abgesetzt. Grundsätzlich ist die Warnung vor Großereignissen aber Ländersache, bei Unwettern obliegt sie dem Deutschen Wetterdienst (DWD).

Göbel sagt, angesichts sich häufender Naturkatastrophen, die auch den Landkreis München treffen können, müsse bei den Vorkehrungen "zugelegt" werden; das betreffe auch sein eigenes Haus, gerade wenn es um Modernisierungen geht. Die Führungsgruppe kommt im Keller des Landratsamtes zusammen, das war schon immer so. "Da unten gibt es aber kein Mobilfunknetz", so Göbel. "Dabei läuft heute die Kommunikation über Handys."

Die Heraus- und auch Anforderungen an den Katastrophenschutz in einem stetig wachsenden Landkreis mit mittlerweile 360 000 Einwohnern seien andere als noch vor 40 Jahren, sagt Göbel. Die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk (THW) und die Rettungsdienste hätten heute mehr zu tun: Immer mehr Gewerbe, neue Forschungseinrichtungen wie in Martinsried, Taufkirchen oder Ottobrunn bedeuteten auch mehr Einsatzpotenzial. Umso wichtiger sei, dass die Kommunen in ihre Feuerwehren investieren.

Feuerwehr-Einsatzzentrale (FEZ) des Landkreises München, 2017

Von der Rettungsleitstelle im Landratsamt am Mariahilfplatz in München aus werden Feuerwehren, Rettungsdienste und andere Kräfte alarmiert. Die Führungsgruppe aber tagt im Untergeschoss.

(Foto: Claus Schunk)

Kommt es zu einer "Großlage", wie Katastrophenschützer den Ernstfall nennen, werden auch die Rettungsdienste umgehend informiert. "Da geht bei uns sofort der Pieper los. Der Katastrophenschutz gehört zu unseren wesentlichen Aufgaben", sagt Gerhard Bieber von der Johanniter-Unfallhilfe. Etwa 200 Ehrenamtliche engagieren sich bei dem Rettungsdienst. Bei Einsätzen, egal ob einem Unfall auf der A 99, Eisregen, einem Brand im Altenheim oder Hochwasser, starten bei den Johannitern sofort zwei "standardisierte Einheiten", wie Bieber sagt: zehn Einsatzkräfte in der Gruppe Transport und vier in der Einheit Behandlung; aber niemals alleine und unkoordiniert. "Wir stehen zu jeder Zeit in Kontakt mit den anderen Rettungskräften und der Führungsgruppe." Die Wege, die Bevölkerung im Katastrophenfall über Warn-Apps und Sirenen zu informieren, hält Bieber eigentlich für ausreichend, zusätzliche Möglichkeiten via SMS oder Push-Nachrichten auf das Handy könnten aber eine gute Ergänzung sein.

Geschult in Strahlenabwehr

Gut aufgestellt sieht auch Claudia Köhler, Landtagsabgeordnete der Grünen und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Unterhaching, den Katastrophenschutz im Landkreis. Auch sie erkennt in den Feuerwehren wie Göbel "die große Säule" beim Katastrophenschutz - neben den Rettungsdiensten. "Vor welchen Herausforderungen die Einsatzkräfte stehen, erkennt man an Unterhaching", sagt Köhler. "Wir haben drei Autobahnen, den Hachinger Bach, Wald außen rum und auch radiologische Praxen. Die Retter müssen also auch in der Strahlenabwehr geschult werden."

Vor allem die Nachwuchsschulung spiele eine entscheidende Rolle - und werde vom Freistaat empfindlich vernachlässigt, kritisiert sie. "Die Ausbildung ist eigentlich eine staatliche Aufgabe, aber es gibt zu wenig Feuerwehrschulen und zu wenige Angebote." Auch hält Köhler den Bau einer landkreiseigenen Feuerwehr-Übungshalle für wichtig. Diese ist für den nördlichen Landkreis in Planung. Für Landrat Göbel gehört zum Katastrophenschutz neben Ausbildung und Ausrüstung auch vergünstigter Wohnraum, wie er etwa in gerade in Putzbrunn für Feuerwehrler entsteht.

Die zwei großen Säulen des vorbeugenden Katastrophenschutzes sind laut Kommandant Klas aus Ottobrunn "Manpower" und Ausrüstung. Ersteres sei durch das flächendeckende Engagement von Ehrenamtlichen gegeben. Zur Vorbeugung gehört für die Grüne Köhler aber auch die Entsiegelung von Flächen.

Andere einst wichtige Bausteine des Katastrophenschutzes sind längst in Vergessenheit geraten. Die Tiefgarage unter der Ortsmitte in Ottobrunn war einst der größte Atomschutzbunker im Landkreis, ausgelegt auf 3000 Schutzsuchende. Und das, obwohl mit dem Garchinger Reaktor, wie Köhler sagt, noch immer eine "akute Bedrohungslage" vorhanden sei. Aber die Rote Armee gibt es halt nicht mehr.

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