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Karl Valentin:Bayern traut sich nicht an Karl Valentin ran

Gunter Fette (unten) hat ein Hörbuch über "Valentin und die Musik" veröffentlicht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Nachlassverwalter des Komikers bekommt ständig Anfragen, ob aus Finnland, Italien oder Mexiko. In seiner Heimat ist Valentin dagegen zum Denkmal erstarrt.

Hat sich Gunter Fette diesen prachtvollen Satz vorher zurechtgelegt? Vermutlich ist er unbeabsichtigt entstanden, also im Vorgang des Sprechens erwachsen. "Karl Valentin war nach seinem Tod tot", sagt Fette. Das hätte auch Valentin so sagen können. Was Gunter Fette wirklich meint: Als der Humorist im Februar 1948 starb, war er als Künstler vergessen; und das für lange Zeit.

Heute ist Fette, 75, als Valentins Nachlassverwalter gut beschäftigt. "Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht Anfragen zu Valentin kriege", sagt er. Es geht um die Verwendung von Texten und Fotos aus Valentins Leben und Werk.

Gunter Fettes Büro liegt am Bavariaring. Schon im Foyer trifft man auf Karl Valentin, das heißt: auf ein Plakat einer Valentin-Aufführung in Durban in Südafrika. Dann kommt eines aus Rio de Janeiro. "Die haben dort - und auch in Sao Paulo - Ende der Achtzigerjahre Valentin gespielt, etwa 100 Vorstellungen am Stück", sagt Fette. Er geht weiter. "Ach, hier, das ist mein Lieblingsbild von ihm", sagt er, kurz bevor er sein Büro betritt. Die Zeichnung zeigt einen spindeldürren, vornüber gebeugten Valentin, den das Gewicht einer Weltkugel, die an seinem Hals hängt, nach unten zieht. "Besser könnte man sein Leiden unter den Beschwernissen des Lebens nicht darstellen."

Natürlich trifft man auch in Fettes Büro ständig auf den Komiker, zum Beispiel auf eine riesenhafte Valentin-Marionette. Wenn man aus dem Fenster blickt, schaut man direkt auf ... nicht auf Valentin, sondern auf die Bavaria. "Sie winkt mir jeden Morgen zu", sagt Gunter Fette. Dann redet er über sein Sofa. Es ist ein braunes Ledersofa, schön wuchtig. Berühmte Leute waren dort gesessen. Der Filmanwalt Fette hat sie alle vor Gericht vertreten, etwa Luis Trenker.

"Der Trenker saß mal hier, als er schon über 90 war", erzählt er. "Damals hatte die Bild geschrieben, er könnte der Vater des Kindes seiner schwangeren, jungen Haushälterin Martina sein." War er es? "Natürlich nicht - und Luis Trenker tobte", sagt Fette. "Er saß mit der hochschwangeren Martina bei mir auf dem Sofa und hat wie wahnsinnig auf die Sauhund und Lügner von der Presse geschimpft."

Fette lächelt. "Aber von einem Moment auf den anderen hat sich sein Gesichtsausdruck verändert. Er strahlte." Fette macht Trenker nach. "Und dann streichelte Trenker der neben ihm sitzenden Martina über den Bauch und sagte: ,Aber wann es a Bua wird, dann nennen wir ihn Luis, gell Martina'." Fette lacht. Nicht laut. Er bricht sein leises Lachen auch sehr schnell ab, es geht über in ein Grinsen.

Karl Valentin

"Kunst kommt von können, nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen",sagte Karl Valentin. Ein Bonmot von vielen aus dem Nachlass des Komikers, über den Verwalter Vette wacht.

(Foto: Valentin Erben c/o RA Fette)

Gunter Fette hat sich gewissenhaft auf das Gespräch vorbereitet. Er hat Artikel kopiert, die über ihn geschrieben wurden, er hat seine Aussagen über Prominente dokumentiert und kopiert, und er übergibt seinem Gast eine handgeschriebene Liste seiner Mandanten und Ex-Mandanten; ein paar Charaktere kommentiert er auch.

Ganz oben auf der Liste stehen Maria Schell ("kein Seelchen, sondern eine ganz große Seele"), Lilo Pulver ("hielt oft mehr, als sie vorher versprach"), Maximilian Schell ("er sagte, er sei kein Schauspieler, sondern Philosoph"), Curd Jürgens, Mario Adorf, Luis Trenker, Johannes Heesters und Pierre Brice. Viele sind schon gestorben, und so wurde Fette vom Anwalt zum Nachlassverwalter. Geblieben sind die Geschichten.

Etwa die mit Bernhard Wicki, dem berühmten Regisseur. Wicki war verheiratet, hatte aber ein Verhältnis mit der Schauspielerin Elisabeth Endriss. Fette erzählt, wie Bernhard Wicki eines Tages unangemeldet in seiner Kanzlei aufgetaucht sei, "mit einem lila Jogginganzug", und wie er mit einem wütenden "die blöde Kuh!" die Abendzeitung auf den Tisch knallte. Endriss hatte dem Blatt gesagt, dass sie ein Verhältnis mit Wicki habe. Fette riet ihm, seine Frau zu informieren, bevor sie es von Dritten erfahren würde. "Als er sie am Telefon hatte, sagte er: ,Ich bin gerade beim Fette - und der muss dir was sagen.' Dann gab er mir den Hörer."

Fette schweigt kurz. Er denkt nach. Hat er zu viel verraten? Er beschließt, dass er nicht zu viel verraten hat. "Bernhard Wicki hat das ja in seinem Buch auch geschrieben", sagt er.

Fettes Familie muss aus der DDR fliehen

Gunter Fette wurde 1941 in Westpreußen geboren. Nach dem Krieg flohen die Mutter und die beiden Söhne - der Vater war in Stalingrad gefallen - vor den Russen und kamen in einem Haus der Oma in Thüringen unter. "In der Scheune der Großmutter habe ich als Kind schon Theater gespielt", erzählt Fette. "Am liebsten war ich der König, und mein Bruder hat mir später erzählt, dass ich die Krone selbst im Bett noch aufgehabt habe." Und er hat Eintritt verlangt: zehn Pfennig.

Der Bruder, acht Jahre älter als Gunter Fette, ging 1951 zum Studium nach West-Berlin, doch die Mutter und der jüngere Sohn blieben - der Oma zuliebe. Sie betrieben eine Landwirtschaft; aber sie wurden als "Kapitalisten" geschmäht, weil der Großvater früher eine große Seifenfabrik hatte. "Wegen meiner sozialen Herkunft und meiner politischen Einstellung hätte ich in der DDR keine Chance gehabt", sagt Fette, "ich hätte nicht studieren können."

1958 starb die Oma, und Mutter und Sohn planten ihre Flucht. "Wir haben sehr viel riskiert", sagt Gunter Fette. Wären sie erwischt worden, sie hätten wohl zwei Jahre ins Gefängnis gemusst. "Ich habe dann mit 20 Jahren Diabetes bekommen", erzählt er, "möglicherweise lag das an dieser großen Belastung durch die Flucht."

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