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Theater und Corona:"Komplette Willkür"

Theater Lockdown Kammerspiele Mundel

Schwerer Start: Intendantin Barbara Mundel.

(Foto: Florian Peljak)

Warum dürfen nur 50 Leute in einen großen Theatersaal? Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, findet: Die Kulturbranche war in der Coronakrise viel zu lange viel zu brav.

Interview von Christiane Lutz

Barbara Mundels Intendanz an den Münchner Kammerspielen hat mitten in der Krise begonnen. Bis heute gab es keine richtige Ensembleversammlung, Projekte wurden abgesagt, stattdessen Hygienekonzepte umgesetzt. Zuletzt durften trotz aller Mühen in die Kammerspiele nur noch 50 Zuschauer, die komplette Schließung ist längst in Sicht. Barbara Mundel schnaubt, lacht müde und schaut betrübt.

SZ: Frau Mundel, was bedeutet eine komplette Schließung der Theater?

Barbara Mundel: Das bedeutet, dass wir nicht mehr spielen dürfen und mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kurzarbeit gehen müssten. Das ist die praktische Seite. Die emotionale Seite, puh, da ist eine tiefe Traurigkeit. Die Möglichkeit, sich wenigstens hier noch live zu begegnen, auch dem Publikum zu begegnen, wenn auch eingeschränkt, war extrem wichtig in den vergangenen Wochen. Ich will nicht vor den Infektionszahlen sitzen wie das Kaninchen vor der Schlange.

Sind Sie nicht wütend?

Wütend war ich, als ich das Gefühl hatte, nicht ernst genommen zu werden, in unserem Bemühen, verantwortlich mit der Situation umzugehen. Den Erlass, nur noch 50 Zuschauer ins Theater zu lassen, den empfand ich als komplette Willkür. Ich hielt und halte es trotz allem für wichtig, dass wir in einer Demokratie Regeln verhandeln und einen neuen Umgang mit der Pandemie erlernen. Auch angesichts eines Lockdowns. Lernen und verhandeln kann man aber nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert wird. Das höhlt auf Dauer Demokratie und die offene Gesellschaft aus, die wir doch sein wollen. Krise kann als Gefühl kein Dauerzustand sein.

Warum sollten die Theater offen bleiben?

Wenn man Kitas und Schulen offen halten will, warum dann nicht auch die Theater? Ich bin der Überzeugung, dass gerade jetzt diese Räume wichtig sind, um etwas anderes zu erfahren als soziale Distanz und Angst. Ich finde die Aussicht furchtbar, sich wieder in Wohnungen verkrümeln und in den digitalen Raum ausweichen zu müssen.

Waren die Theater zu lang zu brav?

Ja. Waren wir. Ich finde durchaus, dass wir zu spät reagiert haben. Trotzdem ist mit dem offenen Brief vieler Bayerischer Intendanten und dem Brief aller Münchner Ensembles, egal ob Stadt- oder Staatstheater, an Ministerpräsidenten Söder ein historischer Zusammenschluss gelungen. Ich will mich unbedingt dafür einsetzen, dass wir diese spürbare Solidarität jetzt mitnehmen können in die nächste Runde.

Warum hat es so lang gedauert, bis der Aufschrei kam?

Gute Frage. Ich hatte das Gefühl, dass es ein Klima gibt, in dem man für Widerstand vielleicht bestraft würde. Dass man offenen Widerstand deshalb vermeidet, so lange es geht. Aber wir müssen uns jetzt komplett solidarisch verhalten.

Kulturschaffende argumentieren gern, dass sie so divers seien und deshalb nicht geschlossen auftreten könnten. Ein fataler Fehler, wie sich in letzter Zeit zeigte.

Ja, das ist ein fataler Fehler, angesichts der drohenden Sparmaßnahmen und im Umgang mit der Pandemie. Als ich Intendantin in Freiburg war, ging es vor vielen Jahren um massive Haushaltskürzungen. Da haben wirkliche alle Künstler begriffen, dass wir in der Frage in einem Boot sitzen und es nicht um Einzelinteressen geht. Da entstand eine Lobby, die die Stadt ernst genommen hat.

Hat das Theater versäumt, seine Relevanz zu demonstrieren in den vergangenen Jahren?

