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Einmal rund um München:Wasser und andere Barrieren

In unserer Serie "Hart an der Grenze" erkunden SZ-Autoren den Verlauf der Münchner Stadtgrenze. In Folge 16 zwischen München und Oberschleißheim quert die Grenze nicht nur eine Autobahn, sondern auch die Ruderregattaanlage.

Am nördlichen Zipfel des Schwarzhölzls, wo sich die Bäume lichten, gleich über dem Bach, beginnt Oberschleißheim. Wer auf Münchner Seite über den Regattaweg geht, erlebt eine der wohl noch am stärksten landwirtschaftlich geprägten Seiten der Landeshauptstadt: In Feldmoching bestellen bis heute zahlreiche Bauern ihre Felder. Neben dem Reiterhof kündet ein Schild den Verkauf von frischen Landeiern an; auf einem abgeernteten Acker sucht ein Fasanenpaar nach Essbarem.

Die Gegend dort im auslaufenden Dachauer Moos wäre heute vielleicht noch durchgehender so beschaulich, wäre sie nicht Anfang der Siebzigerjahre für höhere Ziele auserkoren worden: Für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München suchten die Planer nach einem Sportstättenstandort mit guter Verkehrsanbindung, ebenem Gelände, hohem Grundwasserstand und günstigen Grundstückspreisen - und wurden zwischen Oberschleißheim und Feldmoching fündig. So kommt es, dass die Stadtgrenze heute mitten durch die 2000 Meter lange Ruderregattastrecke verläuft, über die 1972 die Olympiateilnehmer glitten.

Etwa bei Meter 750 durchquert die Stadtgrenze die Ruderregatta

Etwa bei Meter 750 durchquert die Grenze das Wasserbassin. Wer ihr folgen will, muss hier auf ein Wassergefährt, bevorzugt natürlich ein Ruderboot zurückgreifen - indem er beispielsweise die freundlichen Mitglieder des Schleißheimer Ruderclubs bittet, ihn überzusetzen. Am Südostufer führt ein Weg die Böschung hinauf und eröffnet den Blick hinüber zum zweiten Gewässer, dem Regattaparksee. Auch diesen schneidet die Grenze in zwei Hälften, wer es wagt und bei guter Kondition ist, kann dem Grenzverlauf schwimmend folgen. Andere genießen vielleicht lieber die Abendsonne an dem beliebten, aber noch immer etwas versteckten Badesee.

Am See vorbei fließt der Schwebelbach, der weiter nördlich den Schleißheimer Kanal quert und schließlich bei Ottershausen in die Amper mündet. Ihm folgt die Grenze entlang des Eishüttenwegs nach Süden, bevor sie nach Osten abknickt, die Staatsstraße 2342 durchschneidet und Kurs nimmt auf das Autobahnkreuz Feldmoching. Das nichtendenwollende Dröhnen der Fahrzeuge auf dem Asphalt löst die Ruhe ab, die bisher auf dem Weg geherrscht hat. Das Dreieck erinnert in seiner geschlungenen Form an eine liegende Trompete, ganz passend zur Geräuschkulisse. Der geschwungene Knoten knüpft die Autobahn in Richtung Landshut und Deggendorf an die A 99. Zu Fuß stellt er ein unüberwindbares Hindernis dar; nur über einen Umweg nach Süden lassen sich Autobahn und die teils parallel verlaufenden S-Bahngleise überwinden. Gerade wird die Brücke der A 99 über die A 92 erneuert, die Bagger stehen noch am Straßenrand. Ein Ersatzbau daneben soll dafür sorgen, dass der Verkehr währenddessen weiter laufen kann.

Der Autobahnring trennt das Gebiet der Stadt von der Gemeinde Oberschleißheim und schafft so klare Zuständigkeiten. So eindeutig verläuft die Grenze allerdings erst seit 2008; bis dahin gehörten Teile des nördlichen Hasenbergls noch zum Landkreis. Die Änderung war der zweite Teil eines Gebietstauschs von 1972 und zielte zudem auf einen praktischen Nutzen. "Vor allem die Feuerwehrleute haben sich gefreut, dass sie jetzt endlich Klarheit haben: Wenn auf der A 99 etwas passiert, ist die Stadt zuständig", erklärt Otto Bürger, Ortschronist von Oberschleißheim.

Die Grenze verläuft am nördlichen Rand der Autobahn, durch die Wälder, Felder und Heideflächen, die der Bayernherzog Wilhelm V. einst als Altersruhesitz erstanden hat. Nach seinem Rückzug aus den Regierungsgeschäften 1595 verschrieb sich der Wittelsbacher, wie es heißt, ganz der Landwirtschaft und dem Gebet. Zu diesem Zweck erwarb er mehrere Schwaigen, Güter mit Viehzucht, rund um Schleißheim. "Wilhelms Sohn Maximilian hat das Gebiet dann noch einmal erweitert", erklärt Bürger. "Er kaufte etwa die Mallertshofener Schwaige und die Schwaige Neuherberg zu."

Da Wilhelm sehr fromm war, ließ er mehrere Kapellen errichten und legte zwischen den Höfen auf seinem Gebiet einen Klausenweg an, den er der Überlieferung zufolge regelmäßig abwanderte. Dem Weg kann man bis heute folgen, auch wenn die meisten Klausen inzwischen nicht mehr existieren. An ihrer Stelle erinnert ein Gedenkstein an die einzelnen Stationen - etwas nördlich des Grenzverlaufs im Wald zum Beispiel an die Liebfrauenklause, die dem Flurstück seinen Namen "Frauenholz" verleiht.

