Theater:Neu entflammt

Katharina Schubert

Katharina Marie Schubert als Grande Dame in den "Effingers".

(Foto: Armin Smailovic)

Nach zwölf Jahren wieder an den Kammerspielen: Katharina Marie Schubert spielt in der Eröffnungspremiere "Effingers" nach Gabriele Tergits Roman mit.

Von Egbert Tholl, München

Selbst wenn man alles vergessen hätte, was damals an den Münchner Kammerspielen zu sehen war, eines bleibt für immer: das Kapulikaupunki Broken Heart Orchestra. In diesem taten sich Ensemblemitglieder der Kammerspiele zusammen, glaubten, sie seien Finnen, machten wundervolle Musik und präsentierten diese in wunderlichen Abenden. Es war eine Zeit des Aufbruchs und des Experiments, und Katharina Schubert war mit dabei, sang und spielte Akkordeon, als hätte sie nie etwas anderes machen wollen als Musik, dabei war sie doch an einer ordentlichen Schauspielschule gewesen (Max-Reinhardt-Seminar), hatte auch schon ein paar Rollen am Wiener Burgtheater gespielt, bevor sie mit dem neuen Intendanten Frank Baumbauer und vielen neuen Kolleginnen und Kollegen 2001 an die Kammerspiele kam. Dahin kehrt sie nun zurück und spielt mit bei der Eröffnungspremiere dieser Saison an diesem Samstag, in der Jan Bosse Gabriele Tergits grandiosen Roman "Effingers" auf die Bühne bringt.

Hui, das war eine wilde Zeit damals. Die Renovierung des Schauspielhauses zog sich qualvoll in die Länge, gespielt wurde erst einmal im Probengebäude auf drei Etagen, steiniges Zeug war da darunter. Bei einer Aufführung kam Schubert erst im dritten Teil dran; während des Wartens konnte sie verfolgen, wie die Zuschauer scharenweise flohen.

Es war eine wilde, überbordende Zeit als Schubert im Ensemble der Kammerspiele war

Nun kann sie sich fröhlich daran erinnern, weil sie überhaupt einer der liebenswertesten Menschen ist, der je auf deutschen Bühnen stand, weil sie nichts von ihrem umwerfenden Charme verloren hat und weil dann bald alles anders wurde an den Kammerspielen. Wüst verabscheute Inszenierungen ("Othello"!) wandelten sich zu Kult-Stücken, die stilistische Bandbreite war überbordend. In einer Saison "Hamlet", "Schöne Bescherungen", "Der Prozess", "Trauer muss Elektra tragen", aus einem Bühnenkunstwerk raus, als frustrierte Ehefrau in den Edelboulevard hinein: "Ich habe unglaublich viel kennengelernt, die unterschiedlichsten Regiehandschriften, unterschiedliche Genres." Eine Regisseurin wie Christiane Pohle arbeitete äußerst streng, Johan Simons meinte nur, sie sei eine mündige Schauspielerin, er werde nicht sagen, ob sie gut oder schlecht spiele. Und René Pollesch erfand den Aberwitz.

Baumbauer habe dafür gesorgt, dass es nie langweilig wurde, und Katharina Schubert dachte sich, o Gott o Gott, jetzt muss ich das schaffen. "Eine ununterbrochene Herausforderung." Und dem Publikum wurde dabei mit ihr nie langweilig, mit ihrem Zauber und der manchmal bittersüßen Traurigkeit, die sie umflorte. Als sich Baumbauers Ära dem Ende näherte, dachte sie sich, "wenn ich jetzt bleibe, werde ich zu einem Möbel". Also heuerte sie für einige Jahre am Deutschen Theater in Berlin an, spielte an der Volksbühne und auch die Polly in der "Dreigroschenoper" in Hamburg. Irgendwann in dieser Zeit erweiterte sie ihren Namen zu Katharina Marie Schubert, um Verwechslungen mit einer Kollegin vorzubeugen. Und sie drehte. Vor und hinter der Kamera. Zwei fantasievoll verschroben-schöne Kurzfilme von Schubert liefen bei den Hofer Filmtagen, beim diesjährigen Münchner Filmfest hatte ihr Spielfilm "Das Mädchen mit den goldenen Händen" seine Uraufführung, am 2. Dezember kommt er in die Kinos, mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle.

Die tollsten Jahre an den Kammerspielen seien jene gewesen, in denen Barbara Mundel dort Chefdramaturgin war. Als Mundel nun Intendantin der Kammerspiele wurde, dachte sich Katharina Marie Schubert, eigentlich müsse sie da mal anfragen. Aber sie ließ es bleiben, weil Mann und Tochter wenig Lust zeigten, nach München zu gehen. Doch dann ging es andersrum. Die Kammerspiele fragten. Und so kehrt Schubert zurück auf die geliebte Bühne des Schauspielhauses, in den "Effingers". Zunächst als Gästin. Aber wer weiß, da kann auch mehr daraus werden.

Die Wiederentdeckung von Gabriele Tergits Roman war vor zwei Jahren eine literarische Sensation. Tergit (1894 - 1982) war die erste Gerichtsreporterin Berlins, schrieb funkelnde Reportagen und brachte 1931 mit dem Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" eine brillante Analyse der damaligen Medienwelt und eines Influencer-Phänomens heraus, als noch niemand wusste, was ein Influencer ist. Da ist einiges von zeitlos schöner Gültigkeit enthalten, ein Medienmanager sagt einmal: "Geist? Wer will Geist? Tempo, Schlagzeile, Sensation, das wollen die Leute." Erschreckend wenig hat sich seitdem geändert.

"Effingers" ist ein großes Epos der Gründerzeit. Auf 900 Seiten erzählt Tergit die Familiengeschichte der bürgerlichen, preußischen und süddeutschen, jüdischen Familien Effinger, Oppner und Goldschmidt von 1878 bis ins Jahr 1942. Eine Ära wird vernichtet, die Industrialisierung überrollt die einfachen Menschen, die Nazis ermorden einige der Familienmitglieder. Tergit selbst floh 1933 nach Palästina, zog 1938 mit ihrem Mann nach London, arbeitete von 1933 bis 1950 an den "Effingers", schrieb in unzähligen Hotelzimmern daran, vollendete schließlich ihre Chronik einer untergegangenen Welt in London. Aber haben wollte das Buch keiner, die Menschen wollten vergessen, nicht erinnern.

Die üppige Produktion ist für die Kammersiele auch die Gelegenheit, endlich das neue Ensemble herzuzeigen. Katharina Marie Schubert liebt das Buch und wünscht ihm eine am besten vielteilige Serienverfilmung. Sie spielt darin eine Grande Dame und, Generation später, Lotte, die Hoffnung auf die Zukunft. Und knüpft damit, um keinen Tag gealtert, an eine Zeit an, in der sie "15 Jahre ununterbrochen Theater gespielt hat". Viele der Menschen, die an den Kammerspielen arbeiten, Technik, Maske, Ton, kennt sie noch von damals, herzlich wurde sie aufgenommen, als Gästin in einem Ensemble, das selbst noch zusammenfinden muss.

© SZ/chj/arga
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