Was mich absolut verstört, ist, dass wir gerade wieder über die Freiwilligkeit der kulturellen Subventionen reden müssen. Ich habe gedacht, diese Diskussionen hätten wir hinter uns. München hat jetzt eine Sparrunde beschlossen. Und das im Freistaat Bayern, der sich als Kulturstaat begreift. Ich habe das Gefühl, Kunst ist etwas, das nur so lang relevant ist, wie man sie aus der Portokasse bezahlen kann. Das kann doch nicht wahr sein. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich glaube wohl, dass die Institutionen in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen haben, um demokratische Prozesse zu stärken, um in Kontakt mit jungen Leuten zu kommen. Trotzdem scheint das aber im Moment einer finanziellen Krise und drohenden Haushaltslöchern nicht auszureichen, um klarzumachen, dass Kultur kein "Nice to have" ist. Es hat nicht ausgereicht, das kann man nur konstatieren. Der Befund ist absolut bitter.

Das deutsche Subventionssystem ist einzigartig und absolut zu verteidigen. Aber macht es manchmal auch bequem?

Ja nun, was ist die Alternative? Ich kenne nur Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt, die das deutsche System großartig finden. Wir haben viele internationale Kontakte nach Warschau beispielsweise oder Buenos Aires, wo es fast keine öffentliche Subvention gibt. Das ist der komplette Irrsinn. Warum will man immer, dass die Kunst so agiert, wie Spitzwegs "Armer Poet"? Oder annimmt, aus der Not entstünde bessere Kunst? Das kann ich nicht bestätigen.

Künstler ohne Subventionen müssen flexibler sein, selbst Öffentlichkeit herstellen und sich anpassen. Wenn man zurückschaut, wie gelähmt die Theater im Frühjahr waren, muss man sagen: Den Institutionen fehlt so eine Flexibilität offenbar.

Die Bedeutung der Kultur ist hier in der Verfassung verankert. Dafür sind Institutionen wie die Münchner Kammerspiele auch an unfassbar viele Gesetze der Bundesrepublik gebunden. Tarifgesetze, Mindestlöhne, Arbeitszeiten. Das macht auf eine Weise auch schwerfällig, klar. Aber wir sind nun mal Teil des Systems. Deswegen ist es auch so bitter und kurzsichtig, mit Sparmaßnahmen an die künstlerischen Budgets der Theaterhäuser ranzugehen.

Aber so wenig erstrebenswert ein Tausch mit Künstlern in existenziellen Nöten ist, kann man sich von ihnen nicht doch was abschauen? Offenheit? Schnelligkeit? Digitale Strategien?

Ich scanne gerade, ob es etwas gab, das ich nachahmenswert finde. Es gab interessante Projekte, klar, eine chinesische Künstlergruppe etwa, die ein hybrides Festival gemacht hat über die Pandemie. Aber als Vorbild funktioniert das nicht. Das sind oft unter prekärsten Umständen entstehende Arbeiten. Im Übrigen finde ich es einen zynischen Gedanken, dass der Preis für Schnelligkeit und Offenheit eine existenzielle Not sein soll.

Wie meinen Sie das?

Ich versuche es mit einer Geschichte zu verdeutlichen: In Freiburg erzählt man gern, dass der Oberbürgermeister nach dem Krieg auf den Ruinen des Theaters Klavierkonzerte gegeben hat, um für den Wiederaufbau des Hauses zu sammeln. Der nächste Satz war immer, was für eine großartige Theaterzeit das doch war, wie wichtig Kunst in der Notsituation nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sei. Ich wehre mich gegen den Gedanken, dass Kunst sich nur in der Krise weiterentwickelt.

Wovon sind Sie bereit, sich im Ernstfall doch zu verabschieden? Weg mit dem Kunstanspruch? Weg vom Live-Moment und alle Kraft ins Netz?

In dem Modus bin ich noch nicht. Ich denke eher, Kunst hat eine so wichtige Aufgabe, sie müsste eigentlich mehr Geld kriegen. Ich befinde mich seit Monaten in Zoom-Meetings und kann die Begeisterung für gestreamtes Theater nicht teilen. Wir können lernen, klar, wollen uns auch da weiter bewegen. Aber es ist keine Alternative, finde ich.

Keine Alternative, sicher, aber die Umstände zwingen alle dazu, Dinge anders zu betrachten und neu zu bewerten.

Auch Proben und Spielen unter Pandemiebedingungen waren und sind ein großes Zugeständnis. Aber sicher, jetzt müssen wir Superkräfte mobilisieren. Wir könnten in Bayern mit der Kunst in die Kirchen ziehen und einfach sagen, Theater ist Gottesdienst.

© SZ vom 29.10.2020/khil
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