Im Naturwaldreservat dürfen Bäume und Sträucher frei wuchern

Durch den Wald mäandern mehrere Wege, beliebt bei Radfahrern und Spaziergängern. Ein Teil des Korbinianiholzes ist Naturwaldreservat, Bäume und Sträucher dürfen hier ohne Eingriffe durch den Menschen wuchern, wie sie wollen. Folgt man dem gekiesten Weg nach Osten, lassen sich noch andere Spuren der Vergangenheit entdecken. Schon bald stößt man auf die Jägerstraße, die nach Norden zur Flugwerft und zum Flugplatz Schleißheim führt. Kaum ein paar Schritte von der Straße entfernt im Unterholz deutet Bürger auf deutlich sichtbare Mauerreste: Relikte der Fliegertechnischen Schule, die das NS-Regime Ende der Dreißigerjahre hier eingerichtet hatte, erklärt er. Die Militärgeschichte des Flughafens ist lang, sie beginnt 1912 mit der königlich bayerischen Fliegertruppe; er ist der älteste heute noch in Betrieb befindliche Flugplatz Bayerns.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm die US-Armee das Gelände, sie blieb bis 1973. Diese militärische Nutzung hatte auch ihre Vorteile, meint Bürger mit einem ironischen Lächeln - "sonst wäre hier vielleicht das neue Neuperlach entstanden". Als die Stadt München auf der Suche nach Flächen für ein neues Wohnviertel war, erinnert sich Bürger, habe sich der Blick auch nach Oberschleißheim, in Richtung des Flugplatzareals, gewandt. Die US-Armee aber ließ sich nicht zu einem früheren Abzug überreden, sodass man schließlich umschwenkte und im Osten baute.

Grenznah betrachtet

Grüner Puffer für Mensch und Tier

Aufgrund der hohen Biodiversität warnen Natur- und Klimaschützer vor ausufernder Bebauung an der nördlichen Stadtgrenze bei Feldmoching.   Von Simon Schramm

Auf der anderen Seite der Jägerstraße, noch südlich des Flugplatzes, ist heute die Hubschrauberstaffel der Bundespolizei stationiert. Vor dem Eingang in das Fluggelände sind rechter Hand durch den Maschendrahtzaun drei historische Flughallen zu erkennen. Um ihren Abbruch wird gerungen, die Landespolizei möchte das Gelände gern mit ihren Hubschraubern belegen, Anwohner hingegen fürchten dadurch mehr Fluglärm.

Ein beständiges Rauschen hallt auch von der Autobahn herüber, folgt man der Jägerstraße schnurgerade weiter nach Osten, wo sie zu einer gern genutzten Strecke für Inline-Skater wird. Wer es etwas ruhiger mag, dem sei daher empfohlen, einen kleinen Abstecher von der Grenze weg zu machen, und durch den Wald ein Stück nach Norden zu laufen. Man passiert den Gedenkstein für die Marienklause, bevor man rechts auf eine kleine Birkenallee einbiegt - das Königstrasserl. Der breite Feldweg führt beinahe parallel zum Grenzverlauf zum Friedhof von Hochmutting. Wer Glück hat, kann den Schäfer und seine Tiere beobachten, die er auf den angrenzenden Feldern weiden lässt. Die grasenden Schafe würdigen die weiter unten auf der A 99 vorbeidonnernden Lastwagen kaum eines Blicks. Hinter der Friedhofsmauer befindet sich eine weitere Station des Klausenwegs, die Jakobsklause an der gleichnamigen Kapelle. Das Kirchlein zählt zu den ältesten Bauwerken im Münchner Raum, eine Tafel erklärt anschaulich seine Geschichte.

Die einstige Schwaige Neuherberg ragt als breites Rechteck nach München hinein

Nach Süden folgend führt die Münchner Allee den Spaziergänger wieder zur Grenze. Über eine Brücke gelangt man über die Autobahn und stößt nach etwa 500 Metern auf die B 13, die Ingolstädter Straße. Die Grenze verläuft westlich der Straße nach Süden. Rechter Hand erstreckt sich die Nordhaide, im Volksmund Panzerwiese genannt. Von dieser Seite kommend überrascht das Münchner Ortsschild kaum, das die Autofahrer zum Abbremsen mahnt; quasi direkt hinter der Grenze beginnt die Bebauung, stehen die ersten bunten Wohnblocks an der Wiesenkante.

An dieser Stelle quert die Grenze die Straße noch einmal: Das Gebiet der ehemaligen Schwaige Neuherberg ragt noch als breites Rechteck nach München hinein. Wer östlich der Ingolstädter Straße die Heide betritt, den warnt ein Schild mit dem Oberschleißheimer Emblem davor, von den Wegen abzuweichen. Einerseits, um die seltenen Tiere und Pflanzen in der Fröttmaninger Heide nicht zu stören und andererseits, weil auf dem ehemaligen Militärübungsplatz noch immer Munitionsreste im Boden schlummern können.

Der Blick gen Osten lässt an Prärie denken. Eingerahmt von Drahtzäunen - links vom Helmholtz-Zentrum, rechts vom neuen Nachwuchszentrum des FC Bayern - ragen Baumskelette in den Himmel. Im Hintergrund erhebt sich wie eine Fata Morgana die Allianz Arena. Erst das Bellen eines Hundes bringt die Realität zurück.

Alle weiteren Folgen der Serie "Hart an der Grenze" finden Sie hier.

Dem Wandel auf der Spur

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Wie lebt es sich dort, wo München an die Umlandgemeinden stößt, welche Entwicklungen deuten sich an? In unserer neuen Serie "Hart an der Grenze" sind SZ-Reporter entlang der 119 Kilometer langen Stadtgrenze gewandert - zwischen Idyll, Verhau und stiller Natur.   Von Thomas Kronewiter