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Arbeitsalltag:"Es wird eine größere Bereitschaft zum Home-Office geben"

Homeoffice

Arbeiten im Home-Office wird laut Stephan Kaiser nach der Krise üblicher sein als vorher.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Stephan Kaiser, Professor für Personalmanagement an der Bundeswehruniversität in Neubiberg, erwartet eine Veränderung der Arbeitswelt durch die Corona-Krise.

Zuhause arbeiten, zwischendrin den Kindern beim Home-Schooling helfen, nebenher noch einkaufen und kochen. So sieht für viele angesichts der Corona-Krise der Alltag aus. Die SZ fragte Stephan Kaiser, Professor für Personalmanagement und Organisation an der Bundeswehr-Universität in Neubiberg, wie man sich im Home-Office am besten einrichtet und welche Auswirkungen diese Erfahrungen für die Zeit danach haben werden.

SZ: Seit mehr als zwei Wochen arbeiten die meisten zuhause. Wie verhindert man, dass einem die Decke auf den Kopf fällt?

Stephan Kaiser: Das ist eigentlich eine Frage an einen Psychologen. Was wir als Familie machen ist: Den Tag strukturieren mit Home-Schooling, Home-Office, Mittagessen zu einer bestimmten Zeit. Wir machen jeden Tag einen großen Spaziergang und nutzen diverse Online-Sportangebote von Yoga bis Alba Berlin. Abends skypen wir viel mit Freunden. Wir versuchen, unsere sozialen Kontakte virtuell zu pflegen.

Wie organisiert man sich im Home-Office denn am besten?

Was wichtig ist, sind feste Zeiten, also ein Ende des Home-Office. Am besten nutzt man ein eigenes Büro und versucht, eine Arbeitshaltung einzunehmen, das heißt, man kleidet sich am besten so, wie wenn man ins Büro gehen würde. Also nicht den ganzen Tag den Schlafanzug anlassen. Oft ist der Platz natürlich ein Problem, wenn beide Eltern im Homeoffice arbeiten und zwei Kinder im Schulalter da sind. Außerdem hat man den Geräuschpegel im Hintergrund. Dennoch ist es wichtig, dass man sich Raum zum Arbeiten schafft.

Sind diese Zeiten nun der Durchbruch für das digitale und mobile Arbeiten?

Es gibt sicher einen Effekt, dass wir künftig mehr im Home-Office arbeiten. Es werden ja viele Lernprozesse angestoßen. Wir werden sehen, dass einiges auch im Home-Office ganz gut funktioniert. Einerseits die Führungskräfte, denen bisher oft das Vertrauen fehlte, dass die Mitarbeiter zuhause auch wirklich arbeiten. Auf der anderen Seite werden auch die Mitarbeiter eher bereit sein, aus dem Home-Office zu arbeiten.

Aber wohl nicht die, die gerne Arbeit und Freizeit strikt trennen? Für sie erhöht sich durch die Heimarbeit der Druck.

Ja, es gibt die sogenannten Segmentierer, die die Berufsrolle gerne vom Privaten trennen. Für sie ist es Stress, wenn sie beides integrieren sollen. Gerade, wenn zuhause auch der Partner und die Kinder noch andere Rollenerwartungen haben und äußern.

Was kann so jemand tun?

Der Segmentierer sollte sich zum Arbeiten zurückziehen und, wenn er fertig ist, die Arbeitssachen aus dem Blickfeld räumen.

Ein Problem des Home-Office ist auch, dass der persönliche Kontakt fehlt.

Ja, da wir uns alle stark über soziale Kontakte definieren, kann das bis zu einem Gefühl der sozialen Isolation führen. Beispielsweise bei Personen, die alleine leben. Außerdem kann sich für Mitarbeiter das Problem ergeben, dass sie sich nicht gesehen fühlen. Führungskräfte haben nun die Aufgabe, sich zu überlegen, wie sie die Leistung der Mitarbeiter anerkennen können. Beispielsweise macht es Sinn, dass hierfür eine konkrete Vereinbarung getroffen wird. Der Mitarbeiter könnte eine Art Statusbericht abgeben, zu dem die Führungskraft eine Rückmeldung geben kann.

Professor Stephan Kaiser,Personalmanagement und Organisation,  Bundeswehruniversität Neubiberg

Stephan Kaiser ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg und insbesondere für den Bereich Personalmanagement und Organisation zuständig.

(Foto: Privat)

Ist nicht auch die Technik eine Hürde?

Ja, denn nicht jeder ist technikaffin. Es gibt Menschen, die möchten an keiner Videokonferenz teilnehmen. Außerdem hat nicht jeder eine gute technische Ausstattung zuhause.

Im Großen und Ganzen ist der Bann aber gezwungenermaßen gebrochen. Wie könnte denn mehr digitales, mobiles Arbeiten in Rathausverwaltungen und Kommunalparlamenten aussehen?

Backoffice-Tätigkeiten wie Finanzbuchhaltung können die Mitarbeiter auch von zuhause digital bearbeiten. Auch andere Prozesse kann man noch mehr digitalisieren. In manchen Gemeinden ist das schon so, dass Bürger beispielsweise online ihr Auto anmelden oder den neuen Personalausweis beantragen können. Sitzungen der Gemeinde- und Stadträte könnten auch als Zoom-Meetings, also per Videoschaltung, abgehalten werden. Wir machen das an der Universität zum Teil auch. Das funktioniert gut.

In den Schulen ist mit Home-Schooling auch spätestens jetzt das digitale Lernen angekommen. Wie geht es weiter?

Auch die Schulen lernen gerade sehr viel. Das Online-Lernportal Mebis, mit dem jetzt viele Schüler arbeiten, ist unter der Last erst einmal zusammengebrochen. Andererseits sieht man jetzt, für wen es sich eignet und für wen nicht. Grundschüler wären damit ohne die Hilfe der Eltern beispielsweise überfordert. Die Älteren kommen damit klar. Auch beim Home-Schooling gibt es die Herausforderung der technischen Ausstattung. Nicht jede Familie hat einen Laptop und einen Drucker zuhause. Es stellt sich die Frage des "digital divide". Ob also Familien, die nicht so gutgestellt sind, mit den digitalen Angeboten nicht benachteiligt werden.

Wie viel von dem mobilen und digitalen Arbeiten wird also nach der Corona-Krise bleiben?

Ein Teil wird bleiben. Wir werden viel lernen und es wird eine größere Bereitschaft zum Home-Office geben. Es gibt aber auch viele Gründe, wie den sozialen Austausch und den Wunsch vieler nach einer Trennung von Arbeit und Freizeit, die dafür sprechen, dass wir alle auch gerne wieder ins Büro gehen werden.

© SZ vom 07.04.2020

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