Kinderbetreuung Eine Garantie, die alle verunsichert

Langfristig soll an allen Münchner Grundschulen das neue Ganztagsmodell eingeführt werden.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die "kooperative Ganztagsbildung" soll Horte und Mittagsbetreuungen ersetzen. München verspricht einen festen Platz für jedes Kind.
  • Doch Einrichtungen fühlen sich übergangen, Schulen können nichts zusagen und Eltern rätseln, was sie tun sollen.
  • Verschärft wird das Problem durch eine weitere Reform.
Von Jakob Wetzel

Keine Unsicherheit mehr, lautet das Versprechen an die Eltern. Kein Bangen, ob das eigene Kind zur Einschulung auch Platz im Hort, im Tagesheim oder in einer Mittagsbetreuung hat. Die "Kooperative Ganztagsbildung" soll jedem Kind einen Platz garantieren. Im Pilotversuch in Perlach funktioniert das bereits, langfristig soll das Modell in München flächendeckend eingeführt werden, in diesem Herbst zunächst an neun weiteren Grundschulen. Doch wenige Wochen vor der Schuleinschreibung bringt das Ganztagsversprechen dort keineswegs mehr Sicherheit, im Gegenteil. Schulen können immer noch nicht fest zusagen, dass die Garantie bei ihnen wirklich kommt. Eltern wissen nicht, ob sie sich nicht doch selbst um einen Platz kümmern sollten. Und die bisherigen Betreuungseinrichtungen fürchten um ihre Zukunft und die ihrer Angestellten.

"Die Zeit läuft uns davon!", heißt es etwa in einem Brief, den ein Arbeitskreis von Mittagsbetreuungen Ende Januar an Oberbürgermeister Dieter Reiter und Kultusminister Michael Piazolo geschickt hat. Die Schuleinschreibung ist in München für den 3. April vorgesehen. Doch bisher gebe es keine klaren Informationen, und zentrale Punkte seien immer noch offen. Nach jetzigem Stand sei man "nicht in der Lage, verantwortungsvoll mit den großen Strukturänderungen für Mitarbeiter, Eltern und Schüler umzugehen".

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Eine der Schulen, die im September voraussichtlich die Kooperative Ganztagsbildung einführen wird, ist die Grundschule an der Berg-am-Laim-Straße - so stand es zumindest auf einer Liste des Bildungsreferats, die im November im Stadtrat kursierte. Viele Eltern riefen nun bereits an und fragten nach den Betreuungsplätzen, sagt Rektor Michael Hoderlein. Er könne ihnen aber nichts versprechen, denn er habe selbst noch keine schriftliche Zusage, dass die Kooperative Ganztagsbildung tatsächlich kommt. Eltern könnten sich darauf nicht verlassen; sie melden ihre Kinder daher wie in den vergangenen Jahren in mehreren Einrichtungen an, sagt Hoderlein - mit dem Risiko, dass dann doch alles anders kommt. Dabei müssten doch zum Beispiel Horte auch verbindlich planen.

Verschärft wird das Problem durch eine weitere Reform. Bisher wussten die Grundschulen in München ab spätestens Mitte April, mit wie vielen Erstklässlern sie im folgenden Schuljahr rechnen können. Ab diesem Herbst aber können Eltern von im Juli, August oder September geborenen Kindern wählen, ob sie diese erst ein Jahr später einschulen lassen wollen. Für diese Entscheidung haben sie Zeit bis 3. Mai - und die fehlt den Schulen, um zu planen. An seiner Grundschule gehe es um 49 von insgesamt 170 neu schulpflichtigen Kindern, sagt Hoderlein. "Das wird alles eng."

Unruhe herrscht nicht zuletzt in den Mittagsbetreuungen an den Grundschulen. Denn um jedem Schüler einen Platz zu garantieren, sollen nicht die bestehenden Betreuungsangebote ausgebaut werden, sondern ein neues Modell soll alle alten Einrichtungen ersetzen. In der Kooperativen Ganztagsbildung gibt es pro Schule nur einen Anbieter. Horte und Mittagsbetreuungen dagegen sollen abgewickelt werden. Mehrere von ihnen aber äußern daran scharfe Kritik: Sie fühlen sich schlecht informiert und übergangen. Dabei hat die Verunsicherung selbst Einrichtungen erfasst, die nicht unmittelbar betroffen sind, etwa die Mittagsbetreuung "Marsmännchen" an der Blutenburgstraße. Hier kommt die Ganztagsgarantie bis auf Weiteres nicht. Leiterin Cordula Pauli ist dennoch irritiert. "Für uns wäre wichtig, dass die Mittagsbetreuungen in Zukunft auf Augenhöhe wahrgenommen, gefragt und evaluiert werden", sagt sie. Und Rita Casper, Chefin der Mittagsbetreuung "Lüderix" an der Fritz-Lutz-Grundschule in Zamdorf, warnt, es gehe Qualität verloren; es fehlten ohnehin Fachkräfte. "Man kann nicht einfach von heute auf morgen sagen: Jetzt machen wir alles anders."

