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Kinderbetreuung:Hortplatz verzweifelt gesucht

Familie Hipp suchte wie viele andere Familien nach einer Betreuung für ihre Kinder. Das kann teuer werden.

(Foto: Catherina Hess)

In München brauchen immer mehr Eltern für ihren Nachwuchs im Grundschulalter eine Ganztagsbetreuung. Das Angebot ist geringer als die Nachfrage, Ersatzlösungen sind teuer. Zwei Familien berichten.

Am Ende habe sie fast zu weinen begonnen. "So verzweifelt und wütend war ich", sagt Cornelia Herrmann, 36, Mitarbeiterin eines Medienunternehmens und Mutter von zwei Kindern. Valentin, der Ältere, kommt nächste Woche in die Schule. Und das stellt die Familie vor existenzielle Probleme. Denn Valentin hat bisher weder einen Platz im Hort noch in der Mittagsbetreuung erhalten. Cornelia Herrmann und ihr Mann Robert beginnen beide um neun Uhr mit der Arbeit, die Schule endet schon um 11.30 Uhr. Zumindest für einen von beiden Elternteilen hätte es sich an manchen Tagen also kaum gelohnt, überhaupt den Computer anzuschalten.

Die Geschichte von Familie Herrmann zeigt das Dilemma in München, einer Stadt, die mit ihrer Beliebtheit kämpft. Überdurchschnittlich viele Kinder werden geboren, und überdurchschnittlich viele junge Familien mit Kindern ziehen zu. Gleichzeitig sind die Kosten für Wohnen und Leben so hoch, dass ein Einkommen allein oft nicht ausreicht, um über die Runden zu kommen. Da viele Eltern ganztags arbeiten, ist die Halbtagsgrundschule ein Auslaufmodell. Der größte Teil der gut 42 000 Grundschüler geht mittags nicht direkt nach Hause, sondern besucht einen Hort, eine Mittagsbetreuung oder eine Ganztagsschule.

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Rein rechnerisch gab es im vergangenen Schuljahr für 78 Prozent einen solchen Ganztagsplatz. Diese Plätze sind allerdings unterschiedlich übers Stadtgebiet verteilt. Besonders schlecht ist die Situation in Bogenhausen, Thalkirchen, Obersendling, Forstenried, Fürstenried und Milbertshofen. Eine Vollversorgung gibt es nirgends. Und auch die Gesamtzahl ist zu niedrig: In der jüngsten Umfrage der Stadt meldeten fast 90 Prozent aller Familien einen Bedarf an. Die Hälfte von ihnen würde das Kind gerne bis 17 Uhr betreuen lassen, was mit wenigen Ausnahmen nur im Hort möglich ist.

In diesem Jahr erreichten das Bildungsreferat im Vergleich zu 2017 erneut mehr Anrufe von suchenden Eltern. Einen Rechtsanspruch haben sie, anders als im Krippen- und Kindergartenbereich, aber nicht. Wer keinen Platz kriegt, muss sich selbst helfen. Wie viele Familien derzeit noch unversorgt sind, hat die Stadt noch nicht vollständig ausgewertet, wie ein Sprecher des Bildungsreferats erklärt. Noch laufe die dezentrale Vergabe der knapp 34 000 Plätze. Deshalb könne es sein, dass Kinder bei einem freien Träger noch auf der Warteliste stehen, obwohl sie bei der Stadt schon untergekommen sind.

Bei Familie Herrmann klappte das nicht. Bereits im Februar 2017 ließ sie sich auf die Warteliste für eine Mittagsbetreuung setzen - oder: erst im Februar 2017. "Sie sind aber ganz schön spät dran, sagte man uns dort", erzählt Cornelia Herrmann. Bei drei Einrichtungen meldete sie ihren Sohn an. Drei Absagen. Herrmann schaute persönlich vorbei. "Die waren alle ganz verständnisvoll für meine Situation, aber jedes Mal hieß es: Wir können leider auch keine Plätze zaubern." Die Eltern wollen im Job nicht kürzer treten. Die Großeltern leben weit weg. Also engagierten die Herrmanns eine Nanny - für etwa 16 Euro in der Stunde. Gebucht ist sie für 15 Stunden pro Woche, macht 960 Euro im Monat.

Das Problem ist nicht neu. Eltern beschweren sich regelmäßig, im vergangenen Jahr haben Hunderte Mütter und Väter einen Brandbrief geschrieben. "Die Kinderbetreuung ist und bleibt ein Brennpunkt", lautete die Überschrift. Das Bildungsreferat setzte sich mit Vertretern des Kultusministeriums zusammen, das für die Grundschulen zuständig ist. Heraus kam das Modell "Kooperative Ganztagsbildung", das einen ganztägigen Betreuungsplatz garantiert. Eltern können zu Beginn des Schuljahres flexibel buchen, wie lange sie ihr Kind betreut lassen wollen und erhalten sicher einen Platz.

Der Haken: Dieses Projekt startet an nur einer der 135 Grundschulen im Stadtgebiet, in der am Pfanzeltplatz. Die Nachfrage ist stark, 50 Kinder nähmen teil, sagt Beate Eckert-Kalthoff vom staatlichen Schulamt. Eine Ganztagsklasse sei geplant gewesen, nun werde man zwei einrichten. Der Schulversuch soll ausgeweitet werden. Doch bis alle Münchner Eltern in den Genuss der "All-inclusive-Grundschule" kommen, wird es dauern. Auch der Bund überlegt, einen Rechtsanspruch einzuführen, allerdings frühestens 2025. Solange kann Architektin Hantje Hipp nicht warten.

"Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich so ehrlich war"

Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern, drei und sechs Jahre alt, in der Au. In ihrer Familie sei die Betreuungsfrage schon immer stressig gewesen. Weil sie keinen Krippenplatz in einer städtischen Einrichtung fand, musste Hipp die Kinder in eine private schicken und große Teile ihres Verdienst für die Betreuung ausgeben. 620 Euro kostete der Platz für ein Kind im Monat - für sechs Stunden am Tag.

Auch die Suche nach einem Kindergartenplatz war schwierig. Am Ende entschied sie sich für eine Elterninitiative, bei der sie kostenlos die Räume gestaltete. Diesen Herbst kommt Hipps Tochter in die Schule. Bei drei verschiedenen Hortgruppen bekam die Familie Absagen. Mehr Einrichtungen existierten in der näheren Umgebung nicht, sagt Hipp. Sie gab bei der Stadt an, dass sie 30 Stunden in der Woche arbeitete - damit fällt sie laut den städtischen Kriterien allerdings nicht in die höchste Dringlichkeitsstufe. "Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich so ehrlich war." Sie habe von anderen Müttern gehört, die sich einfach von irgendwem hätten bescheinigen lassen, einen 40-Stunden-Job zu haben - und auf diese Weise einen Platz bekamen.

"Teilzeit-Mamas wie ich scheinen vornherein komplett aus dem Raster zu fallen", sagt Hipp. Vor kurzem erst kam dann die erlösende Nachricht: Für die Tochter sei nun doch ein Platz in einer Mittagsbetreuung frei. Lieber wäre Hipp ein Hort gewesen. Doch man könne sich einen Platz eben nicht aussuchen: "Wir sind froh, dass wir irgendwas bekommen haben." Andernfalls hätte sie im Monat bestimmt an die 2000 Euro weniger verdient oder viele Aufträge nachts und am Wochenende abarbeiten müssen. Und das ist keine Alternative.

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