Kabarett Der Mann im Schatten der Rampensäue

Weitsichtiger Chronist deutsch-deutscher Geschichte: Klaus Peter Schreiner bei einem Auftritt 2008 in Gauting.

(Foto: Georgine Treybal)

Klaus Peter Schreiner rettete die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, er war Vordenker der deutschen Fernsehsatire. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Nachruf von Oliver Hochkeppel

Am Anfang war er freiwillig und explizit ein Namenloser: "Die Namenlosen" nannte sich das Studentenkabarett, das Klaus Peter Schreiner, Student der Kunstgeschichte, Theater-, Literatur- und Zeitungswissenschaft, 1953 unter anderem mit Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt aus der Taufe hob - für das Faschingsfest der Theaterwissenschaftler. Ein Name, der tatsächlich kaum dazu geeignet war, sich ins Gedächtnis einzugraben und umso rascher in Vergessenheit geriet, desto erfolgreicher sich der Nachfolger zu einer der ersten Adressen des deutschen Kabaretts entwickelte: die Lach- und Schießgesellschaft.

Kurz vor der Premiere des ersten Programms 1956 war Schreiner nach einem Streit um Nichtigkeiten zwar abtrünnig geworden und zur "Zwiebel" gegangen. Rechtzeitig aber gelang es Hildebrandt und Drechsel, ihn zurückzuholen. Von da an blieb Schreiner dem "Laden" fast 50 Jahre lang treu - als wichtigster Hausautor.

Eine beeindruckende, an Tucholsky heranreichende Sprachgewalt

Angefangen hatte Schreiner zunächst auf einer ganz anderen Baustelle, den Naturwissenschaften. 1930 in Zweibrücken in der Pfalz geboren, war er zwar alt genug, die Schrecken des Krieges bewusst mitzuerleben, aber glücklicherweise zu jung, um selbst an die Front zu müssen. Nach Krieg und nachgeholtem Abitur nahm Schreiner 1949 in Mainz ein Chemiestudium auf, das ihn jedoch bald nicht mehr so fesselte, wie er das erhofft hatte.

Er wechselte zur Philosophischen Fakultät, wo er Hanns-Dieter Hüsch kennenlernte, den niederrheinischen Kauz des deutschen Nachkriegskabaretts, der ihn für die Macht der Worte und die Kraft der Bühne sensibilisierte. Schon im Jahr darauf zog Schreiner in die Stadt München, die seine Heimat wurde, ebenso wie die Lach- und Schießgesellschaft zu seinem Zuhause.

Sein Name wurde hier schnell bekannt, sein Gesicht freilich kannte lange nur der innere Zirkel - hatte Schreiner doch, von kleinen Intermezzi, Gastauftritten und dem fast pflichtschuldigen Einrücken ins Ensemble während der großen Krise der Lach- und Schieß 1999 abgesehen, die Bühne rasch zugunsten der Arbeit im Hintergrund aufgegeben. Dort, sozusagen im Schatten der Rampensäue, wurde er dafür die graue Eminenz der Branche. Nicht nur als Haustexter und Co-Autor aller Lach-und Schieß-Programme bis 1999, sondern auch als Mastermind der deutschen Fernsehsatire: 15 Jahre lang schrieb er "Die Rückblende" für RIAS Berlin, ein paar Jahre lang auch die BR-Glosse "Was sagen Sie dazu"; er war Dieter Hildebrandts Alter Ego bei "Notizen aus der Provinz" und dem "Scheibenwischer", er arbeitete bei Michael Pfleghars "Klimbim" ebenso mit wie bei Gerhard Polts "Fast wia im richtigen Leben" - immer noch zwei Meilensteine der deutschen Fernsehgeschichte; selbst der Playboy verdankte ihm zwölf Jahre lang amüsante Lesbarkeit abseits der Bildstrecken.

Schreiners Erfolgsgeheimnis lag nicht nur in der beeindruckenden, an Tucholsky heranreichenden Sprachgewalt, sondern auch in der Fähigkeit, "ein wenig früher zu wissen, welche Philosophien abgenutzt waren, was Mode und was echt ist", wie es sein Freund und Weggefährte Dieter Hildebrandt in seiner Laudatio zum Bayerischen Kabarettpreis für Schreiners Lebenswerk 2007 formulierte.

Angeblich neue neoliberale Radikalökonomen

Das demonstrierte er dem Publikum in seinem Lebensherbst am liebsten wieder persönlich. Zu Lesungen seiner besten Texte reiste er in der ganzen Republik umher, erst mit dem Programm "Meistersatiren", seit 2002 mit "Einmal Deutschland und zurück", das ihn endgültig als einen der genauesten und weitsichtigsten Chronisten deutsch-deutscher Geschichte auswies. Fast erschreckend, wie aktuell viele seiner Texte noch nach Jahrzehnten waren und zum Teil bis heute sind: ob solche zur vermeintlichen Pressefreiheit, zu den Fluten scheinbar hilfreicher neuer Technologien bis zu den nur angeblich neuen neoliberalen Radikalökonomen.

Prototypisches fing er auch zum eigenen Metier ein, unvergessen und unerreicht ist etwa sein schon im Jahr 1965 entstandenes Gedicht über den Kabarettbesucher: Erst lacht er sich halb scheckig und frohlockt: "Nie mehr schau' ich so 'nen Mist an wie Hamlet oder Tristan", doch "verpasst er dann die Tram, war's wieder mal ein Scheißprogramm."

Nach längerer Krankheit und an den Folgen eines Schlaganfalls ist Klaus Peter Schreiner, diese herausragende Gestalt des deutschen Kabaretts, am Dienstag im Alter von 86 Jahren gestorben.

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