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Coronavirus:"Wir sehen noch keinen Anstieg der psychischen Störungen"

Alkoholeinkauf von Jugenlichen.

Dass die Menschen jetzt mehr Alkohol kaufen, heißt laut Peter Brieger nicht unbedingt, dass sie auch mehr trinken.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ärztlicher Direktor Peter Brieger vom Isar-Amper-Klinikum in Haar erklärt, warum die Belastungen durch die Krise nicht zwingend zu Erkrankungen führen müssen.

Die Corona-Pandemie stürzt viele Menschen in Nöte. Sie fürchten um ihre Gesundheit und die ihrer Nächsten oder sorgen sich um ihre berufliche Existenz. Strenge Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote belasten Familien und Alleinstehende. Die Vereinsamung und Suchtgefahren wachsen. Die psychischen Folgen sind noch gar nicht abzusehen. Peter Brieger ist Ärztlicher Direktor am Isar-Amper-Klinikum München-Ost mit Sitz in Haar, einem der größten Fachkrankenhäuser für Psychiatrie, Psychotherapie, psychosomatische Medizin und Neurologie in Deutschland. Die SZ sprach mit Brieger über die Folgen der Corona-Krise für die Menschen.

SZ: Krankheit, Jobverlust, Einsamkeit: Viele Menschen stehen in der Corona-Krise unter enormem psychischen Druck. Macht dieser Druck krank?

Peter Brieger: Man muss erst einmal sehen, dass viele Menschen auch ganz viele Ressourcen haben, um Krisen zu bewältigen. Es gab in den Weltläufen immer auch schwierige Zeiten. Die Fähigkeit, solche fordernden Umstände zu bewältigen, ist etwas Urmenschliches. Man muss nicht sagen, dass jede Krise oder Krisenbewältigung krank macht.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie verweist auf eine Untersuchung in China, wo unter 52 730 Befragten immerhin fast 35 Prozent während der Covid-19-Pandemie psychische Probleme hatten.

Es ist ganz klar, dass die Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, uns alle beeinträchtigen und dass wir von diesen betroffen und psychisch belastet sind. Das wird bei einem Nerd, der bisher schon zu Hause saß, keine Kontakte hatte und seinen Tag mit Videospielen zugebracht hat, nicht so gravierend sein. Bei anderen sicher schon. Aber es gibt einen Unterschied zwischen psychischer Belastung und einer Erkrankung und Störung. Es hängt davon ab, über was für Bewältigungsmechanismen der einzelne verfügt, - wir sprechen von Vulnerabilität -, ob er sich schützen kann oder schneller in eine entsprechende Störung zurückfällt. Erstaunlich im Moment: Wir sehen noch keinen Anstieg der psychischen Störungen. Das kann noch zeitverzögert kommen. Positiv ist, dass jetzt über Perspektiven zu Lockerungsmaßnahmen gesprochen wird. Das gibt den Menschen Hoffnung.

Woran merke ich, ob ich einfach nur niedergeschlagen bin, oder schon einen depressiven Schub durchmache?

Es gibt ein paar Grundsymptome, wie zum Beispiel andauernde Schlafstörungen. Wenn jemand immer wieder um drei Uhr nachts aufwacht, grübelt und am Morgen nicht aus dem Bett kommt, dann ist das ein Hinweis. Entscheidend ist für uns, ob die Funktion im Alltag beeinträchtigt wird. Wenn ich etwa meine Rolle als Vater nicht mehr erfüllen kann oder im Beruf, dann sind das Alarmzeichen.

Was sollte man dann machen?

So etwas ist durchaus behandelbar. Es gibt etliche Angebote. Die Ambulanzen arbeiten weiter, auch jetzt in Corona-Zeiten, ebenso die niedergelassenen Ärzte, die Psychotherapeuten, die Hausärzte. Abläufe haben sich teilweise geändert, aber die Hilfen sind verfügbar. Was uns Sorge macht, ist, dass im ambulanten Bereich die Angebote weniger in Anspruch genommen werden. Jeder sollte wissen: Wenn er eine Behandlung benötigt, dann soll er sich auch in Covid-Zeiten behandeln lassen.

Aber sind die Möglichkeiten der Psychiatrie - abgesehen von stationärer Behandlung und Sorgentelefonen - derzeit nicht sehr stark eingeschränkt? Sind Therapiesitzungen machbar?

Ja sicher, Therapien finden statt, auch Gruppen-Therapien sind in kleinerem Umfang möglich. Wobei es hier etwas schwieriger ist, die Distanzregeln einzuhalten und genügend Abstand zu haben. Wir versuchen, weitgehend im Einzelkontakt zu bleiben.

Es gibt Meldungen, dass jetzt, da viele Menschen zu Hause sitzen, der Alkoholkonsum steigt. Steigt die Suchtgefahr?

Haar, Kleines Theater, Podiumsdiskussion Erinnerungskultur, Salon Zukunft Heimat - 'Vergeben und Vergessen?'

Peter Brieger, 55, steht seit 2016 als Ärztlicher Direktor an der Spitze der Ärzteschaft am Isar-Amper-Klinikum München-Ost mit Sitz in Haar. Brieger ist habilitiert und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

(Foto: Angelika Bardehle)

Das habe ich auch gelesen. Aber ich weiß nicht genau, wie belastbar solche Zahlen sind. Wenn mehr Alkohol verkauft wird, kann das ja auch bedeuten, dass die Menschen mehr Alkohol horten. Wir sehen im Moment im Bereich der Suchtpatienten, also bei Alkohol oder illegalen Drogen, keine Zunahme der Fälle. Aber auch da könnte ich mir vorstellen, dass es einen zeitverzögerten Effekt gibt. Es kann natürlich sein, dass mancher zum Alkohol greift, um die Krise bewältigen.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie ist besorgt, dass in der Corona-Krise viele Halt in Verschwörungstheorien suchen. Es wirkt angeblich entlastend, einen Schuldigen zu haben. Wie können Menschen zu einer konstruktiven Haltung in diesen Zeiten finden?

Eine solche Haltung ist absolut wichtig. All diese Desinformation, die wir aktuell sehen, - das geht ja hoch bis zu Donald Trump -, ist tatsächlich ein Desaster. Die Menschen suchen Wahrheiten. Eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang, wie etwa der Virologe Christian Drosten auftritt: sehr nüchtern, klar, sehr begrenzt aber auch in seinen Aussagen. Er sagt das, was er weiß, er schwafelt nicht.

Wie kann man sich motivieren, in antriebslosem Tief? Hat da der Mediziner einen praktischen Tipp.

Ich glaube, zwei Dinge sind wichtig. Zum einen, dass man sich tatsächlich feste Strukturen schafft, und dass man sich Ziele setzt, die erreichbar sind. Es hat keinen Sinn, sich vorzunehmen, sein ganzes Haus zu renovieren. Besser ist es, sich heute vorzunehmen, das eine Regal zu ordnen, und morgen das andere Regal. Es geht um überschaubare Projekte. Sonst bin ich am Ende nur frustriert. Das andere: Ich finde es ganz erstaunlich, was man jetzt an neuen Medien kennen lernen kann. Bis vor vier Wochen wusste ich nur wenig über Konferenz-Apps. Man kommuniziert jetzt digital. Soziale Netzwerke helfen, auf Menschen zuzugehen. Man merkt, viele Dienstreisen und Aktivitäten hat man eigentlich gar nicht gebraucht.

© SZ vom 22.04.2020
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