Nach wie vor ist unklar, was mit den Mitarbeitern geschieht

Eigentlich sei ein reibungsloser Übergang vorgesehen, erklärt Beate Frank vom Münchner Kleinkindertagesstättenverein. Drei Jahre lang sollen die alten Einrichtungen die Kinder, die sie schon aufgenommen haben, noch betreuen. Danach sollten sie sich auflösen. Und die Angestellten sollten nach Möglichkeit übernommen werden. Für Mittagsbetreuungen sind nicht nur ausgebildete Fachleute tätig, sondern auch Hilfskräfte; diese sollten eben berufsbegleitend nachqualifiziert werden. Überhaupt müssten Mittagsbetreuungen nicht unbedingt weichen, heißt es in einem Stadtratsbeschluss: Sie könnten auch selber die Kooperative Ganztagsbildung übernehmen. Tatsächlich aber sei nach wie vor unklar, was mit den Mitarbeitern geschehe, klagt der Arbeitskreis der Mittagsbetreuungen. Und bei den neun Schulen habe man nicht eine Mittagsbetreuung gefragt.

Dabei sind einige von diesen seit Jahrzehnten etabliert, etwa die an der Grundschule Berg am Laim. Ihre Mittagsbetreuung sei mit 135 Kindern und 100 weiteren im gebundenen Ganztag der größte Partner der Schule in der Nachmittagsbetreuung, sagt Leiterin Marion Rachals. Wenn die Kooperative Ganztagsbildung eingeführt werde, solle aber das städtische Tagesheim übernehmen. Die Mittagsbetreuung wird langfristig verschwinden.

Die Schule habe sich für das Tagesheim entschieden, weil dieses als städtische Einrichtung garantieren könne, dass es genug Fachpersonal gebe, sagt Rektor Hoderlein; er gehe langfristig von etwa 500 Kindern aus, die an seiner Schule betreut werden müssten. Ein größere Anbieter könne das leichter - darüber habe man auch mit dem Träger der Mittagsbetreuung gesprochen. Er hoffe aber, dass der Schule viele Angestellte der Mittagsbetreuung erhalten bleiben: "Wir schätzen die Kolleginnen." Rachals hätte dennoch einen anderen Weg gesehen. Um den Rechtsanspruch einzulösen, hätte es gereicht, das bisherige Betreuungsangebot auszuweiten. So werde nun ein "bei Eltern und Kindern beliebtes Betreuungsmodell aufgelöst", ohne ihm eine Chance zu geben. "Man hätte die Mittagsbetreuungen evaluieren müssen", findet Rachals. Das sei nicht geschehen.

Ähnliches erzählt Andrea Dauscha. Sie leitet eine Mittagsbetreuung mit 127 Kindern und elf Angestellten an der Schule am Bauhausplatz in Schwabing. Auch hier soll bald die Ganztagsgarantie kommen, auch hier soll das städtische Tagesheim übernehmen. Sie sei außen vor geblieben, sagt Dauscha. "Was auf uns zukommt, wussten die Eltern eher als ich, die haben es in der Zeitung gelesen. Offiziell weiß ich selbst noch gar nichts." Dauscha kritisiert, dass den Eltern die Entscheidung genommen werde, "was sie für ein Bildungssystem in der Nachmittagsbetreuung haben wollen". Vor allem aber gehe es um Arbeitsplätze.

"Meine Mitarbeiter sind zutiefst verunsichert und haben existenzielle Ängste", sagt Rachals. Dabei sei fraglich, ob die Einrichtung überhaupt die drei Jahre Übergangszeit übersteht, denn bei weniger Kindern gibt es auch weniger Fördergeld. "Wir haben das mehrfach durchgerechnet: Diese drei Jahre Übergangszeit schaffen wir nicht." Im Stadtrat ist dieses Problem bekannt. SPD und CSU forderten zuletzt, zusätzliches Geld zuzuschießen. Doch die Einrichtungen müssen auch kämpfen, um ihr Personal lange genug zu halten. "Wir hatten zuletzt schon eine Kündigung", sagt Dauscha. Die Mitarbeiterin habe natürlich gewusst, was bevorsteht.

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