Landflucht Wieso München, wenn man auch in Freyung wohnen kann?

Andere Rahmenbedingungen warten im Landkreis Freyung-Grafenau, wie Maximilian Fritz bei einer Imagekampagne in München deutlich machte.

(Foto: Robert Haas)
  • Dem niederbayerischen Landkreis Freyung-Grafenau geht der Nachwuchs aus. Das macht vor allem der Wirtschaft zu schaffen.
  • Nun wirbt der Kreis an der deutsch-tschechischen Grenze in München um Fachkräfte. Denn man habe vieles, was München nicht hat.
  • Zum Beispiel bezahlbaren Wohnraum: Aktuell liegt der Preis für den Quadratmeter im Schnitt bei fünf Euro.
Von Thomas Jordan

Wenn Landkreise eigene Botschaften hätten, dann läge jene des Landkreises Freyung-Grafenau an diesem Samstag im Westpark. Hier wurde für die Internationale Gartenausstellung 1983 ein originales Bayerwald-Holzhaus aus dem Jahr 1748 nach München gebracht und wiederaufgebaut. Normalerweise finden darin Volksmusiktreffen statt.

Jetzt aber stehen Christoph Fritz und sein Bruder Maximilian auf der kleinen Anhöhe vor dem wettergegerbten Holzzaun und halten Ausschau. Nach Menschen zwischen 25 und 45 Jahren, denn das ist ihre Zielgruppe. Die beiden jungen Männer, die weiße Baseballkappen mit der Aufschrift "Made in FRG" tragen, sind so etwas wie Botschafter aus Niederbayern - aus dem Landkreis Freyung-Grafenau, Autokennzeichen FRG.

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Die Mission lautet: Junge und qualifizierte Leute vom herbstlichen Westpark 230 Kilometer nordöstlich bis fast an die tschechische Grenze zu locken. Zunächst nur für ein Wochenende, bei dem Münchner den niederbayerischen Landkreis kennenlernen können. Danach vielleicht für immer. Neben dem Sightseeing im Bayerischen Wald können die Großstädter Kontakte mit regionalen Firmen knüpfen und Schulen und Kitas besichtigen. "Wir wissen, dass bei uns bis 2035 die Altersgruppe der 18-Jährigen um 20 Prozent abnehmen wird," sagt Stefan Schuster, Regionalmanager im Freyunger Landratsamt.

Insgesamt sank die Einwohnerzahl des Landkreises zwischen 2005 und 2015 um 3500. Mit anderen Worten: Dem Kreis geht der Nachwuchs aus. Weil es dort keine Universität, keine Fachhochschule gibt, zieht es viele junge Menschen nach dem Abitur in die Großstädte Regensburg oder München, nach Passau oder nach Deggendorf. Das macht vor allem der regionalen Wirtschaft zu schaffen.

Und deswegen hat Schuster zusammen mit der Marketingagentur von Christoph Fritz die Image-Kampagne "Mehr als du erwartest" gestartet, mit der Fachkräfte in die Region gelockt werden sollen. Vom Entwicklungsingenieur bis zum Programmierer suchen die Mittelständler aus dem Landkreis qualifizierte Mitarbeiter. "Der Bedarf geht in die Tausende", sagt Schuster.

Die Zeit, in der im Bayerischen Wald nur Glasmacherei und Tourismus florierten, ist lange vorbei. Das Image des Landstrichs hinkt da allerdings der Realität hinterher. München ist die erste Großstadt, in der die Niederbayern um Zuzügler werben. "Das ist der perfekte Kontrast", sagt Schuster. Schließlich hat Freyung-Grafenau vieles, was München nicht hat.

Bezahlbaren Wohnraum zum Beispiel. Aktuell liegt der Mietpreis für einen Quadratmeter im Schnitt bei fünf Euro, wer eine Zwei-Zimmer-Wohnung kaufen wolle, der werde unter 50 000 Euro fündig, sagt der Marketingexperte Fritz - ein Viertel dessen, was in München üblich ist. Und was die Kinderversorgung angeht, wirkt FRG wie ein Paradies: "Wenn man einen Kita-Platz braucht, kriegt man einen", sagt Christoph Fritz.

Der 29-jährige hat neben seiner Marketingagentur noch eine Glasfirma und ist der Sprecher einer Fördergruppe für die Startup-Szene Niederbayern. Gerade präsentiert er einem Paar seine Heimat: "Bei uns gibts nicht nur Idylle, sondern auch coole Arbeitsplätze und Grundstücke, die man sich leisten kann."

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Und obwohl der in der Nähe von Hamburg geborene Konstruktionsingenieur Sascha Sobolewski gerade zum ersten Mal in seinem Leben von Freyung-Grafenau gehört hat, interessiert es ihn dann doch, ob es dort auch für ihn einen Job gibt. Seine Frau Claudia ist gebürtige Münchnerin, ein echter Stadtmensch. So ganz von München wegzuziehen, das können sich die beiden nicht vorstellen.

Aber würden sie überhaupt so einfach Anschluss finden, ein Hamburger und eine Münchnerin in Niederbayern? "Wenn der Schulterschluss gelingt," sagt Christoph Fritz, der in der 7000-Einwohner-Stadt Freyung aufgewachsen ist, "dann ist der Niederbayer zuverlässig und herzensgut", auch wenn er anfangs etwas verschlossen wirke. Und woran merkt ein Zugezogener dann, dass ihn ein Niederbayer ins Herz geschlossen hat? "Wenn dir einer das "Du" anbietet, dann heißt das was", sagt Fritz. Egal woher man kommt.

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